09.11.2011

Mindestlohn: Klarer Befund, schwierige Therapie

Eine Frage der Gerechtigkeit

Die Front gegen einen Mindestlohn bröckelt. Was aufgrund der politischen Mehrheiten bislang kaum realisierbar schien, könnte angesichts der Diskussionen in der CDU doch Wirklichkeit werden. Hinter der Debatte steckt die Frage nach dem gerechten Lohn.


Wäre der Mindestlohn in Deutschland Thema einer Volksabstimmung, könnte man die Diskussion abkürzen: 86 Prozent der Deutschen sind dafür. Für viele Menschen ist die Lohnuntergrenze eine Frage der Gerechtigkeit. Doch ausgerechnet die C-Parteien tun sich schwer damit. Dabei hat das flaue Gefühl im Bauch vieler Bürger einen guten Grund: Rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland bekommen einen Stundenlohn von unter fünf Euro. Rund 300 000 Menschen arbeiten Vollzeit und sind dennoch auf Hartz IV angewiesen.

Niedriglohn tritt nicht nur Geringqualifizierte

Wer meint, ein Niedriglohn treffe nur Menschen ohne Ausbildung oder mit geringer Qualifikation, irrt. In Berlin etwa verdienen Friseure der untersten Lohngruppe laut Tarifvertrag 4,65 Euro pro Stunde. Macht bei 40 Stunden pro Woche knapp 750 Euro brutto im Monat. Oder Arzthelferinnen in Mecklenburg-Vorpommern: Sie bekommen in der untersten Lohngruppe einen Stundenlohn von 6,66 Euro. Hochgerechnet auf einen Monat keine 1100 Euro – brutto, wohlgemerkt. Davon gehen noch Sozialabgaben und minimale Steuern ab. Ein Single kann mit diesem Geld über die Runden kommen, eine Familie nicht. Gerechter Lohn?

Schon Papst Leo XIII. hat sich 1891 in der Enzyklika „Rerum Novarum“ mit dem gerechten Lohn befasst. Eine Forderung der „natürlichen Gerechtigkeit“ sei es, „dass der Lohn nicht etwa so niedrig sei, dass er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft“. Von seiner Arbeit muss man leben können, heißt das.

Im Katechismus der Kirche steht, dass Arbeit so zu entlohnen ist, „dass dem Arbeiter die Mittel  zu Gebote stehen, um sein und der Seinigen materielles, soziales, kulturelles und spirituelles Dasein angemessen zu gestalten“. Von dieser Forderung sind viele Niedriglöhne weit entfernt.
Doch so eindeutig der Befund, so schwer die Therapie: Was passiert, wenn man einen Mindestlohn einführt? Gehen Arbeitsplätze verloren? Die Ökonomen können der Politik dabei kaum raten. Die Wissenschaftler sind sich über die Folgen eines Mindestlohnes vollkommen uneins. Manche Studien belegen, dass der Mindestlohn keine Arbeitsplätze vernichtet, andere sagen genau das Gegenteil.

Mindestlohn nicht für alle ein Ausweg

Und wie hoch muss schließlich ein Mindestlohn sein? Die Gewerkschaften fordern 8,50 Euro pro Stunde. Das reicht aber für eine vierköpfige Familie mit nur einem Einkommen auch nicht aus – sie wird trotzdem auf Hartz IV angewiesen sein.

Von Ulrich Waschki