03.02.2017

Realschule trotz Trisomie 21

Ein puzzelnder Philosoph

Wegen seiner Behinderung verhält Tim Zucker sich oft anders als die Mehrheit. Eine Sonderschule braucht er trotzdem nicht. Das Porträt eines Jungen, der die Welt anders sieht und deshalb von der Welt anders behandelt wird. Von Sara Mierzwa.

Tim Zucker kann backen, puzzeln, trösten, Englisch sprechen und Karaoke singen. Trotzdem sehen viele Menschen um ihn herum nur, was er nicht kann. Was bundesweit selten vorkommt, ist in der 5a der Martinusschule ganz normal. Dort geht Tim in eine Realschule.

Jeden Montag sitzen die 20 Kinder im Stuhlkreis, hören eine Geschichte und erzählen einander vom Wochenende. Beim 13-Jährigen Tim dauert es länger, bis er ein Wort herausbringt. Die Klassenlehrerin Monika Kultschak fragt nach. Die anderen Kinder warten geduldig. Lauten Spott gibt es selten. Tim hat das Down-Syndrom, eine geistige und körperliche Behinderung. Neben Tim sitzt Luana Schreiber, eine zusätzliche pädagogische Fachkraft in der Klasse. Sie streicht Tim beruhigend über den Rücken, wenn er laut oder unruhig wird.

Tim Zucker in der Schule Foto: Sara Mierzwa
Tim Zucker in der Schule                       Foto: Sara Mierzwa

Tim hat am Wochenende einen Walt-Disney-Film geschaut. Seine Mutter sucht Filme für ihn aus, die nicht zu aufregend sind. „Sonst spielt er am nächsten Tag in der Schule die Filme nach und verwechselt seine Mitschüler mit anderen Zauberern, gegen die er kämpfen möchte“, erzählt seine Mutter, Susanne Pohl-Zucker.

So war es zumindest, nachdem Tim Harry Potter geschaut hatte. Tim hat viel Phantasie und er verarbeitet die Eindrücke aus der Welt oft anders als die Mehrheit der Kinder in seinem Alter. Jetzt gibt es für Tim nur noch Filme mit Winnie Puuh oder Ronja Räubertochter. Mit seiner Zwillingsschwester Lisa spielt er dann Ronja und Birk nach, die beiden Hauptfiguren aus dem Film. Sie rennen durch den Garten hinter dem Reihenhaus bei sich zuhause in Oppenheim und springen auf dem Trampolin.

 

Gemeinsam lernen und leben

Im Klassenraum hat Tim nicht so viel Bewegungsfreiraum. Beim „Wochenplan“ soll er still an seinem Tisch sitzen und Aufgaben erledigen. Es gibt verschiedene Aufgabenblätter für die Kinder in der 5a mit und ohne Einschränkungen. Außer dem Fach Mathe werden alle Fächer gemeinsam unterrichtet. Tims Tisch ist höher als die anderen, weil er größer ist. Er wiederholt eine Klasse. Während viele Kinder schon mit ihren Aufgaben begonnen haben, wühlt Tim noch in seinem Rucksack. Er hat das falsche Heft eingepackt. „Ich bin böse. Ein frecher Frechdachs“, maßregelt er sich selbst. Wenn die Kinder eine Frage haben oder eine der Lehrerinnen das Arbeitsblatt korrigieren soll, stellen sie zum Melden ihr Lineal hochkant in einen Holzblock. So bleibt es im Klassenzimmer relativ ruhig. Wie in einem Ameisenhaufen laufen die Kinder zwischen Aufgabenblättern und ihren Tischen hin und her: Ein Kind schreibt ein Diktat. Ein anderes sitzt am Computer mit einem Englischlernspiel. Luana Schreiber übersetzt für eines der Kinder mit Behinderung das Gesagte in Gebärdensprache.

Mehrmals pro Stunde schlägt Monika Kultschak an eine Klangschale auf ihrem Tisch,  um die Kinder daran zu erinnern, ruhig zu sein. Sie wird selbst manchmal laut. „Wir sind Lehrer und die sind auch fies“, sagt sie lächelnd zu den Schülern. Kultschak ist seit 1985 Lehrerin und hat selbst ein Kind mit Behinderung. Ihr sind Werte wie Toleranz, Akzeptanz und ein guter Umgang miteinander wichtig. Das ist in ihrem Unterricht ebenso Inhalt wie Mathe, Deutsch und Englisch.

 

Störenfried und Tröster

Tim muss noch lernen, mit seinen Mitschülern immer einfühlsam umzugehen. Manchmal zieht er am Heft seiner Sitznachbarin, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Oder er unterbricht die anderen Kinder beim Reden. Manchmal gelingt der Kontakt mit den Mitschülern schon gut. „Du bist nicht doof“, ermutigt Tim seine Mitschülerin, die unglücklich über ihren Aufgaben sitzt. Pausenklingeln. Tim bleibt an seinem Platz sitzen und isst ein Butterbrötchen mit Schinken, das ihm seine Mutter geschmiert hat. Susanne Pohl-Zucker ist immer für Tim da. Davon ist sie manchmal sehr müde. Immer wieder kämpft sie für einen möglichst normalen Alltag für Tim – trotz der Behinderung.

Bis zur Geburt der Zwillinge wusste Susanne Pohl-Zucker nichts von Tims Behinderung. Als der Arzt die damals 36-Jährige gefragt hatte, ob sie ein behindertes Kind abtreiben würde, sagte sie nein und ließ keine Fruchtwasseruntersuchung machen. Als bei der Geburt die Behinderung ihres Sohnes festgestellt wird, ist es trotzdem für sie erst einmal ein Schock. Tim hat auf Grund des Down-Syndroms einen schweren Herzfehler. Sein Vater Michael Zucker ging nach der Diagnose erst einmal joggen, weinte ein bisschen, ging dann zu seiner Frau und sagte: „Unser Sohn ist ein ganz Süßer“. Es imponierte ihm, wie sein Sohn zwischen den Maschinen lag und ums Überleben kämpfte.

Das erste Jahr war Tim die meiste Zeit im Krankenhaus. Nur seine Eltern, Großeltern und Schwester durften zu ihm. In dieser Zeit war die Behinderung zweitrangig, es ging ums Überleben. Für Tims Schwester Lisa war es schwer, so lange von ihrem Bruder getrennt zu sein. Sie wurde ohne geistige Behinderung geboren und besucht inzwischen ein Gymnasium. Den katholischen Kindergarten konnten die Zwillinge noch gemeinsam besuchen. Wenn Tim etwas kaputt macht, dann erklärt seine Schwester den anderen Kindern Tims Verhalten. „Mein Bruder ist etwas ganz Besonderes und wir spielen gerne zusammen. Er ist meistens gut drauf, immer ehrlich und wenn er traurig ist, kommt er zu mir und wir umarmen uns“, sagt Lisa.

Auch Klassenlehrerin Monika Kultschak sieht viele Stärken bei Tim. „Ich mag seine philosophische und sensible Ader, und er ist sehr intelligent“, beschreibt sie ihn. Ihr ist wichtig, dass das Schulsystem sich den Kindern anpasst. Nicht umgekehrt.  Sie kümmert sich um alle Kinder in ihrer Klasse gleichermaßen, je nachdem wo sie stehen. Dabei unterstützen sie zusätzlich ein Integrationshelfer und die pädagogische Fachkraft. Als Luana Schreiber bei Tim ein unordentlich geschriebenes Wort wegradiert, schmollt er eine Viertelstunde, bevor er weiter arbeitet. Aber oft ist er sehr fleißig. Sein Lernheft zuhause mit dem Thema „Ich und meine Fähigkeiten“ ist schon sehr dick. Monika Kultschak setzt sich Tim gegenüber und versucht ihn zu motivieren. „Du kannst das ordentlicher“, sagt sie. Positive Bestärkung heißt das in der Fachsprache der Lehrer. Positive Bestärkung zieht Tim auch aus seinem Glauben an Gott. Er liest gerne in seiner Kinderbibel und geht mit seiner Schwester in den Kindergottesdienst. Abends vor dem Schlafengehen versichert ihm seine Mutter, dass seine Familie und Gott ihn beschützen. Dann schläft er beruhigt ein.

 

Aufklären statt Bedenken schüren

Am nächsten Morgen fährt Tim mit der Bahn zur Schule. Noch begleitet ihn eine Studentin, aber dieses Jahr soll er Bahnfahren alleine lernen. In der zweiten Pause geht er mit Luana Schreiber auf den Schulhof. Dort spielt er mit einer Mädchengruppe Ball. Letzte Woche gab es auf dem Schulhof Streit. Ein paar jüngere Mädchen haben sich beschwert, dass Tim ihnen Angst mache. Monika Kultschak geht mit Tim in die betroffene Klasse und erklärt, warum Tim es manchmal schwer fällt, Kontakt aufzunehmen. Die 5a ist die einzige Klasse an der Schule, in der auch Kinder mit geistiger Behinderung unterrichtet werden. Die Schüler sind für das Thema Inklusion sensibel. Als sie den Landtag besucht haben, fragten die Kinder die Abgeordneten, warum nicht alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen. Viele Eltern sagen Monika Kultschak im Elterngespräch, dass sie dankbar dafür sind, dass ihre Kinder eine inklusive Klasse besuchen.

Am Elternabend haben alle Kinder aus der Klasse etwas vorgeführt. Tim hat mit anderen Kindern einen Dialog auf Englisch gesprochen. Englisch ist eines seiner Lieblingsfächer. Seine Mutter hat ganz stolz das kleine Theaterstück mit ihrem Smartphone aufgenommen.

 

Mit engem Maßband vermessen

Tim Zucker puzzelt Foto: Sara Mierzwa
Tim Zucker puzzelt gerne.                     Foto: Sara Mierzwa

Positive Rückmeldungen sind nicht selbstverständlich. Susanne Pohl-Zucker hat auch andere Erfahrungen gemacht. Meistens spielen die Kinder bei ihr zuhause. Tim puzzelt gerne mit seinem Vater und alleine oder spielt Gesellschaftsspiele. Nur selten laden Eltern anderer Kinder Tim zu sich ein. Dann freut sich Susanne Pohl-Zucker immer besonders. Sie möchte, dass ihr Sohn ein möglichst normales Leben führen kann. Dafür versucht sie ihn immer wieder an die herrschenden Spielregeln in der Gesellschaft zu erinnern: keine ungewöhnlichen Geräusche machen, nicht am Pullover nuckeln, nicht mit den Zähnen knirschen und kein impulsives Verhalten. Es ist eine Gratwanderung. Einerseits hat sie durch Tim einen völlig neuen Blick auf die Welt kennengelernt: eine Bereicherung. Andererseits ist das oft nicht der Blick der Mehrheit: ein Hindernis.

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass Tim auf dem normalen Arbeitsmarkt einen Job findet. Vielleicht könnte er Verkäufer oder Koch werden. „Wenn er auf Sommerfesten in der Schule oder Gemeinde Getränke verkauft, dann macht er das super motiviert und ohne Quatsch“, sagt Susanne Pohl-Zucker. Tim wird von den Erwachsenen genau beobachtet: Seine Mutter, der Integrations-Helfer, die pädagogische Fachkraft und Frau Kultschak. „Tim wird gerade eng geführt“, sagt Monika Kultschak. Zu Beginn des Schuljahres hat Tim im Unterricht noch öfter geschrien. Wenn es laut oder hektisch um ihn herum wird, macht er das manchmal. Er wird dann von zu vielen Reizen überflutet. Jetzt ist es besser geworden. „Tim erlebt sich selbst positiver. Er ist nach einigen Wochen zur Ruhe gekommen und schreit weniger. Und wenn es ihm zu viel wird, dann kann er eine Auszeit einfordern“, sagt Monika Kultschak. Wenn er sich gut benimmt, dann bekommt Tim einen Smiley-Aufkleber in sein Schulheft geklebt. Heute hat Tim schon eineinhalb Smileys gesammelt.

 

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