02.08.2016

Ein Job, der belastet: Philippinos reinigen das Netz von Gewalt, Porno und Terror säubern

Digitale Müllabfuhr als christliche Mission

Jeden Tag werden Millionen Bilder und Videos ins Netz gestellt. Oft auch Darstellungen von Gewalt, Pornografie und Terror. Doch auf Facebook, Twitter oder YouTube sind die Bilder meist nicht zu sehen. Bisher dachte man, für die Reinigung sei eine ausgeklügelte Software zuständig. Doch es sind Philippinos, darunter viele überzeugte Katholiken, die den digitalen Müll für uns wegräumen.

Es war das vielleicht am besten gehütete Geheimnis im Internet. Bisher dachten die meisten Menschen wohl, es seien wahrscheinlich hochbezahlte Angestellte von Facebook, YouTube oder Twitter, die mit der Hilfe ausgeklügelter Algorithmen von irgendwelchen Superprogrammen „anstößige“ Fotos und Videos aus dem Sozialen Netzen filtern. Doch mitnichten. Es sind zumeist junge Billiglöhner von den Philippinen, die die expliziten Bilder und Bewegtbilder sozusagen händisch (für uns) aus dem Netz filtern und löschen. Hinrichtungsvideos, Leichenfotos, Bilder von sterbenden Menschen, Unfällen, Videos von Frauen, Kindern oder Tieren die verstümmelt oder vergewaltigt werden.

Zwischen 3000 und 6000 Bilder pro Tag

Viele sogenannte Content-Moderatoren haben psychische Probleme (Bildschirmfoto aus der ZDF-Mediathek)

Zwischen 3.000 und 6.000 Bilder muss sich jeder Mitarbeiter in Schichten, die zum Teil zehn, zwölf Stunden dauern anschauen, und dann blitzschnell entscheiden, ist das noch Kunst oder schon Pornografie. Und die Arbeit geht, wie inzwischen etliche TV-Sender (u.a. die ARD, das ZDF oder der RBB ) berichten haben, längst nicht spurlos an den Menschen vorüber. Viele der rund 150.000 sogenannten „Content Moderatoren“ haben psychische Probleme, eine Art posttraumatischer Belastungsstörung entwickelt. Einige versinken im Alkohol, andere klagen über Beziehungsprobleme. Bei einigen Frauen versagt die Libido, sie haben plötzlich Angst vor Männern. Und das ist längst noch nicht alles. Ähnlich wie die Näherinnen in Vietnam oder Bangladesch arbeiten etliche der zumeist recht jungen digitalen Müllwerker für einen absoluten Dumpginglohn. Aufgedeckt hat das ganze Leid der Berliner Moritz Riesewick, der auf Facebook und Twitter derzeit recht angesagte Kanäle betreibt.

In der digitalen Nachfolge Christi?

Er hat das Ganze aufgedeckt: Moritz Riesewick (Foto: ZDF)

Ein paar Mal war der Theaterregisseur zu Recherchen in Manila und hat seine Erlebnisse dort inzwischen zu einer szenischen Lesung verarbeitet. Darin erzählt er von der Angst und den Nöten der Müllwerkern, die selbst keine Stimme hätten. Sie mussten bei ihren Arbeitgebern – das sind Firmen wie TaskUs, die im Internet gerne mit glücklich lächelnden Menschen werben – allesamt Schweigeverpflichtungen unterschreiben.

Riesewick hat herausgefunden, dass sich die digitale Müllabfuhr nicht umsonst auf den Philippinen niedergelassen hat. 95 Prozent der Menschen dort sind Katholiken. An Karfreitag lassen sich Dutzende ans Kreuz nageln und werden dafür gefeiert. TaskUS, das für die Dating-App Tinder Bilder sichtet, ließ seine Räume zur Einweihung vom Priester segnen.

Das Löschen von Bildern werde in einigen der Reinigungsunternehmen regelrecht zelebriert, sagt Riesewick. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erzählt er, dass viele Content Manager ihre Arbeit als eine Art Auftrag empfinden. Sie wollten damit die Welt ein Stück weit reiner machen, sozusagen von den Sünden reinigen. „Das heißt, hier haben wir es natürlich nicht nur mit Arbeitskräften zu tun, die billig zu haben sind, sondern mit Arbeitskräften, die darin mehr sehen als nur einen Job, den man auf eine bestimmte Zeit halbherzig macht; sondern die empfinden das als ihren persönlichen Auftrag und das ist natürlich die perfekte Workforce. „Reinheit kommt Göttlichkeit am nächsten“, hat eine Traumapsychologin Riesewieck auf seiner Reise erklärt.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser