26.01.2012

Kommentar

Entwurzelte Gesellschaft

Von Ulrich Waschki

Wer einmal über längere Zeit eine Fernbeziehung geführt hat, weiß wie anstrengend ein solches Leben sein kann. Wo ist man eigentlich zu Hause? Was ist der gemeinsame Lebensmittelpunkt? Was verbindet die Partner? Viel Lebenszeit vergeht im Zug oder auf der Autobahn. Gut, wenn eine solche Liebe auf Distanz zeitlich vorübergehend ist. Mit einer konkreten Perspektive kann man besser umgehen als ohne absehbares Ende.

Nur wenige Menschen, die etwa während der Woche von ihrem Partner getrennt leben, tun dies aus Überzeugung, um beispielsweise das für sie nötige Maß an Nähe und Distanz zu erreichen. In manch einer Ehe ist genau das das Erfolgsrezept. Die ständigen Trennungsphasen verhindern, dass sich ein vielleicht ermüdender Alltagstrott einschleicht. Aber wie gesagt: eine Ausnahme.
Bei den meisten Fernbeziehungen ist die Ferne eben nicht freiwillig gewählt. Forscher schätzen, dass rund 14 Prozent der Paare in Deutschland „getrennt zusammen“ sind. Was früher nur für Seeleute, Monteure oder Fernfahrer normal war, hat längst in anderen Branchen Einzug gehalten.
Die moderne Arbeits- und Lebenswelt fordert ihren Tribut. Fast grenzenlose Mobilität wird heute von Arbeitnehmern gefordert, der Mensch muss flexibel sein und sein Leben den Arbeitsbedingungen anpassen. Dazu kommt für viele junge Leute ein schwieriger Einstieg ins Berufsleben. In manchen Branchen und Berufen reihen sich Praktika und befristete Arbeitsverträge aneinander. Eine verlässliche Basis für die eigene Lebensplanung sieht anders aus. Persönliches Pech?

Nicht nur. Eine Gesellschaft, die nur mobil ist, zerfällt. Wo bleiben langfristige Bindungen? Wo entwickeln Menschen Wurzeln? Das Gefühl von Heimat? Paare ohne sichere Zukunftsaussichten werden sich auch wohl kaum für Kinder entscheiden. Und wenn sie bereits Kinder haben, ergeben sich neue Probleme: Wie erzieht man die Kinder gemeinsam, wenn ein Elternteil nur am Wochenende anwesend ist? Die Folgen der Mobilität werden gewissermaßen vererbt.
Was aber ist die Alternative? Die Antworten auf diese Frage bleiben leider schwach. Ohne ein gewisses Maß an Mobilität und Flexibilität kommt keine moderne Gesellschaft aus. Und regeln lässt sich dieses Maß kaum. Vielleicht ist das aber dann die positive Seite von Fachkräftemangel und alternder Gesellschaft: Unternehmen werden sich künftig verstärkt bemühen müssen, ihre Mitarbeiter zu halten. Ihnen also eine sichere Perspektive zu geben und so das Ende mancher kräfteraubender Pendelei einzuleiten.