01.10.2013

Kommentar

Die Papstbegeisterung

Von Roland Juchem

In der katholischen Welt ist eine Begeisterung für den Papst ausgebrochen, deretwegen man sich vor Verwunderung schon mal die Augen reiben kann. Da laufen an einem Tag zwei Meldungen über den Nachrichtenticker: In der einen unterstützt der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, noch einmal Aussagen von Franziskus aus seinem langen Interview. Kurz darauf bekundet der nicaraguanische Befreiungstheologe und suspendierte Priester Ernesto Cardenal seine Begeisterung für den „revolutionären Papst“.

Wenig später ruft die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ die deutschen Bischöfe auf, sich am Papst ein Beispiel zu nehmen(!). Ob in Kirchengemeinden oder in der Politik: allerorten Begeisterung für den Papst. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus.

Gut, Jorge Mario Bergoglio, den die Kardinäle am 13. März zum neuen Bischof von Rom gewählt haben, ist ein außergewöhnlicher Papst. Seine Wirkung und seine bisherigen Verdienste sollen hier auch nicht kleingeredet werden. Aber eine leise Mahnung sei doch angebracht.

So ist ihm zu wünschen, das Schicksal eines Barack Obama möge ihm erspart bleiben. An den völlig überzogenen weltweiten Erwartungen konnte der US-Präsident nur scheitern. Erspart bleiben möge Papst Franziskus auch das Schicksal, von allen gemocht zu werden und niemandem wehzutun. Solche „Stars“ oder „Klassiker“ geraten schnell in Vergessenheit.

Nun: In einzelnen katholischen Kreisen ist hier und da schon Grummeln zu vernehmen, der Papst spreche zu wenig deutlich gegen Abtreibung oder für den Pflichtzölibat. Zudem sind Ernesto Cardenals Beweggründe, Franziskus zu loben, sicher nicht identisch mit denen von Kardinal Meisner. Und wenn Bischofskonferenz und „Wir sind Kirche“ manche Entwicklungen ähnlich beurteilen, ist das an sich nicht schlecht. Ihre Meinungsverscheidenheiten werden bleiben. Darauf ist Verlass.

Die katholische Kirche ist also noch weit entfernt davon, ein kuschliger Franziskus-Fanclub zu sein. Das wäre auch fatal. Wir Christen sollten ein Christus-Fanclub sein und unseren „Star anhimmeln“ in jenen Menschen, die uns brauchen. Dazu hat er selber uns die wichtigste Botschaft hinterlassen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Darauf hinzuweisen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Bischofs von Rom. Wenn er die gut macht – dürfen wir uns darüber freuen – und versuchen, selbst so zu leben.