22.05.2014

Jahresserie Ü 50 – mittendrin! (5) – Sandwich-Generation

Ein Leben für’s Wohl anderer?

Die eigenen Eltern pflegen und gleichzeitig die eigenen Kinder oder die Enkel betreuen – Erfüllung oder Überforderung? Ein Pro und Contra.

Generationsvertrag
Gewohnheitsrecht? Dass sich die mittlere Generation um die ganz Jungen und die Alten kümmert … „Sandwich“-Generation – eingeklemmt zwischen Pflicht und Neigung Foto: bilderbox

 

Pro: Geben und Nehmen

Wir nennen es die Sandwich-Generation, und eigentlich hat schon diese Bezeichnung etwas Negatives: Es bedeutet eingeklemmt zu sein zwischen verschiedenen Schichten, Druck von oben und unten zu spüren, eingespannt zu sein durch Termine, getrieben von Hetze und Verpflichtungen. Wo bleibe ich dann selber? Werde ich nicht überfordert? Habe ich nicht, nachdem die Kinder aus dem Haus sind, nun endlich auch das Recht, nur an mich selbst zu denken? Mit meinem Mann zu verreisen und es mir gut gehen zu lassen?

Schambony
Karin Schambony
Foto: privat

Zur Sandwich-Generation gehörte auch ich: Ich war (bis zum Tod meines Vaters vor drei Jahren) Tochter, zugleich war ich längst Mutter und auch schon Großmutter. Das heißt, ich stand mittendrin. Unsere beiden Kinder hatten eine eigene Familie gegründet, mein Vater lebte noch in seiner eigenen Wohnung, zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, die er nach dem Tod unserer Mutter geheiratet hatte. Wie schön war es doch, dass ich dann Zeit hatte für die Familie: Zeit für den Vater, der bei Arztbesuchen oder Erledigungen auf Hilfe angewiesen war. Wie schön war und ist es immer noch, die kleinen Enkel zu betreuen, ihnen vorzulesen, mit ihnen auf dem Spielplatz herumzutollen.

„Sandwich-Generations-Stress“? Sollte ich nur noch an mich denken? Ganz sicher würde mir dann etwas fehlen, denn das Geben und Nehmen in einer Familie empfinde ich als etwas sehr Bereicherndes. Ich bin dankbar, dass ich meinem Vater etwas zurückgeben konnte von der Fürsorge, die er und meine Mutter mir als Kind gegeben haben. Ich bin auch dankbar dafür, dass ich selbst fit genug bin, um unseren Kindern gelegentlich beim Alltag mit den kleinen Kindern zu helfen. Zeit für Eigenes bleibt da immer noch genügend.

Zum Beispiel für meine ehrenamtliche SkF-Arbeit, die ich nach dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit als Redakteurin übernommen habe.  Im Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Fulda erlebe ich, wie viele Frauen es gibt, die benachteiligt sind und unsere Hilfe benötigen. Zum SkF in die Rittergasse kommen junge Schwangere, die sich für ihr Kind entschieden haben und die nach der Geburt nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch helfende Hände brauchen. Viele von ihnen sind alleinerziehende Mütter, die sich nicht auf eine Familie oder eine Oma in Rufweite stützen können. Frauen, die vom Fuldaer SkF beispielsweise im Projekt BaBi (Begleitung am Beginn) unterstützt werden. Junge Mütter, die von Ehrenamtlichen zu Ämtern begleitet werden, die trösten und raten können.
Ja, und manchmal geschieht es auch, dass eine junge Mutter, die vom SkF Hilfe bekommen hat, später selbst als Ehrenamtliche in unserem Verein arbeitet, um etwas davon zurückzugeben, was sie erhielt, als sie es dringend brauchte. Sandwich-Generation hin oder her …
 

Karin Schambony arbeitete viele Jahre als Redakteurin in Fulda.

 

Contra: Lieben: wie mich selbst

Selbstverwirklichung. Das war lange Zeit in katholischen (Eltern-)Häusern die Todsünde schlechthin. Wer an sich denkt, ist ein Egoist. Das passt nicht zur Nächstenliebe. Garniert mit der Lust auf … dem Spaß an … wird es dann noch schlimmer. Wie tugendhaft ist dagegen doch das Dienen. Die Pflichterfüllung. Die Freude am Sich-Aufopfern. Das ist Nächstenliebe.

Erst seit einigen Jahren traut sich der solchermaßen wertevoll katholisch Erzogene, ein wenig differenzierter aufs eigene Leben zu schauen. Nach den eigenen Bedürfnissen zu fragen. Was will ich? Was kann ich? Und dann erst: Was soll ich?

Johannes Becher
Johannes Becher
Foto: Archiv

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ So fordert es Jesus.Wie dich selbst … Sich selbst gern zu haben. Keine leichte Übung für so manchen Glaubensbruder. Sich selbst etwas gönnen. „Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar.“ So hat Franz Kamphaus einmal geschrieben. Und der ist unverdächtig jeglicher Prasserei oder Selbstverliebtheit.

Doch das Eingestehen eigener Vorlieben und Bedürfnisse ist ja erst die notwendige Grundstufe. Denn allzuoft folgt doch schon vor dem ersten Urlaub allein, vor dem regelmäßigen freien Tag, vor der Zeit-mit-mir-und-für-mich das schlechte Gewissen.

Wer aber sagt denn, dass es jedem Mann und jeder Frau gemäß ist, sich zeitlebens am Wohlergehen aller Generationen im Familienverbund abzuarbeiten (oder wenigstens wesentlich dazu beizutragen)? Wer hat festgelegt, dass man die höchste Erfüllung darin finden muss, sich um die Angehörigen zu kümmern? Wer sagt denn, dass jedem die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes vor allem dann aufscheinen muss, wenn man sich selbstverständlich als junger Opa zu jeder gewünschten Zeit um die Enkel – die sind ja so süß – kümmert.

Nein. Wer 20 Jahre jeden Morgen das Schulbroteschmieren als Laudes des väterlichen Seins gefeiert hat, der kann nun guten Gewissens sagen: genug. Jetzt nicht. Es ist gut so, wenn jemand für sich entscheidet, dass sein Hobby nicht Familie heißt und nicht im Ehrenamt liegt.

Ja. Es gibt viele bewundernswerte Menschen, die ihre Aufgabe darin erkennen, für die Familie – ob jung, ob alt – da zu sein. Am liebsten rund um die Uhr. Wer darin seine Erfüllung findet. Mit Freude. Gemäß dem eigenen Talent. Und sich nicht selbst damit dauerhaft überfordert, sondern darin erblüht, dem sei aller Respekt gezollt. Ich kann das so nicht. Und ich möchte mich trotzdem gern haben dürfen.

Johannes Becher ist Redaktionsleiter dieser Zeitung.