05.12.2010

Elf Gerechte halten durch

Auszug aus dem Reise-Tagebuch: Die Heilig-Land-Leserreise der Kirchenzeitung

Von Ruth Lehnen

Hinflug und erster Abend

Unser Flug 690 mit Lufthansa startet pünktlich, aber mitten in der Nacht fällt einer Flugbegleiterin eine Thermoskanne auf den Kopf, die niemand gehört. Das verdächtige Objekt führt dazu, dass wir unsere Plätze im hinteren Flugzeugteil räumen müssen und eine Zwischenlandung in Athen einlegen. Hier stehen schon Krankenwagen und Feuerwehr bereit, wie ich hinterher höre. Auf die Enteisung muss gewartet werden, und so erreichen wir Tel Aviv mit etwa drei Stunden Verspätung. Alle 22 Teilnehmer haben den Zwischenfall gelassen gesehen...

In einer abendlichen Gesprächsrunde wird deutlich, wie groß und zum Teil schon Jahrzehnte alt die Sehnsucht der Teilnehmer nach Jerusalem und Israel ist: Der Wunsch, da zu sein, wo Jesus gelebt hat.

Glücklich am Ort der Seligpreisungen: Die Teilnehmer an der Israel-Reise der Kirchenzeitung am See Gennesaret. Oberste Reihe links: der geistliche Begleiter Pfarrer Erhard Heimburger.  Fotos: privat, Ruth Lehnen

Am See Gennesaret

Am Morgen bin ich am See Genne-saret. Ich sehe die Hügel am See im rötlichen Morgenlicht und die Sonne aufgehen über den Bergen des Golan...

Am idyllischen Ort „Dalmanutha“ bei Tabgha mit direktem Blick zum See Gennesaret feiern wir Eucharistie. Eine schöne Erfahrung, weil alle aufmerksam sind, dankbar und voller Freude. Unser geistlicher Begleiter, Pfarrer Erhard Heimburger, sagt es mit den Worten von Kurt Marti: „Ich weiß nur, wozu er uns ruft: zur Auferstehung heute und jetzt.“ In dieser überirdisch schönen Umgebung, in der ein Gecko am Gottesdienst teilnimmt (oder ist es eine Eidechse?) und die Vögel Musik machen, können wir leichter daran glauben.

In Ibillin bei arabischen Christen

In Israel gibt es nur schönes Wetter (Sonne) und gutes Wetter (Regen). Heute ist wieder schönes Wetter... In Ibillin hat der griechisch-katholische Geistliche Elias Chacour gegen viele Widerstände seinen Traum von einer christlichen Schule wahrgemacht. Der Neffe des heutigen Erzbischofs, Micha, zeigt uns das Schulgelände und die neu erbaute Kirche. Auf den Treppenstufen der Kirche sind die Seligpreisungen in Arabisch, Hebräisch, Englisch und Französisch eingemeißelt.

Micha ist nicht damit zufrieden, dass wir als Reisende auf den Spuren Jesu gehen wollen, sondern er fordert darüberhinaus Solidarität mit den Christen im Land Jesu. Seine Erfahrung: Die Christen werden immer weniger, leiden unter Diskriminierung, können nicht alle Berufe ausüben, werden von den arabischen Nachbarn, die Muslime sind, ebenso kritisch beäugt wie von den Juden. Viele wandern aus. Micha fragt, warum wir nicht im christlichen Gäste-haus wohnen!?

In Jerusalem, Grabeskirche

Die Via Dolorosa führt durch den belebten Basar des arabischen Viertels von Jerusalem. Wir gelangen zur Grabeskirche, die unser Reiseleiter Erich König lieber Auferstehungskirche nennt. Menschenmassen warten darauf, das heilige Grab zu sehen. Ein Italiener rechts von mir benutzt seine Frau als Rammbock, um einen Zentimeter Platzvorteil zu erlangen. Das Gedränge wird immer unerträglicher, und auf einmal habe ich die Bilder von Duisburg vor Augen: Ich muss hier raus. Elf Gerechte halten durch, und Peter Leuninger kommt nach zweieinhalbstündiger Wartezeit mit den Worten aus der Kirche: „Jetzt weiß ich, was Fegefeuer heißt.“

Ausblick auf den See Gennesaret

In Betlehem

Wir fahren nach Betlehem, passieren also die Grenze zum (künftigen) Palästina. Die riesige Sperrmauer beherrscht den Ort, ein schockierender Anblick. In unmittelbarer Nähe liegt das Caritas-Baby-Hospital. Hier treffen wir auf Johanna Kawwas, Krankenschwester und Nichte des Hospitalgründers, des Schweizers Ernst Schnydrig. Er war überzeugt, man dürfe nicht nur in lichtvollen Bildern an das Weihnachtsgeschehen denken, man müsse auch heute im Heiligen Land für die Babys und Kinder da sein.

Über den Alltag im palästinensischen Betlehem sagt Johanna Kawwas: „Betlehem ist ein offenes Gefängnis.“

Nachdenklich fahren wir weiter zu den „Hirtenfeldern“, einem parkähnlichen Bezirk mit vielen Grotten, in denen Eucharistie gefeiert wird. Bei etwa 27 Grad singen wir „Zu Betlehem geboren“. Kein Weihnachtsfest der Zukunft wird mehr ohne die Erinnerung an diesen Gottesdienst sein.

In Jerusalem, „Klagemauer“

Nach unserem Besuch auf dem Tempelberg kommen wir durch strenge Sicherheitskontrollen zur Klagemauer, der Westmauer des Jüdischen Tempels. Hier herrscht reges Treiben: Bar Mitzwa-Feiern. Für die jüdischen Jungen ein Erwachsenwerden im Glauben, wenn sie 13 Jahre alt geworden sind. Bei der Feier müssen sie in der Synagoge ein Stück der Heiligen Schrift, der Thora, vorlesen. Wir lernen, dass die Mauer als Synagoge angesehen wird. Die Frauen stehen festlich gekleidet auf Plastikstühlen am Zaun und beobachten das Treiben auf der Männerseite. Sie jubeln ihren Söhnen zu und werfen Bonbons. Dass wir ebenfalls die Plastikstühle erklimmen, stört niemanden. Der Junge vor meiner Nase hat die Gebetsriemen und den Gebetsschal umgelegt, seine Hand mit dem Thorazeiger wird von einem Älteren geführt. In dem Trubel hört man ihn weder lesen noch singen, aber die Freude über das Ereignis teilt sich unmittelbar mit...

Die Reise endet mit einer Vesper in der Dormitio-Abtei. Hier singen die Benediktiner die Psalmen auf Deutsch, singen das Lob der heiligen Stadt auf dem Zion. Ach, denke ich, und hier bin ich, ich bin ja auf dem Zion, bin ja in Jerusalem. Etwas Schöneres kann es kaum geben.