31.05.2017

Planspiel für junge Erwachsene

Geld regiert die Welt … oder?

Einen emotionalen Zugang zu Geld zu bekommen, ist das Ziel eines Planspiels beim Eine Welt Camp im Kloster Jakobsberg bei Ockenheim. Statt abstrakter Finanzströme erleben Teilnehmer hier Geldgeschäfte am eigenen Leib. Von Christian Burger.


Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Eine Welt Camp auf dem Jakobsberg. Fotos: Christian Burger
Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Eine Welt Camp auf dem Jakobsberg. 
Fotos: Christian Burger

"Wir haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger …“, tönt es aus dem Raum, in dem die Teilnehmer sich zum Mittagessen versammelt haben. Es sind die „Armen“, die sich auf diese Weise bemerkbar machen. Sie sitzen auf dem Boden und warten auf ihr Schälchen Reis, während die „Reichen“ über ihnen auf einem Podest thronen und sich an ihrem üppigen Mahl erfreuen. „Wenn ihr fertig seid mit Bedienen, dann dürft ihr auch noch etwas essen“, mit diesen Worten richtet sich Leiterin Jennifer Mumbure an die Verlierer des Planspiels und fügt hinzu: „Ihr wart halt nicht so fleißig.“ Wer dagegen gewonnen hat, soll das auch spüren. Dazu gehört ein komfortabel erhöhter Sitzplatz, ein gut gefüllter Teller und natürlich Service. Wie im Leben. Das Mittagessen ist der Abschluss eines Planspiels, mit dem das Eine Welt Camp im Kloster Jakobsberg bei Ockenheim eröffnet wurde. Bei dem Treffen geht es diesmal darum, den Teilnehmern spielend das Weltwirtschaftssystem näherzubringen.

Einen Tag Weltwirtschaft erleben

„Es geht dabei vor allem um den Erfahrungswert“, erklärt Kilian Bundschuh, Mitglied des Organisationsteams, „die Armen kriegen halt auf den Deckel.“ Fast 24 Stunden lang mussten im Camp die Teilnehmer mit „Camp-Talern“ wirtschaften und bezahlen, beispielsweise kostete ein Abendessen pro Person fünf Taler. Am Ende erleben die Reichsten die Vorzüge. Doch diese offensichtliche Spaltung der Gruppe liegt einigen Teilnehmern schwer im Magen, und einer ruft reumütig vom Tisch der Reichen: „Ich hab mich beim Essen noch nie so unwohl gefühlt.“ Kurz darauf werden die Teilnehmer aufgefordert, ihre Rollen abzustreifen und aus ihren Köpfen zu verbannen, damit wieder alle gleich sind. Das Eine Welt Camp wird seit 1986 regelmäßig im Kloster Jakobsberg von missio Aachen, missio München und der Arbeitsgruppe MAZ (MissionarIn auf Zeit) veranstaltet. Es steht jedes Mal unter einem Motto, das Relevanz für das Leben in Deutschland hat. Dieses Jahr lautet der Leitspruch: „Da fällt der Groschen.“ Dazu gibt es viele Workshops und Vorträge. Unter anderem stehen Diskussionen zu Themen wie „Internetwährung Bitcoin“, „Bedingungsloses Grundeinkommen“ und „Was sagt eigentlich der heilige Benedikt zum Geld?“ an. Das Thema soll von möglichst vielen Seiten beleuchtet werden. Verena Stürznickel, die zum vierten Mal an einem Camp teilnimmt, ergänzt: „Und es macht einfach Spaß.“ Circa 80 Prozent der Teilnehmer sind MAZ-Rückkehrer. Sie treffen hier Gleichgesinnte, tauschen sich bei einem Markt der Möglichkeiten über Arbeitsbereiche und Engagements aus. 120 bis 150 Personen nehmen am Camp teil. Unter den Gästen finden sich auch  ein paar junge Leute aus Ländern wie Brasilien, Kenia, Papua-Neuguinea und Ghana, die in Deutschland ein ausländisches Gegenstück zum MAZ machen.


Viele ungeplante Dynamiken entstehen

Verena Stürznickel (links) und Kathrin Oel an der Essensausgabe. Foto: Christian Burger
Verena Stürznickel (links) und Kathrin
Oel an der Essensausgabe.

Sowohl die Teilnehmer als auch die Organisatoren sind vom Erfolg des Planspiels begeistert. Verena Stürznickel weiß, dass sich normalerweise alle beim Camp helfen, doch „diesmal wurde von Anfang an ein Geschäft daraus gemacht“. Sie ist beeindruckt, wie perfekt sich die Teilnehmer in ihre jeweiligen Rollen hineingefunden haben und mit welcher Vielzahl an kreativen Ideen die Aufgaben umgesetzt wurden. Diese Meinung scheinen alle Mitspieler, ob arm oder reich, zu teilen. Jennifer Mumbure war besonders bewegt von den vielen ungeplanten Dynamiken, die während des Spielens entstanden sind. Beispielsweise sangen Gruppen spontan Ständchen, boten Massagen an oder verkauften Solidaritäts-Schleifchen. Einige Gruppen legten ihr gesamtes Startkapital zusammen und bildeten eine funktionierende Solidargemeinschaft. Nach dem Planspiel ist wieder Zeit für spannende Geschichten über MAZ-Aufenthalte. Katharina Dietz liebäugelt mit einem Freiwilligendienst, am liebsten in einem asiatischen Land. „Wenn man so viele Leute trifft, weckt es das Interesse, selbst solche Erfahrungen zu machen“, sagt sie. Neuen Begegnungen steht nichts im Weg, denn nun muss niemand mehr nach „Camp-Talern“ kramen.

 

Zur Sache: Das Planspiel

Das Planspiel „Campwährung“ haben Robert Kasperan, Student an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues, und die Camp-Veranstalter Jennifer Mumbure und Brigitte Rolfes entwickelt. Die Teilnehmer starten mit unterschiedlichen Summen an Grundkapital. Jeder ist Mitglied einer von elf Basisgruppen. Alle Gruppen haben Gemeinschaftsaufgaben zu erledigen, wie etwa Kuchen backen, Stockbrotteig anrühren oder eine Weltkugel aus Pappmaschee gestalten. Dabei ist es wichtig, dass Dinge entstehen, die nutzbar und nachhaltig sind, erklärt Jennifer Mumbure. Um ihre Ziele zu erreichen, müssen die Gruppen Handel treiben, weil nicht alle Grundgüter vorhanden sind. Zudem gibt es Schicksalsschläge zu bewältigen und Lottogewinne einzustreichen, dann werden „Arme reich und Reiche arm“, ergänzt Kilian Bundschuh. Um zusätzliche Camp-Taler zu verdienen, können die Teilnehmer an der Job-Börse Putzarbeiten und andere Aufgaben übernehmen.

 

Infos über MAZ und missio auf:
www.missionarin-auf-zeit.de; www.missio.de