12.05.2016

Liberal und konservativ – Flügelkämpfe im Fokus der Presse

Die Lehmann-Kirche

Für Joachim Frank, seit 2011 Chefkorrespondent der DuMont-Mediengruppe, steht Kardinal Karl Lehmann für eine eigene Form theologischen Denkens. Eine Form, die nicht nur Freunde hat.

Lehmann (Mitte) beim Kölner Literaturfestival lit.cologne 2104 mit Joachim Frank (rechts) und dem Verleger Alfred DuMontFoto: kna-bild
Lehmann (Mitte) beim Kölner Literaturfestival lit.cologne 2104 mit Joachim
Frank (rechts) und dem Verleger Alfred DuMont. Foto: kna-bild

Mitunter benennt die Nachwelt geschichtliche Epochen nach den Männern oder Frauen, die sie geprägt haben. Im 20. Jahrhundert hat es ein deutscher Bischof geschafft, dass eine komplette Form theologischen Denkens und ekklesialen Handelns seinen Namen bekommen hat: die „Lehmann-Kirche“.
Nun war diese Kreation ursprünglich keineswegs als Würdigung gedacht, im Gegenteil. Die Gegner des Mainzer Kardinals führten das Wort von der „Lehmann-Kirche“ geringschätzig, abwertend, bisweilen hasserfüllt im Mund. Es kam auf, als in Deutschland erbittert über den Verbleib der katholischen Kirche im gesetzlichen System der Schwangerenkonfliktberatung gestritten wurde. Die Kritiker sahen im Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ihren Erzfeind: zu nah am Staat, zu sehr verbandelt mit der Politik, zu diplomatisch, zu lax … Zu verweltlicht, würde man heute sagen – im Licht der Freiburger Rede Papst Benedikts XVI. von 2011.

Vor „Verdunkelung“ gewarnt
 

Joachim Frank Foto: Joachim Frank, DuMont Mediengruppe Foto: Rakoczy/KStA
Joachim Frank, DuMont Medien-
gruppe Foto: Rakoczy/KStA

Der nachmalige Papst spielte als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation eine eigene Rolle im Streit über die Schwangerenberatung. In seinem platonisch geprägten Welt- und Kirchenbild kollidierte das Ideal der reinen Lehre und der heiligen Kirche fast notwendig mit dem Ansatz des Karl-Rahner-Meisterschülers Lehmann bei der vielgestaltigen, oft mehrdeutigen und selten lupenreinen Wirklichkeit. Am Ende überwog die Warnung Papst Johannes Pauls II. und seines Cheftheologen Joseph Ratzinger vor der „Verdunkelung des kirchlichen Zeugnisses“ gegenüber dem Wort des Limburger Bischofs Franz Kamphaus, wonach sich die Kirche – sinngemäß – die Hände schmutzig machen muss, wenn sie Menschen aus dem Dreck holen will.

Ist es nicht seltsam, dass dieses Motiv unter dem Nachfolger Johannes Pauls und Benedikts Programm geworden ist? Die „Lehmann-Kirche“ als Vorwegnahme des franziskanischen Modells einer „verbeulten Kirche“ – vielleicht überspannt dieser Bogen ein wenig die tatsächlichen Verbindungslinien. Aber immerhin ist es kein Geheimnis (mehr), dass Karl Lehmann als Kardinal im Konklave zu denen gehörte, die Jorge Mario Bergoglio schon 2005 auf der Liste hatten. 

Doch was soll das alles? Was interessieren die Geschichten aus der Vergangenheit, die geschlagenen Schlachten und die alten, mehr oder weniger gut verheilten Wunden – in dem Moment, in dem Karl Lehmann sein Bistum aus der Hand gibt? Und was haben sie mit Lehmanns Verhältnis zu den (säkularen) Medien zu tun? Eine Menge! Weil Lehmann Sinn für die moderne Welt hat und als Theologe sogar Sinn in ihr sieht, deshalb erfüllen Journalisten in seinen Augen eine sinnvolle Aufgabe – sogar dann, wenn ihnen der katholische sechste Sinn abgeht. Zugegeben, als Interview-Partner war und ist der Kardinal ein schwerer Brocken. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit in 1:30? Das Ganze im Fragment des einen, kurzen Zitats? Da sei der Schutzpatron der Wissenschaftler vor, der (noch) nicht Karl Lehmann heißt, sondern Albertus Magnus.

Ein Glücksfall für Journalisten

Was oberflächliche Zuhörer Lehmanns als Wischiwaschi oder gepflegtes Einerseits-Andererseits abtun könnten, folgt der Tugend der Differenzierung – die zu pflegen Theologen und Journalisten gleichermaßen obliegt. Und natürlich fällt auch das bei Lehmanns Kontrahenten unter das Verdikt der „Lehmann-Kirche“ – dass in ihr die Dinge nämlich nie so simpel sind, wie die Einfältigen oder die Einpeitscher sie gern hätten.

Unterdessen dürfte es zudem kaum mehr eine Journalisten-Frage unter dem katholischen Himmel geben, die Karl Lehmann noch nicht erörtert und zu der er nicht (mindestens) einen Aufsatz, einen Sammelband oder eine eigene Monografie veröffentlicht hat. Auch damit macht er es Medienleuten mit ihrer Pflicht zur Recherche und zur Quellensuche nicht einfach.

Umgekehrt ist der Kardinal eben auch einer, der (ihnen) keine Antwort schuldig bleibt. Wenn er damit mal kein Glücksfall ist, dieser Karl Lehmann – für Journalisten, aber mehr noch für seine Kirche!

 

Hier geht's zum Dossier "In Gedenken an Kardinal Lehmann".

 

Glaube und Leben Extra TitelbildDieser Artikel ist entnommen aus einer Extra-Ausgabe, die "Glaube und Leben" zum 80. Geburtstag von Kardinal Lehmann veröffentlicht hat. Diese können Sie kostenlos hier herunterladen.