02.05.2016

Gespräch mit Kardinal Karl Lehmann

Die Stärke der anderen

Am Pfingstmontag wird Kardinal Karl Lehmann 80 Jahre alt. Papst Franziskus wird dann vermutlich seinen altersbedingten Rücktritt als Bischof von Mainz annehmen. Die Ökumene ist Lehmann ein Herzensanliegen. Daher sprach die Kirchenzeitung mit dem langjährigen Vorsitzenden der Bischofskonferenz über den Wunsch Jesu nach Einheit unter seinen Jüngern.

Kardinal Karl Lehmann und der evangelische Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, bei einer Ökumene-Tagung 2015 in Würzburg. Foto: kna-bild

Herr Kardinal, „alle sollen eins sein“, heißt es im Evangelium dieses Sonntags. Ist diese Stelle so etwas wie ein Lebensmotto für Sie?
Sie ist zumindest ein zentrales biblisches Zeugnis, das mich immer wieder bewegt. Es wird deutlich: Der Geist Gottes wirkt in der echten Sehnsucht nach Einheit. Das ist eine Sehnsucht, die auch mein ökumenisches Engagement nachhaltig bis heute bestimmt hat. Aber nirgendwo ist verheißen, dass wir zu unserer Lebzeit schon die Früchte ernten könnten. Wenn das erst in der nächsten oder übernächsten Generation geschieht, dann dürfen wir auch dankbar bleiben für all das, was in den letzten 50 Jahren erreicht worden ist im Vergleich zu den bald 500, die zurückliegen. 

 

Die fehlende Einheit ist nicht nur eine Frage der Theologen. Sie betrifft auch den Alltag von vielen Gläubigen.
Ja, die Tragik der Kirchenspaltung wird besonders bei konfessionsverschiedenen Ehen deutlich: Hier erleben viele Menschen nach meinem Eindruck die jahrhundertelange Entfremdung schmerzhafter als im öffentlichen Verhältnis der Konfessionen selbst. Es ändert sich aber auch etwas in der Wahrnehmung: Paare sagen mir, dass sie das Trennende nicht mehr verstehen – und dass es sie dennoch auch belastet, weil es die Einheit nicht gibt. Diese Unruhe muss ein wichtiger Motor unseres ökumenischen Einsatzes bleiben. 

 

Und wenn der Motor stottert? 
Ja, es läuft nicht immer rund und manche wünschen sich sicher, dass es schneller vorangeht, aber wir brauchen eine fundierte Aufarbeitung der Unterschiede zwischen den Konfessionen. Es gehört zur Nüchternheit und auch Glaubwürdigkeit der ökumenischen Arbeit, dass man sich des bleibenden Wegcharakters bewusst sein muss. Dabei werden Enttäuschungen und auch manchmal rückläufige Tendenzen unvermeidlich sein. 

 

Manche sagen: Das Christentum ist durch die starke Säkularisierung hierzulande so unter Druck geraten, dass die konfessionellen Unterschiede bedeutungslos werden. Wozu also sich damit noch abgeben?
Ökumene ist nicht der kleinste gemeinsam Nenner, der übrig bleibt, wenn man die kirchlichen Besonderheiten abzieht. Dies wäre am Ende nur der dünne Absud einer allgemeinen Christlichkeit. Es wäre ein fundamentaler Fehler, das ökumenische Verstehen auf eine solche abstrakte Gemeinsamkeit zu reduzieren. Man muss sich im ökumenischen Verstehen gerade das Fremde des anderen zumuten. Wir brauchen einen tieferen Begriff von Konfession, der nicht primär abgrenzend ist.

 

In Ihren eigenen ökumenischen Erfahrungen: Was hat Sie am stärksten beeindruckt?
Ich habe im ökumenischen Gespräch mich selbst immer besser kennengelernt, wenn ich vom Partner her infrage und auf die Probe gestellt wurde. Das hat den eigenen Standpunkt aber auch klarer gemacht. Dabei dürfen wir uns nicht in uns selbst verschließen. Wir müssen in Deutschland, und zwar in allen Kirchen, auch von der falschen Einbildung herunterkommen, wir seien der einzige theologische Nabel der Welt. In aller Welt sind die ökumenischen Anstrengungen längst auf einem beachtlichen Niveau. Wir können auch deshalb von den anderen lernen. Wir dürfen dabei auch die Orthodoxie als beachtliche dritte Kraft in Deutschland nicht vergessen.

 

Welche Erfolge sehen Sie? Wo lagen in Ihrem Erleben Sternstunden der Ökumene?
Da gibt es viele. Ich denke an die jahrelange Arbeit 1980 bis 1986, ob die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts heute noch treffen, an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999, an die beiden Ökumenischen Kirchentage in Berlin 2003 mit der Unterzeichnung der Charta Oecumenica und in München 2010; ich denke an die wechselseitige Anerkennung der Taufe mit der Erklärung von Magdeburg 2007, an den Besuch von Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster 2011, um nur einige zu nennen. Das sind Ereignisse, die – bei aller Kritik und gedämpfter Erwartung, die es unmittelbar dazu gab – wenige Jahre zuvor noch fast undenkbar waren. 

Besonders berührt hat mich dabei, dass die ökumenische Flamme nie erloschen ist, bei allen Schwierigkeiten, Missverständnissen und Rückschlägen, die es immer wieder gab. Aber ich denke neben solchen öffentlichkeitswirksamen Sternstunden an viele Begegnungen mit beeindruckenden Persönlichkeiten aller christlichen Konfessionen, etwa im Ökumenischen Arbeitskreis: Ich denke an Bischof Professor Eduard Lohse, Otto Hermann Pesch oder Wolfhart Pannenberg; ich denke auch an Patriarch Daniel von der rumänisch-orthodoxen Kirche oder an viele Begegnungen und Gespräche, die mir durch den Vorsitz in der Bischofskonferenz möglich wurden. Das sind Sternstunden und Glücksmomente, die man erst nach und nach richtig wahrnimmt und erkennt.

 

Woran messen Sie die Erfolge?
Für mich ist ein wichtiges Kriterium, fast ein Grundgesetz des ökumenischen Miteinanders, ob wir uns freuen können an der Stärke des anderen. Damit meine ich zum Beispiel in der evangelisch-katholischen Ökumene nicht nur, ob wir uns an der Musik von Johann Sebastian Bach erfreuen, sondern etwa auch am Wiedererstehen der Frauenkirche in Dresden. Aus dieser Anerkennung des anderen wird echte und nachhaltige Gemeinschaft, die uns im Geist Jesu Christi enger zusammenführt.

 

Die Gemeinschaft sehen viele Menschen in der Mahlgemeinschaft. Wäre das nicht ein deutliches Zeichen auf dem Weg der Ökumene?
Die Mahlgemeinschaft kann nur Endpunkt der Ökumene sein: Ich wehre mich dagegen, dass man alles an den großen dicken Brocken, die noch vor uns stehen und ungelöst sind, misst: Eucharistie-gemeinschaft, Amtsfrage und das schwierige Miteinander in einer bekenntnisverschiedenen Ehe. Man geht ein bisschen selbstgerecht darüber hinweg, dass wir sehr viel mehr jeden Tag tun könnten, ohne dass uns das jemand verbietet. 

 

Was möchten Sie selbst in der Ökumene noch erreichen? 
Ich bin jetzt 80 Jahre alt. Da weiß ich um meine begrenzten künftigen Möglichkeiten. Ich bleibe vorerst Vorsitzender des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen, in dem ich seit 1969 mitarbeite, fast immer in verantwortungsvollen Funktionen. Ich will mich aber – so lange ich das noch kann – weiter für diesen begonnenen Weg einsetzen; ich habe schon jetzt viele wichtige Einladungen. Ich denke dabei aber auch an die Gestalt des Mose, der mir ein Trost ist. Er wandert dem verheißenen, gelobten Land entgegen. Er hat für sein Volk alles getan, um es zur Erfüllung dieser Verheißung zu führen. Aber er selbst konnte dieses gelobte Land nicht mehr betreten. So ist 

Mose für die Kirche und die Ökumene eine wichtige Gestalt der Hoffnung und der Einlösung der Verheißungen. Das ist nun, da Gott in Jesus Christus zu uns gekommen ist und immer noch Spaltungen sind, noch dringlicher geworden.

Interview: Michael Kinnen