24.04.2013

Matthias Bartosch trägt religiöse Tattoos

Eine fromme Haut

Betende Hände auf dem Oberarm, Kreuz und Grabstein auf den Waden. Für den Studenten Matthias Bartosch sind die religiösen Tattoos auf seiner Haut mehr als ein dekorativer Schmuck. Von Elisabeth Friedgen.

Matthias Bartosch mit seinem Tattoo "Betende Hände"

Die „Betenden Hände“ nach Albrecht Dürer auf
seinem Oberarm symbolisieren seinen Glauben.
Foto: Elisabeth Friedgen.

„Tätowieren fühlt sich an, als ob einen 1000 Ameisen auf einmal beißen“, sagt Matthias Bartosch. Der 24-Jährige sieht mit seiner grünen Sweat-Jacke und den blonden Haaren irgendwie aus wie einer, der ein Freiwilliges Soziales Jahr macht (hat er auch). Kann so jemand tätowiert sein? Na klar.

Matthias Bartosch wurde 1988 in Frankfurt geboren und wuchs dort im Stadtteil Sachsenhausen auf. Die Mutter arbeitete zeitweilig im Pfarrbüro, der Vater war im Pfarrgemeinderat. Der kleine Matthias verbrachte oft Zeit bei der Oma, die ebenfalls religiös war und ihn prägte, wie er sagt. Nach der Erstkommunion folgten einige Jahre als Messdiener, und in der Pubertät, wie bei so vielen, „eine Zeit, wo ich weniger in der Kirche gemacht habe“, sagt Matthias.

„Der Erlöser ist wieder da“, sagten die Schulkameraden

Das änderte sich, als er 2006 in der elften Klasse für ein Jahr nach Amerika ging. Er wohnte währenddessen bei einer Cousine seiner Mutter in Fort Vancouver an der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten Oregon und Washington und besuchte dort eine christliche Highschool. Dort traf er auf eine völlig neue Welt. Jeden Morgen eine Stunde Religionsunterricht, regelmäßige Gebete und Schulmessen. „Anfangs fand ich diese extreme Religiosität schwierig“, sagt Matthias rückblickend. Was ihn dennoch beeindruckte, war die Art, wie die amerikanischen Christen ihren Glauben feiern, „diese erfrischende Atmosphäre in den Gottesdiensten, die rockigen Lieder“. Er habe dabei oft stark die Nähe Gottes empfunden.

Zurück in Deutschland kam der Kulturschock. Die alten Frankfurter Schulfreunde konnten nichts mit seiner neuen Religiosität anfangen. „Der Erlöser ist wieder da“, sagten manche hämisch. Das verstörte Matthias. Er fand nicht, dass er sich geändert hätte. Das intensive religiöse Leben an der amerikanischen Schule hatte ganz einfach seinen Glauben neu entzündet.

Ohne diese Erfahrung hätte er wohl auch kein Tattoo. Matthias wollte schon länger eins haben, es hatte sich aber nie ergeben. Ein Jahr nach seiner Rückkehr fl og er im Sommer 2007 nochmals in die USA. Spontan begleitete er dort einen Freund zum Tätowieren. Und bekam mit 19 sein erstes Tattoo. Dass er es – außer vielleicht per Laser – nie wieder entfernen kann, daran dachte er damals nicht, und heute stört es ihn nicht.

Er dachte: „Hoffentlich hältst Du den Schmerz aus!“

„Das war schon ein abenteuerliches Erlebnis“, sagt Matthias rückblickend. Der Tätowierer war ein religiöser Künstler, der die Tattoos in seiner Speisekammer stach. Zuerst fertigte er nach Matthias’ Vorstellungen einen Entwurf an. Ein Kreuz sollte es werden, zur Erinnerung an seinen verstorbenen Patenonkel. Die Zeichnung wird auf eine Klebefolie abgepaust, die wiederum wie ein Klebe-Tattoo auf die Haut gedrückt wird. Matthias erinnert sich noch gut daran, wie nervös er damals war: „Ich dachte nur noch: ‚Hoffentlich hältst du gleich den Schmerz aus!‘“

Und dann spürte er zum ersten Mal die 1000 Ameisen, als die Nadel des Tätowierers die Formen der Zeichnung in seine Haut stach. Heiß wird die Haut dabei auch, denn „eine Tätowiernadel arbeitet halt genauso schnell wie die Nadel einer Nähmaschine“. Nach anderthalb Stunden verließ Matthias mit seinem neuen Körperschmuck stolz den Laden. Zurück in Deutschland traf er auf verständnisvolle Eltern, auch sonst hatte er nur selten mit Vorurteilen zu tun. Im Fußballverein TG Sachsenhausen, wo er in der Abwehr spielt, stört sich niemand an den Tattoos. Viele Fußballer, sowohl Hobby- als auch Profi spieler, sind tätowiert. Anders war die Reaktion bei Matthias’ Oma, die er regelmäßig besucht und der er schon mal beim Einkauf oder im Garten hilft. „Sie war schon erschrocken, als sie von meinen Tattoos erfuhr. Aber ich habe ihr einfach erklärt, was es mir bedeutet. Wenn man es erklären kann, dann ist es für die meisten Leute okay.“

„Ich will damit sagen: Ja, ich bin gläubig“

Manche Tätowierer werben auf ihren Webseiten damit, dass ihre Tinte süchtig mache. Wer ein Tattoo habe, wolle schnell mehr. Matthias erging es ähnlich. Bald ließ er sich sein zweites Tattoo auf den rechten Oberarm stechen: Die betenden Dürer-Hände mit Rosenkranz. Sie sind ein Statement: „Ich will damit sagen: ‚Ja, ich bin gläubig, und ich stehe dazu. Ganz egal, was andere sagen.‘“

Matthias weiß, was viele Menschen denken: Dass tätowierte Menschen extrem drauf sind, ein bisschen unheimlich. Oder rebellische Teenager, die aufbegehren wollen. Aber solche Beschreibungen passen nicht zu dem jungen Mann, der nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Frankfurter Jugendkirche JONA machte und heute Philosophie und Geschichte in Mainz studiert.

Jedes Bild an seinem Körper ist eine Aussage

„Ich denke, dass ich reif genug war für die Entscheidung, weil ich bei meinem ersten Tattoo schon erwachsen war. Ich habe diese Entscheidung sehr bewusst getroffen“, sagt Matthias. Jedes Bild an seinem Körper ist eine Aussage. Der Patenonkel etwa, der war ein großes Vorbild für ihn. Er starb an Blutkrebs, als Matthias neun Jahre alt war. „Das Tattoo ist ein Zeichen der Erinnerung, das ich immer bei mir trage.“ Vielleicht wird er schon bald wieder in einem Studio sitzen, den Geruch der Latexhandschuhe des Tätowierers in der Nase, und beim Stechen die eigene Schmerzgrenze ausloten. „Wenn man danach rausgeht mit dem neuen Tattoo, ist man total stolz. Ich weiß dann, ich habe etwas gemacht, das mich persönlich stärkt. Das gehört zu mir. Ich zeige damit, wer ich bin.“