23.02.2016

Jahresserie: Das Jesus-Team (2) – Heimat

Die Nachbarschaft im Blick

Das Feuer im Kamin flackert und strahlt angenehme Wärme aus. Das Licht ist gedimmt. Auf dem Wohnzimmertisch sticht eine mit Kieselsteinen drapierte Kerze ins Auge. Und dann noch Kannen mit drei verschiedenen Tees, Mineralwasser, Tassen und Gläser: Jutta Hajek (50) möchte, dass sich ihre acht Gäste an diesem Winterabend wohlfühlen. Von Bernhard Perrefort.

Kerzenschein und Tee: Am Wohnzimmertisch von Jutta Hajek (Vierte von rechts) fühlt sich die Kleine Christliche Gemeinschaft aus Kelkheim beim Bibelteilen sichtlich wohl. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz. Vorne links: Jacqueline Schlesinger Foto: Bernhard Perrefort
Kerzenschein und Tee: Am Wohnzimmertisch von Jutta Hajek (Vierte von rechts) fühlt sich die Kleine Christliche Gemeinschaft aus Kelkheim beim Bibelteilen sichtlich wohl. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz. Vorne links: Jacqueline Schlesinger Foto: Bernhard Perrefort

Heute ist die Journalistin Gastgeberin der Kleinen Christlichen Gemeinschaft (KCG) in Kelkheim. Schon einige Minuten vor 20.30 Uhr sitzen sieben Frauen und ein Mann, die sich zum Bibel-Teilen treffen, am Tisch und schenken sich Getränke ein. Alle Gäste haben ihre Bibel mitgebracht – neu, alt, groß- oder kleinformatig. Jutta Hajek verteilt Zettel mit zwei Liedern, begrüßt alle herzlich und bittet, die Kerze anzuzünden.

Seit rund sechs Jahren gibt es die KCG in Kelkheim, nachdem Marita Nazareth, eine Expertin aus Mumbai/Indien, KCGs vorgestellt hatte. In Asien und Afrika sind sie weit verbreitet. Nicht nur Jacqueline Schlesinger (51), heute als Referentin im Bistum Limburg unter anderem für Gemeindeentwicklung zuständig und nach wie vor in Kelkheim wohnend, fragte sich damals: „Wie kann eine KCG bei uns aussehen?“ Und gab sich gleich die Antwort: „Eins zu eins übertragbar auf deutsche Verhältnisse sind sie sicherlich nicht.“

Wie auch immer. Man war „begeistert“, informierte sich weiter, ließ sich sogar schulen und  „machte“, so Hajek, „schließlich Nägel mit Köpfen“. Das Ziel: Aus dem Evangelium heraus als fester Bestandteil der Pfarrgemeinde, aber in größer werdenden Seelsorgeeinheiten, „die Bezüge und Nöte der Menschen in der Nachbarschaft wahrnehmen und handeln“ (Jutta Hajek). In Kelkheim ist es das ganze Stadtgebiet, da die KCG-Mitglieder mittlerweile in verschiedenen Stadtteilen wohnen. Immer offen für Interessierte aller Couleur, trifft sich die Gruppe einmal im Monat, privat, an unterschiedlichen Werktagen, damit diejenigen, die sich anderweitig (in der Pfarrei) engagieren, regelmäßig teilnehmen können.

Wie das „Nesthäkchen“ in der Runde, die Messdienerin Simone Herde (31), die in der KCG neue Leute kennenlernt, „ sich hier wie zuhause fühlt und Bibel anders erlebt“. Und nicht nur sonntags. Für Angelika Bächle (50) ist es die „Nähe zu den Glaubensgeschwistern“, die sie an den KCGs wertschätzt, aber ebenso „als Herausforderung“ betrachtet.

Text intensiv lesen und „Schatz heben“

Wie an diesem Winterabend. „Wer möchte, kann Jesus Christus jetzt noch mit eigenen Worten begrüßen“, regt die heutige Gastgeberin nach Kreuzzeichen und Lied zu einem Gebet an. So wird zum Beispiel um Jesu Beistand „für einen guten Austausch“ gebeten. Im Mittelpunkt steht die Lesung aus dem ersten Korintherbrief „Der eine Leib und die vielen Glieder“. Zwei Teilnehmerinnen lesen den Text nacheinander langsam aus verschiedenen Fassungen vor. Sogar dreimal – stets mit einer stillen Pause dazwischen – hebt anschließend jede(r) in einem dritten Schritt „den verborgenen Schatz“ hervor, indem ein Satz oder nur ein Satzstück aus der Lesung wie ein Gebet vorgetragen wird.

So gesprochen, wirken diese kurzen Passagen eindringlich und intensiv nach: Aussagen wie „Sind wir alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer?“ oder „gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich“.Und sie wirken auf jeden anders: Denn es sind gerade diese kleinen Gruppen, in denen „Charismen offenbar werden“, betont Hajek. Darauf kommt es den KCGs auch an. „Denn im Unterschied zu den Bibelkreisen in den Pfarrgemeinden, steht bei uns der Gedanke, gesandt zu sein, im Vordergrund. Was ist unser Auftrag?“, bringt es Schlesinger auf den Punkt.

Welche Stellen berühren das Herz?

In Hajeks Wohnzimmer geht es darum, zu erkennen, welche Textstellen „uns besonders im Herzen berührt haben“. Jeder spricht in der Ich-Form: ein Mitteilen, keine Diskussion. Da ist von der Begegnung mit einem Obdachlosen und einem tiefgehenden Gespräch die Rede. Von Trost und Ermutigung, weil ja jeder für Gott gleich wichtig ist, unabhängig von Status und Funktion. Von eigenen Schwächen, die, „das wissen wir jetzt“, nicht negativ sein müssen. Die selbstironische Anmerkung einer Teilnehmerin lässt die Runde lachen. Ja, Humor ist trotz aller Ernsthaftigkeit nicht fehl am Platz. Erst nach dieser längeren Phase fragt Jutta Hajek: „Wo und wie können wir wiederum im persönlichen Umfeld aktiv werden?“
Eine Teilnehmerin erzählt von einem bevorstehenden Gespräch mit zwei Schülerinnen, die „etwas ganz Schlimmes“ angerichtet haben. Sie gesteht ihre Wut ein, sie müsse die Jugendlichen auch maßregeln. Durch die Bibelstelle sei ihr aber ebenfalls klar geworden, den Mädchen zu verdeutlichen, dass sie selbstverständlich weiter wichtiger Teil der Klassengemeinschaft seien.

Andere Gruppenmitglieder möchten auf die neuen Nachbarn zugehen, sie besser kennenlernen, auch über den Glauben sprechen, einfach zeigen: „Wir sind da.“ Das gilt nicht zuletzt für die neu gegründete Großpfarrei St. Franziskus, die auch Liederbach miteinbezieht und in der sich die KCG als Gruppe der Pfarrei noch deutlicher präsentieren will. Und eine Teilnehmerin regt an, einer mazedonischen Familie, die abgeschoben wird, durch Vermittlung von Anlaufstellen in der Heimat zu helfen. Die Kelkheimer KCG verfüge ja durch ihre Mitglieder über vielfältige Beziehungen.

Genau das ist es, was KCGs unter anderem beabsichtigen: Hilfe auf Zuruf, Netzwerke nutzen, direkte Beziehungen zu den Mitmenschen aufbauen. Jacqueline Schlesinger nennt viele Pluspunkte für KCGs. Pfarreien könnten nicht immer so unmittelbar reagieren. Daran knüpft Gabriel Benz (50), an, der dort „Akzente setzen“ möchte. Ausgangspunkt für ihn ist wieder der Austausch innerhalb der KCG, in der „nicht der Theologe, sondern jeder mit seinem Verständnis der Bibelstellen zählt“. Daraus ließen sich Handlungen ableiten.

Frei beten und Gott danken

Bei alledem vertraut die Kelkheimer Gruppe auf Gottes Beistand. Die Mitglieder bringen das Gesagte in freien individuellen Gebeten noch einmal vor Gott: Dank für „das Erleben der Vielfalt“, für die „Fokussierung in diesem Kreis“ oder auch „für die gelungene schwierige Operation bei der Mutter“ und „die Anteilnahme“ aus diesem Kreis.

Entsprechend schöpft Birgitta Müller „Kraft für den Alltag“ aus Treffen der KCG. Und immer geht die 58-Jährige „mit neuen Impulsen nach Hause“. Wie heute.

Gegen 22 Uhr endet das Bibel-Teilen mit einem gemeinsam gesungenen Lied und dem Vaterunser. Kurz steht die Gruppe noch zusammen und nascht ein paar Süßigkeiten, bevor sie sich herzlich voneinander verabschiedet.
 

Tipp: Viele Infos

Wer sich über Kleine Christliche Gemeinschaften informieren möchte, wird auf der Webseite http://kcg.missio-blog.de fündig. Sie hält unter anderem Anschriften und viele weiterführende Texte bereit. (bp)