03.12.2013

Was Eltern von ihrem Nachwuchs erwarten

Dies Kind soll perfekt sein

Nichts Geringeres als den Weltfrieden erwartet der Prophet Jesaja vom Heiland. Dieses kleine Kind soll die Welt in Ordnung bringen. Ganz so groß sind die Erwartungen werdender Eltern nicht. Und doch: So eine Geburt bringt einiges an Hoffnungen, Erwartungen, Sehnsüchten und Wünschen mit sich.

Weihnachten mit dem eigenen Kind – für viele junge Eltern ist das ein ganz wichtiger Schritt, sagt Hebamme Anne Reimers. Denn es heißt: leuchtende Kinderaugen beim Geschenkeauspacken, kindliche Vorfreude, Vier-Wochen-Gezappel und Kaum-noch-schlafen-Können ob der Erwartung. Und es heißt, Christbaum, Krippe und die gesamte glitzernde Winterweihnachtszauberwelt nun wieder mit Kinderaugen zu schauen.
Weihnachten mit dem eigenen Kind – das bedeutet aber auch noch einen weiteren Schritt in Richtung Erwachsenwerden, Abnabelung von den eigenen Eltern, die nun nicht mehr nur Eltern, sondern auch Großeltern sind. Kein Wunder also, dass mit der Geburt eines Kindes deshalb ganz besondere Erwartungen verknüpft sind, wie Reimers erzählt. Sie arbeitet seit gut 20 Jahren als Hebamme in München.
Die Zahl der Kinder ist in diesem Zeitraum zurückgegangen, die Erwartungen aber sind gestiegen: Oft hat sie den Eindruck: „Dieses eine Kind muss perfekt sein.“ Vor allem bei Akademikerpaaren, wo rundherum alles stimmt – finanziell abgesichert, gebildet, entsprechende Jobs, eine gute Wohnsituation, sozialer Rückhalt in Familie und Freundeskreis –, seien die Hoffnungen, aber auch Ängste besonders groß.

Frauen wird ein schlechtes Gewissen gemacht

Schuld daran sind ihrer Meinung nach auch die Veränderungen in der Geburtshilfe. Denn auch dort seien die Erwartungen an die werdende Mutter gestiegen: sich gesund ernähren, berufstätig bleiben, Sport treiben – aber bitte nur den sanften von Mama-Yoga bis Schwangerenpilates. Daneben: die Wohnung für das Kleine richten und Babyausstattung kaufen – natürlich nur, nachdem man Hunderte Testberichte gelesen und verglichen hat und dann nach wochenlanger Recherche zu Sicherheits- und Schadstoffbelastungen endlich einzig wahren Ökokinderwagen und den pädagogisch wertvollen Holzbeißring ersteht. Selbstverständlich, dass sich die werdende Mutter dabei rundum entspannt auf die Geburt vorbereitet, nebenher ein paar Ratgeber liest zu sanfter Geburt, der Zeit danach und zu frühkindlicher Entwicklung, und natürlich jeden Tag dieser großartigen Zeit in einem Mama-Tagebuch festhält: wie viele Gramm sie zunimmt, wie viele Zentimeter sie an Bauchumfang zulegt und wie sie sich fühlt.
Auch mit solchen Erwartungen werde Frauen permanent ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn sie sich nicht ganz so perfekt auf dieses eine perfekte Kind vorbereiten, meinte Anne Reimers. Dazu gehöre etwa der Druck, der durch neue Diagnosemöglichkeiten erzeugt werde. Entscheide sich etwa eine Frau gegen einen zusätzlichen Ultraschall, bekomme sie schnell vom Arzt zu hören: „Ich kann dann für nichts garantieren.“
Denn die Erwartungen beschränken sich nicht nur auf die Zeit der Erwartung: „Die Haupthoffnung der Eltern ist es, ein gesundes Kind zu bekommen“, sagt Martina Oberreiter. Sie arbeitet in der Schwangerenberatung beim Sozialdienst katholischer Frauen in München. Wegen der Pränataldiagnostik – vom Ultraschall angefangen über allerlei Zusatzuntersuchungen wie Nackenfaltenmessung oder Fruchtwasseruntersuchung – hätten viele Frauen eine sehr unruhige Schwangerschaft: Was, wenn das Kind krank ist? Wenn die sogenannten soften Marker recht behalten und das Kind wirklich Trisomie 21 hat? Was, wenn diese Auffälligkeit an der Niere ein Hinweis auf eine Behinderung ist?

Muss die frischgebackene Familie glücklich sein?

Nicht umsonst sei die Zahl der Kaiserschnitte in den vergangenen 20 Jahren drastisch gestiegen, erklärt Hebamme Anne Reimers. Ärzte wollten jedes Risiko ausschließen. Umgekehrt aber hätten sich damit auch das Geburtserleben und die Erwartungen an die Geburt verändert. „Eine Frau, die keine Schmerzen hat, benimmt sich anders.“ Aus den üblichen zwei Stunden zwischen Eröffnungsphase – wenn der Muttermund komplett geöffnet ist – und Geburt könnten mit der sogenannten Periduralanästhesie, kurz PDA, die eine schmerzfreie Geburt verspricht, dann leicht vier Stunden werden.
Dass Schmerzen zu einer Geburt und der Zeit danach gehören, wird dann schnell übersehen. Schwangerenberaterin Oberreiter zufolge vermittelt die Umwelt oft das Gefühl: Eine frischgebackene Familie muss total glücklich sein. Wochenbettdepressionen oder Schreikinder kommen aber häufiger vor, als man denkt. Und so ist es oft schwer zu akzeptieren, wenn dieses so lang ersehnte Kind zunächst eher Unfrieden in der Wohnung oder in der Partnerschaft stiftet – etwa weil man nach durchschrienen Nächten keinen Nerv mehr füreinander hat oder der krabbelnde, ach so süße Fratz innerhalb von Sekunden die Wohnung verwüstet und garantiert den Mülleimer oder die Kabel findet, die nicht für ihn gedacht sind.
Ein Kind als Kitt für die Beziehung – diese Hoffnung kommt Obereiter zufolge zwar vor. Häufig sei es aber nicht. Sie hat es aber durchaus erlebt, dass es für manche Paare einem Projekt gleicht, ein Kind zu bekommen – vor allem, wenn sie es sich schon lange wünschen. „Die sind dann total stolz, wenn es klappt.“
Allerdings: Wenn das Kind dann endlich da ist, ist „nicht alles immer Friede, Freude, Eierkuchen“: Die Nächte sind kurz oder unendlich lang, wenn der kleine Hoffnungsbringer stundenlang brüllt und weder durch Stillen, Wickeln, Rumtragen oder Vorsingen zu beruhigen ist, und die Partnerschaft leidet. Zwar hat man schon vor der Geburt Babysitter organisiert – der Abend zu zweit im Restaurant aber rückt in immer weitere Ferne: erst das Stillen, das die Mutter abends unabkömmlich macht, dann die Zähne, später das Fremdeln und schwupps – fast ein Jahr ist vergangen.

Lieber keinen Christbaum mit echten Kerzen

Das erste gemeinsame Weihnachtsfest kündigt sich an, doch den Eltern graut’s: ein Christbaum mit echten Kerzen? Klar, schön wär’s. Doch ein krabbelndes Kleinkind hätte den Baum samt Krippe in Windeseile abgeräumt. Deshalb kein Baum, kein Adventskalender – denn ohne Zähne isst sich Schokolade schlecht, dafür viel Kekse backen mit Teig manschen.
Und die Eltern sind sich sicher: Nein, hergeben würden sie ihren kleinen Unfriedensstifter um nichts in der Welt – so die Erfahrung von Anne Reimers. In ihrer Hebammenlaufbahn hat sie noch nie erlebt, dass Eltern ihr Kind ernsthaft loswerden wollten. Klar, vielleicht mal für zehn Minuten – wenn dieses Schreikind so gar nicht den Erwartungen entspricht. Insgesamt höre aber bei den Kindern der Neid auf. „Man vergleicht beim Haus oder beim Auto, wenn der Nachbar ein schöneres, größeres hat. Das Kind aber will man nicht tauschen.“
Anna Woidy