02.11.2017

Götzen, Vorbilder, Fürsprecher?

„Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene“: So heißt die Jahresserie in der Kirchenzeitung. Anders gefragt: Wann endlich überwinden die christlichen Kirchen ihre Spaltung? Wenn die Nischen für die Heiligenfiguren in den katholischen Kirchen leer bleiben und die Katholiken ihrem Aberglauben abschwören? Oder wenn die Protestanten eine innige und leibhaftige Beziehung zu Vorbildern im Glauben entwickeln? Erfahren Sie mehr – am Beispiel der heiligen Elisabeth von Thüringen.

 

Eine „ökumenische Heilige“
 

Anna Karena Müller ist Pfarrerin der evangelischen Elisabethgemeinde in Marburg. Protestanten haben keine Heiligen, sondern Vorbilder im Glauben. Elisabeth von Thüringen aber schätzt Pfarrerin Müller sehr: „Sie hatte keine Angst vor den Menschen, weil sie geliebt hat.“

Anna Karena Müller Foto: privat
Dr. Anna Karena Müller I Foto: privat

Was fange ich als evangelische Pfarrerin mit Elisabeth an? Evangelische Christinnen und Christen „haben“ ja keine Heiligen – und dann aber eine Elisabethkirche, sogar die Elisabethkirche?

Ich bin gerne Pfarrerin an dieser Kirche, wegen Elisabeth, wegen der Kirche, wegen der Menschen, die hierher kommen.

Elisabeth von Thüringen ist für mich, wie für viele in unserer Gemeinde, ein Vorbild. Natürlich wegen ihrer Zuwendung zu den Menschen, die Hilfe brauchten. Das ist heute aktuell wie eh und je, und ich bewundere den Mut, mit dem sie sich ohne Berührungsängste um die Ärmsten der Armen gekümmert hat. In den letzten Jahrzehnten ist Elisabeth auch kritisch angesehen worden, gerade von Frauen, die – nicht zu Unrecht, im Blick auf die Geschichte – gespürt haben, dass man sie auch benutzen konnte, um Frauen zu falscher Demut und selbstverachtender Aufopferung aufzufordern. Aber gerade wenn wir die uns heute in manchem fremde Frömmigkeit ihrer Zeit ein wenig zur Seite schieben, ist zu sehen, was Elisabeth so besonders machte – und zum Vorbild. Mir sind drei Dinge besonders wichtig:

Sie hatte keine Angst vor den Menschen, weil sie geliebt hat, Menschen, Gott.
Sie hat keinen Menschen besitzen wollen (was immer wieder mit lieben verwechselt wird), sondern – um Gottes Willen geliebt.
Sie hatte keine Angst, sich zu verlieren, weil sie das Wesentliche gefunden hatte und sich anscheinend ganz darin aufgehoben wusste.

In der evangelischen Kirche werden Heilige nicht in gleicher Weise verehrt wie in der katholischen, wir rufen zum Beispiel keine Heiligen im Gebet an. Das hat mit der Konzentration auf Christus zu tun.

Besonders augenfällig wird das für mich in der Elisabethkirche: Zwischen dem Hauptschiff und dem Chorraum steht der Lettner. In dem Lettner sind Nischen mit Baldachinen, in denen im Mittelalter kleine Statuen von Heiligen und Engeln standen.

Heute sind die Nischen leer, stattdessen hängt im Zentrum ein Kruzifixus von Ernst Barlach. Die leeren Nischen erinnern mich an zweierlei: Zuerst daran, dass wir eben keine Mittler brauchen außer Christus. Zum anderen daran, dass wir, wahrscheinlich alle, Menschen in unserem Leben haben, die uns etwas von Gott vermittelt haben: vielleicht jemand in der Familie, vielleicht ein anderer Mensch, der dann tatsächlich eine Art Vorbild im Glauben ist.

In der Passionszeit stehen einige Basaltstelen des Bildhauers Georg Hüter in den Nischen, und viele Menschen „sehen“ in ihnen Menschen aus ihrem Leben oder auch sich selbst dann dort stehen, um den Christus herum, die Gemeinschaft derer, die zu Christus gehören, Lebende und Tote. Manche begleiten uns, manche sind Vorbild. Auch Elisabeth ist so ein Vorbild, auch für evangelische Christen.

Heilige Elisabeth Foto: Ruth Lehnen
Figur der Elisabeth von Thüringen in der Elisabethkirche in Marburg. Die Kirche ist Wallfahrtsstätte der Elisabethverehrung und zugleich Heimat der evangelischen Elisabethgemeinde. | Foto: Ruth Lehnen

In Marburg ist Elisabeth von Thüringen eine Art „ökumenische Heilige“, da viele Marburger, evangelisch oder katholisch, sie als „ihre“ Elisabeth sehen. Auch darum ist es fast selbstverständlich, ihrer in ökumenischer Gemeinschaft zu gedenken.

Es gibt bei uns zwei ökumenische Elisabeth-Feiern im Jahr: Im Sommer, am 7. Juli, feiern wir eine Art Geburtstagsfest in einem Park, der zwischen der katholischen St.-Peter-und-Paul-Kirche und der evangelischen Elisabethkirche liegt. Es ist ein eher kleineres, verbindendes Fest, mit dem es uns vor allem um die Begegnung von evangelischen und katholischen
Christinnen und Christen geht.

Die zweite Feier ist der große ökumenische Gottesdienst am Namenstag der Elisabeth von Thüringen, dem 19. November. Diesen Gottesdienst gibt es schon lange, er wird ebenfalls von den beiden Gemeinden getragen und seit gut fünf Jahren vorbereitet und gestaltet von den Oberstufen-Religionskursen der Elisabethschule.

Der Gottesdienst beginnt in der katholischen Kirche, führt über einen Weg mit Texten, Liedern, Musik in die evangelische Kirche, wo er fortgesetzt wird. Den Schülerinnen und Schülern fällt es immer leicht, ein Thema für den Gottesdienst zu finden: Die Fragen, die die Gesellschaft heute bewegen, sind ohne Mühe mit Elisabeths Handeln zu verknüpfen.

Mir scheint, die jungen Leute spüren, genauso, wie es auch mir geht: So sollte es eigentlich sein.

 

Teil christlicher Spiritualität
 

Klaus Nentwich ist Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde Peter und Paul in Marburg. Für Katholiken sind Heilige Vorbilder im Glauben, doch noch viel mehr. Ein Abdriften in Aberglauben sei passé, sagt der Pfarrer. Der Gedenktag der heiligen Elisabeth werde sogar ökumenisch gefeiert.

Klaus Nentwich Foto: privat
Klaus Nentwich I Foto: privat

Heilige stehen Gott besonders nahe und zeichnen sich durch Glaubensfestigkeit und vorbildhaftes Leben aus. Oft werden ihnen Wunder zugeschrieben. Sie gelten als Vorbilder im Glauben – da gehen sicher auch evangelische Christen mit. Darüber hinaus sieht die katholische Kirche sie als Fürsprecher bei Gott. Sie treten als Mittler zwischen Mensch und Gott auf.

Die Heiligenverehrung ist ein Element christlicher Spiritualität und hat in der Feier der Liturgie ihren festen Platz. Das Lehramt sagt, sie könne nützlich sein, sei jedoch nicht verpflichtend. Während im Mittelalter die Heiligenverehrung boomte und stark in Richtung Aberglaube abdriftete, spielt sie heute kaum noch eine Rolle. Hier und da wird der Namenstag begangen und das ein oder andere Brauchtumsfest gefeiert.

Die heilige Elisabeth spielt für Marburg insofern eine Rolle, dass sie die letzten zweieinhalb Jahre in der Stadt verbrachte (1228 bis 1231). Sie gilt als eine der großen Heiligen der Nächstenliebe. Ihr Name und ihre Intention, sich um Notleidende, Arme, Kranke, Einsame zu kümmern, sind in der Stadt bis heute ganz aktuell und bekannt. In St. Peter und Paul wurde 1959 zur Verehrung der heiligen Elisabeth ein eigener Raum geschaffen, indem man eine Krypta unter dem Altar dafür baute. Zwei Reliquien in einem kostbaren Reliquiar (Knochensplitter und Stück vom Saum des Tertiarengewands) verbinden uns Menschen haptisch mit ihr. Eine bunte Glasfensterwand bildet die sieben Werke der Barmherzigkeit ab. Ihr Fest feiern wir in diesem Jahr mit einem gemeinsamen Festgottesdienst des gesamten Pastoralverbunds „Katholische Kirche Marburg und Fronhausen“ mit Festprediger Dr. Gotthard Fuchs. Schließlich ist sie nicht nur Patronin der Stadt und Konpatronin des Bistums Fulda, sondern auch unseres Verbunds. Mir ist Elisabeth von Thüringen eine besondere Heilige, und ich freue mich, hier in Marburg als Pfarrer zu arbeiten und zu leben. Gerade ihre unkonventionelle Art, ihr Mut, auf ihr Herz zu hören und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten an zweite Stelle zu stellen, beeindrucken mich. Natürlich auch ihr unermüdlicher Einsatz und ihre Christusverbundenheit: Im notleidenden Nächsten Christus zu sehen (Matthäus 25).

Außerdem gibt es eine ökumenische Feier. Die ist traditionell. Nicht so groß wie zu ihrem 800. Geburtstag im Jahre 2007, aber mit wachsender Teilnehmerzahl. Pfarrerin Dr. Müller ist Lehrerin an der Elisabethschule und konnte eine Kollegin vor Jahren gewinnen, gemeinsam mit zwei Abiturklassen den ökumenischen Gottesdienst am 19. November vorzubereiten und durchzuführen. Beginn ist um 17.30 Uhr in der katholischen Kirche St. Peter und Paul, es folgt ein Pilgerzug mit Kerzen durch den Botanischen Garten hin zur evangelischen Elisabethkirche, der Grabeskirche der Heiligen.

Im Sommer laden Elisabethgemeinde und St. Peter und Paul zu einem Geburtstagsbankett in den Alten Botanischen Garten: Immer am 7. Juli, dem Geburtstag der Heiligen. Da lässt sich fröhlich feiern, was im dunklen und nassen Novembermonat nicht so möglich ist.

Das Feiern des Namenstags ist kein Brauch in der protestantischen und säkularisierten Stadt Marburg. Menschen, die von woanders nach Marburg gezogen sind, begehen diesen schönen Brauch, aber es sind wenige. Geburtstage haben eindeutig ein anderes Gewicht.