22.07.2012

Wo Seelsorger Ruhe finden

Ein Ort, um Kraft zu schöpfen

Nicht nur die Jünger Jesu erleben es: Den Glauben zu verkünden, erschöpft. Jesus ermuntert sie, sich auszuruhen. Aber wie ruhen sich die heutigen Träger der Verkündigung aus, vor allem, wenn die Erschöpfung zu groß ist? Bei Wunibald Müller und seinen Mitarbeitern im Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach.

 
 

Herr Dr. Müller, wofür braucht man solch ein Haus?

Ich habe vor vielen Jahren in der Priesterfortbildung des Erzbistums Freiburg gearbeitet. Dort war ich auch Ansprechpartner für kirchliche Mitarbeiter mit Problemen, und ich habe gemerkt: Es reicht nicht, die Betroffenen in Therapien zu schicken. Es besteht Bedarf, Therapeutisches und Spirituelles miteinander zu verbinden. Das versuchen wir im Recollectio-Haus.

War es schwierig, kirchliche Geldgeber zu überzeugen?

Schwierig war zunächst, die Vorbehalte gegenüber „Psychotherapie“ zu überwinden. Es bestand noch von Freud her die tief sitzende Furcht, dass Psychotherapie irgendwie glaubens- oder kirchenfeindlich ist. Dann gab es die Frage: Wem vertrauen wir unsere Seelsorgerinnen und Seelsorger an? Wer kann das stemmen? Sind die vertrauenswürdig? Als diese Fragen geklärt waren, war das Geld kein Problem mehr.

Schon im Evangelium sind die Jünger von der Mission erschöpft. Was macht Verkündigung so anstrengend?

Zunächst mal: Es muss gar nicht anstrengend sein, sondern sehr befriedigend und beflügelnd, schließlich gibt man etwas weiter, an das man selbst glaubt. Aber dann gibt es doch ein paar Gefahren. Zum einen: wenn ich so engagiert bin, dass ich meine eigenen Grenzen nicht mehr wahrnehme, wenn ich permanent meine körperlichen und seelischen Kräfte überfordere. Zum Zweiten: wenn ich spüre, dass ein Großteil meiner Umwelt sich gar nicht dafür interessiert, was ich verkündige; das führt zu Frustration, aber auch zu Selbstzweifeln und einem geschwächten Selbstwertgefühl. Und drittens fördert die momentane „Großwetterlage“ in der Kirche die Erschöpfung; vielen fällt es immer schwerer, sich mit der Kirche wirklich zu identifizieren und sie versuchen ständig einen Spagat zwischen offizieller Lehre und praktischer Seelsorge. Dieser Spagat strengt sehr an und führt zu grundsätzlichen Zweifeln am eigenen Weg.

Geht es Priestern dabei anders als Laien?

Zu uns kommen Priester, Ordensleute und Laien – grundsätzlich betrifft es also alle, vor allem, wenn sie versuchen, das alte Ideal zu erfüllen „allen alles zu sein“. Dann fällt es schwer, die private und die professionelle Welt auseinanderzuhalten und Grenzen zu ziehen. Laien, die vielleicht Familie haben und dort Intimität erleben, haben vielleicht ein gewisses Gegengewicht zur beruflichen Arbeit, aber grundsätzliche Unterschiede zwischen geweihten und nichtgeweihten Seelsorgerinnen und Seelsorgern gibt es nicht.

Ist die Zeit im Recollectio-Haus so eine Art Kur?

Es ist vielleicht eine Mischung aus einer Kur und einer psychosomatischen Klinik, wobei ein wichtiger Unterschied darin besteht, dass unsere Angebote in Kursform stattfinden. Das heißt: Alle fangen gemeinsam an und hören gemeinsam auf. Diese Gemeinschaftlichkeit ist ein Teil unseres Konzepts, ist ein Teil der Therapie. Und: Die Kurse dauern länger als die meisten Kuren: zwischen vier und zwölf Wochen.

Das ist eine lange Zeit. Wird das von kirchlichen Vorgesetzten unterstützt?

Wir treffen uns jedes Jahr mit den Personalchefs, und da merkt man schon, dass unsere Arbeit anerkannt und wertgeschätzt wird. Sogar wenn sich jemand nach einem Kurs entschließt, aus dem Dienst auszuscheiden – aufrecht und nicht beleidigt oder verbittert. Die Personalchefs fragen uns auch: Welche Konsequenzen können wir ziehen, damit die Arbeitsbedingungen besser werden?

Jesus hat seine Jünger zu zweit ausgesandt, heute lebt ein Priester meist allein: Ist Vereinsamung ein Teil des Problems?

Das ist es für viele sicher. Gerade für zölibatär lebende Priester geht es daher darum, ein Netz von Gleichgesinnten zu haben, eine Gemeinschaft, die sich regelmäßig trifft zu intensiven Gesprächen, in denen man sich öffnen kann. Das Gegenstück zum Ausbrennen sind bedeutungsvolle Beziehungen, wo man aussprechen kann, was einen bewegt.

Können auch Gemeinden dazu beitragen, ihre Seelsorger vor dem Ausbrennen zu bewahren?

Ja. Indem sie beispielsweise ihre Erwartungen zurückschrauben; indem sie unterstützen und nicht kritisieren, dass ein Pfarrer Freiräume und freie Tage braucht; indem sie Wertschätzung zum Ausdruck bringen – und das nicht nur indirekt; indem sie ihn nicht auf einen Sockel stellen, sondern zulassen, dass er am Boden bleibt; vielleicht auch, indem man anbietet, gerade Priester in das eigene familiäre Umfeld mit einzubeziehen, wenn er das möchte. Und schließlich, indem man den Mut hat, seine Seelsorgerinnen und Seelsorger auf offensichtliche Probleme auch anzusprechen. Denn wenn wir in der Gemeinde wirklich Brüder und Schwestern sind, und das nicht nur sagen, dann können wir miteinander auch über schwierige Fragen reden.
Interview: Susanne Haverkamp