03.01.2014

Wie Menschen in Jerusalem zur Ruhe und zu Gott finden – oder auch nicht

Die Stadt "küsst und beißt"

"In der Stadt, die er ebenso liebt wie mich, fand ich Ruhe", sagt die Weisheit in Jesus Sirach über Jerusalem. Zur Ruhe kommen in einer Stadt, die einen nicht in Ruhe lässt: Für Markus, Michael und Nikodemus ist das kein Widerspruch – allerdings heißt Ruhe nicht Stille und Entspannung.

"Jerusalem erweitert den Horizont", sagt Pater Nikodemus. Foto: Krogmann

Jerusalem ist chaotisch und nicht selten spannungsgeladen. Ihre Kirchen gleichen im Takt der Pilger oft einem Rummelplatz. Politisch und medial ist die Stadt einer der Brennpunkte des Nahostkonflikts. Und doch gibt es Menschen, die ausgerechnet Jerusalem als Ort für eine Auszeit auswählen. Jerusalem: "Da, wo Himmel und Hölle sich treffen", sagt Markus, Gemeindepriester in Troisdorf bei Köln. "Die Stadt, die einen täglich küsst und beißt", sagt Nikodemus, Benediktinerpater in der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg. "Die einzige Stadt, die dem himmlischen Jerusalem etwas nahekommt", sagt Michael, Diakon in Regensburg.

Jerusalem ist jahrtausendealt, intensiv und mit hohem Tempo. "Hier ist der Ort, an dem ich mich in dem reflektiere, was in der Vergangenheit war", sagt Michael. "In einer Stadt der Gottsuchenden bin ich selbst wieder zu einem geworden", meint Markus, der während einer zweimonatigen Auszeit das "Suchen, Staunen und Lernen" übt, "aus denen meine priesterliche Berufung entstanden ist".

Jerusalem als Schmelztiegel mit Sehnsuchtsfaktor

Michael Wielath ist Diakon in Regensburg. Foto: Alexander Fröhlich

Hinab zu den Wurzeln, hinein ins Leben: Für Michael ist Jerusalem ein "Hinabsteigen" in die Tiefe der eigenen Person, zu den Wurzeln des Glaubens und an die Quelle der Heilstat Jesu. Und zwar durchaus physisch, wie "an jenen drei Orten, an denen ich am stärksten zur Ruhe komme". Mehrere Stockwerke tief gräbt sich Sankt Peter in Gallicantu in den Berg. Die Klagemauer erreicht Michael über eine lange Treppe und "eine Nacht in der Grabeskirche beginnt immer mit dem Abstieg in die Kreuzauffindungskapelle". Das "Hinabsteigen" und die damit verbundenen Erfahrungen machen ihn frei und bringen ihn nach vorn, sagt Michael, "das empfinde ich dann auch als Aufsteigen".

Für Nikodemus heißt mittendrin leben zu dürfen, "dass mein Gebet einen Sitz im Leben hat, ich verbinde Gesichter und Geschichten damit. Ich bete für das, wo ich lebe". Ihn fasziniert an Jerusalem die Internationalität, der gelebte Glaube in unzähligen christlichen Konfessionen, islamischen und jüdischen Strömungen. "Jerusalem ist ein Schmelztiegel, auf den alle Welt schaut und an dem sich die Welt trifft", sagt der Benediktiner. Das könnte man in New York auch finden – dennoch ist Jerusalem etwas Besonderes. "Es ist ein unglaublicher Sehnsuchtsort, darum geht von dieser eigentlich unbedeutenden Stadt so viel Aufmerksamkeit aus. Es gibt eine weltweite Strömung hierher, die Völkerwallfahrt zum Zion, um es mit einem Psalmenwort zu sagen. Und gleichzeitig ist jeder hier gebürtig und zu Hause."

Ruhe finden in der "Verdichtung"

Jerusalem ist unruhig und konzentriert zugleich. Genau diese "Verdichtung" ist es, in der Markus Ruhe findet. Es ist "schwer zu beschreiben", zögert er und versucht es mit einem Bild: "Es ist wie im Auge des Orkans." Der Priester geht mit wachem Blick durch die Stadt. "'Gucken' ist zu platt: 'Schauen' hat biblischen Charakter und geht in die Ewigkeit hinein bis hin zur Anschauung Gottes." So wird Jerusalem zu einem "faszinierenden Spiegel: Im Fremden kann ich mich des Eigenen vergewissern, und auch das bringt Ruhe".

Makrus Höyng ist Gemeindepriester in Troisdorf bei Köln. Foto: privat

In der Sirach-Lesung heißt es: "Jerusalem wurde mein Machtbereich". Markus will das nicht politisch verstehen, sondern eher als "Wirkungsbereich": "Du kommst in den Wirkungsbereich der Weisheit Gottes. Das macht total ruhig. Es ist keine Ruhe im Sinne von 'sich schlafen legen', sondern eine, die ausstrahlt, die mich stark macht und zum Handeln motiviert."

Jerusalem relativiert, sagen die drei, weil "man sich selber in einem größeren Kontext wiederfindet und seinen Horizont erweitert". Hier ist man "sehr dicht dran an den wirklich wichtigen Fragen von Himmel und Hölle", sagen sie. Die Fragen sind "grundsätzlicher und radikaler". "Mancher merkt in Jerusalem, dass das, was ihn bewegt in seinem Leben, doch nicht die ganz großen Fragen des 21. Jahrhunderts sind", sagt Nikodemus. Raus aus Alltagstrott und eingefahrener Trägheit, dafür kann Jerusalem eine Therapie sein. Die Gedanken "sortieren sich neu" in Jerusalem, sagt Michael.

"Radikale Gottsuche und intensiver Dialog mit der Welt"

Als Benediktiner hätte Nikodemus an vielen Orten leben können. Doch er hat sich Jerusalem ausgesucht, die Stadt, "die an Intensität kaum zu überbieten ist". Für Nikodemus ist hier "radikale Gottsuche und intensivster Dialog mit der Welt" möglich. "Typisch Jerusalem", sagt Nikodemus "sind auch die schnellen Wechsel. Alles ist irgendwie extremer hier", findet er, der "die schönsten und die schlimmsten Erfahrungen meines Lebens" hier gemacht hat.

Es klingt paradox, aber Markus, Michael und Nikodemus sind sich einig: Wer es intensiver mag, kann in Jerusalem Ruhe finden – trotz, ja sogar wegen des äußerlichen Trubels. Letzlich, so Nikodemus, ist Jerusalem aber "kein Erfolgsrezept, sondern eine Typenfrage". Wer sich schnell verwirren lässt, wird hier verrückt, glaubt auch Markus, wer unsicher ist, wird zerrieben zwischen Tausenden Ansichten und Meinungen. Tatsächlich gibt es immer wieder Menschen, die an der Stadt irrewerden. Immerhin ist Jerusalem "die Stadt, in die Christus gekommen ist, um sich kreuzigen zu lassen", sagt Nikodemus. Kein Grund also, "die Stadt zu verklären: Es ist auch keine Schande, wenn man mit ihr nicht zurechtkommt!"

Andrea Krogmann