16.05.2017

Interview mit Jesuit Peter Köster

„Die ganze Wahrheit des Lebens aushalten“

Exerzitien, wie geht das? Der Jesuit Peter Köster aus Frankfurt kennt sich aus. Seit vielen Jahrzehnten begleitet er Menschen bei den „geistlichen Übungen“ des Ignatius von Loyola. Jetzt hat Pater Köster einen Kommentar zu dessen Exerzitienbuch geschrieben. Im Interview gibt er Auskunft über Schweigen-Lernen und Tagesrituale. Von Johannes Becher.


Frage: Gibt es ein Lieblingswort des heiligen Ignatius für Sie?

Jesuit Peter Köster. Foto: SJ-Bild/Christian Ender
Jesuit Peter Köster. Foto: SJ-Bild
/Christian Ender

Age, quod agis! Tu, was Du tust –mit voller Präsenz!

Wie kann ich Schweigen üben?

Mir hilft es, eine leibliche Haltung einzunehmen, die einerseits körperliche Ruhe und Durchlässigkeit sowie geistige Wachheit und Empfänglichkeit fördert, andererseits Ausdruck der Ehrfurcht und Sammlung vor dem Geheimnis Gottes ist. Dabei versuche ich,  mich nach Art der kontemplativen Gebetstradition mit einem kurzen Gebetswort oder -satz gegenwärtig zu halten. Das ruhige, unablässige Wiederholen des Wortes oder Satzes ermöglicht, die eigenen Gedanken, Wünsche und Sorgen leichter hinter sich zu lassen.

Muss ich allein sein können, um an „Geistlichen Übungen“ teilzunehmen?

Ignatianische Exerzitien sind eine Zeit der Einsamkeit und des Gebets. Teilnehmen kann nur, wer zu einem durchgehenden Schweigen fähig und bereit ist.
Morgens vor dem Frühstück und abends biete ich je eine halbe Stunde Schweigemeditation für die maximal sieben Teilnehmer/-innen an. Ich sehe darin eine Hilfe für die innere Sammlung und das Sich-loslassen, für das Hineinwachsen ins Schweigen, für das Aushalten und Sich-verwandeln-lassen vom Wort Gottes. Zusätzlich biete ich am Morgen vor der Schweigemeditation Leibübungen an, die helfen, ins Spüren und in die leibliche Präsenz zu kommen.

Gibt es generell einen Kriterienkatalog für die Eignung zur Teilnahme?

In den „Geistlichen Übungen“ geht es darum, sein Leben aus der Perspektive des Evangeliums in den Blick zu bekommen und aus der Dynamik des Evangeliums formen zu lassen. Mit anderen Worten: Es geht um ein intensives Suchen nach einem persönlichen Weg im Glauben aus der Begegnung mit dem Wort Gottes, um so sein Leben zu „ordnen“. Von daher sind die-se Exerzitien nicht geeignet für Menschen, die längere Zeit ihren physischen, psychischen und spirituellen Haushalt überstrapaziert haben.
Eine gewisse Gebetspraxis sowie eine gewisse Ausgeglichenheit des Gefühlshaushaltes sind weitere Voraussetzungen für diesen geistlichen Individuationsprozess.

Also sind ignatianische Einzelexerzitien nichts für Ungeübte oder Spiritualitäts-Einsteiger?

Für diese Zielgruppe gibt es eine große Auswahl anderer  Angebote und Möglichkeiten. Ich habe  selbst zum Beispiel über viele Jahre Exerzitien im Alltag begleitet.

Warum sind Exerzitien Ihrer Meinung nach „anstrengend“?

Es kann schon mal anstrengend sein, vier oder fünf Stunden Gebetszeit pro Tag auszuhalten. Auch kann es anstrengend sein, die „ganze Wahrheit“ seines Lebens (zum Beispiel eigene Unfreiheiten)  zu erkennen und auszuhalten. Das bedeutet nicht, dass ignatianische Exerzitien nicht auch Ruhe, Gelassenheit und Erholung bringen können, aber die Bereitschaft,  sich – wenn nötig – anzustrengen, sollte schon gegeben sein.

Was habe ich von Exerzitien?

Aus der Beziehung zu Christus eine deutlichere Ausrichtung meines Lebens als Getaufter und Gefirmter, als Priester oder Ordenschrist. Die Zukunft der Kirche liegt bei den Getauften und Gefirmten.

Warum sind die spirituellen Übungen des Ignatius auch nach 450 Jahren noch aktuell?

Die „Geistlichen Übungen“ des heiligen Ignatius haben nichts von ihrer spirituellen Vitalität und Dynamik eingebüßt, weil sie vor allem die Beziehung zu Gott, zu Christus neu beleben und so Orientierung geben für eine aus der Kraft der geistlichen Unterscheidung in die Zukunft weisende Form von Kirche, wo Menschen Lebensdeutung und Lebenshilfe erfahren.

Was kann ich von den ignatianischen Exerzitien in meine Alltagsspiritualität übernehmen? Gibt es ein geeignetes Tagesritual?

Ja, dazu habe ich am Ende meines Kommentars einige einfache Übungen vorgestellt, die helfen können, das Unerlässliche und das Mögliche von Gebetszeiten zu entdecken und auszuloten. Nur Übungen, die einfach und wiederholbar sind, haben auf Dauer eine verwandelnde Kraft.

Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Begleiter bei Exerzitien? Helfen Sie Menschen beim Abstieg in ihren inneren Brunnen?

Je unmittelbarer ich in der aktuellen Begleitung meine Aufmerksamkeit auf das Gegenwärtige richte, je genauer ich hinschaue und hinhöre, desto stärker bin ich mit dem verbunden, was gerade im Begleiteten abläuft.
Je näher ich im Augenblick bin, desto besser kann ich mich ins Unbekannte vortasten. Ich überlege nicht im Voraus und verfolge auch keine bestimmte Absicht. Ich kenne auch nicht das Ende, sondern nur den nächsten Schritt und auch den nicht immer gleich. Manchmal muss ich warten, bis sich etwas zeigt. Erst am Ende sehe ich, dass es sinnvoll war. Ich versuche, im Einklang mit mir zu sein, und daraus kommt dann häufig wie ein Geschenk eine Einsicht, von innen heraus zeigt sich ein nächs-ter Schritt.
Freilich gehört zu dieser Art von Aufmerksamkeit der Glaube an die Gegenwart des Herrn. Sie ist die zentrale Komponente des Kraft- und Wirkungsfeldes, in  dem ich mich mit dem Begleiteten bewege. Ich habe selbstverständlich den Wunsch und die Absicht,  die Begleiteten auf dem Weg mit Gott in der Nachfolge Jesu zu unterstützen, aber diese Absicht ist wie eine Grundströmung, die sich durch das ganze Geschehen der Begleitung zieht. Ein ganz wichtiger Faktor in der Begleitung ist die Furchtlosigkeit vor dem, was sich zeigt. Alle Gedanken und Vorstellungen, die Angst machen, vernebeln die Wahrnehmung. Zentral ist für mich auch, im Blick zu haben, was dem Einzelnen Kraft gibt und was ihm Kraft nimmt. Es ist also für das Weitergehen essentiell, das der Begleitete in seine Kraft kommt. Deshalb orientiere ich mich an dieser Richtung zu mehr Kraft wie an einem Kompass.

Für wen ist Ihr kommentiertes Exerzitien-Übungs-Buch eine Hilfe?

Mein Kommentar ist nicht ausschließlich für Exerzitienbegleiter gedacht. Auch für Teilnehmer an solchen Exerzitien kann dieses Buches eine gute Hilfe sein, ihren Prozess zu reflektieren. Zudem laufen viele Angebote unter dem Namen „Exerzitien“, für die eine solche Bezeichnung irreführend ist. Da kann dieser Kommentar zu einer hoffentlich fruchtbaren Klärung beitragen.

Peter Köster: Zur Freiheit befähigen. Die geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola.
Ein Kommentar, Echter Verlag, 368 Seiten, 24,90 Euro
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Die Kirchenzeitung verlost fünf Exemplare des Buchs, bitte rufen Sie an am Montag, 22. Mai,
von 10 bis 10.15 Uhr.