08.09.2014

Der Junge Siyar

Der Junge Siyar ist kein sympathischer Held, mit dem man sich gern identifiziert. Der 16-Jährige Kurde aus dem Nordirak beschließt, nach Europa zu fliehen. Dort sucht er nicht wie so viele andere Wohlstand und Glück, sondern seine Schwester – um sie umzubringen. Gesehen von Julia Hoffmann.

 

 

Siyar lebt in einem Dorf in Kurdistan in ärmlichen Verhältnissen. Nach dem Tod seines Vaters ist er das Familienoberhaupt und trifft alle wichtigen Entscheidungen. Als der Stammesführer aus dem Nachbardorf seinen Sohn mit Siyars älterer Schwester Nermin verheiraten will, willigt Siyar ein. Seiner Schwester gegenüber beteuert er, ihr werde es gut gehen bei ihrem künftigen Mann und das Haus stünde ihr immer offen. Doch am Tag der Hochzeit ist Nermin verschwunden, geflüchtet nach Istanbul, mit ihrem Liebhaber. Um die Familienehre wieder herzustellen, beschließt Siyar, seiner Schwester nachzureisen, um sie zu töten. Unterstützt wird er dabei vom kurdischen Clan-Führer aus dem Nachbardorf, der seinen Sohn entehrt sieht. Um im Inneren eines Tanklasters die Grenze zur Türkei zu überwinden, lässt Siyar sich in Frischhaltefolie einwickeln. Und beginnt so seine Reise quer durch Europa.

Es ist der erste Langfilm des kurdischen Regisseurs Hisham Zaman, der in Norwegen lebt und selbst als Jugendlicher mit seiner Familie aus dem Irak geflohen ist. Der Protagonist Siyar wird auf seiner Reise von kurdischen Schlepperbanden immer weiter in die Mitte Europas geschleust, bis ins verschneite Norwegen. Dem Schauspieler Taher Abdullah Taher merkt man an, dass er zum ersten Mal vor der Kamera steht. Unnahbar wirkt er, verschlossen, wie seine Figur Siyar. Die Traditionen lasten auf ihm, wirken wie ein Paar zu große Schuhe. Siyar taut erst etwas auf, als er in Istanbul das Straßenmädchen Evin (Suzan Ilir) trifft, das sich als Junge verkleidet durchschlägt. Er entwickelt Zuneigung zu ihr, die ihn allerdings nicht von seinem eigentlichen Ziel abbringt, seine Schwester zu finden. Evin will nach Berlin zu ihrem Vater und die beiden setzen ihre Reise gemeinsam fort. Durch die Begegnung gerät Siyars Weltbild ins Wanken.

Die Szenen in einem Istanbuler Hotel erinnern in ihrer Machart an türkische Telenovelas. Unschlüssig erscheint, woher immer neues Geld für Schlepper und Flucht kommen. Gibt es wirklich überall in Europa Mitglieder des einen kurdischen Dorf-Clans, der Siyar unterstützt?

Zwangsheirat, Flüchtlingsgeschichte, Ehrenmorde – es ist schwerer Stoff, den Hisham Zaman zu weben versucht. Die Vielzahl der großen Themen führt dazu, dass diese nur gestreift werden, ohne in die Tiefe zu führen. Vielleicht etwas zu viel für einen Film, dessen schwermütiger Inhalt den Zuschauer verstört zurücklässt.

 

Kinostart: 11. September

www.siyar-film.de

 

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