03.09.2014

Sommerserie Emmauswege (6)

Es gibt kein Zurück

In großen Zügen kreist der Greifvogel über dem Feld. Majestätische Eleganz über dem Acker. Unterwegs auf dem „Lahn-Camino“ berühren sich ländlich und adelig. Von Marie Eickhoff.

Plötzlich ist es, als sei man ganz woanders. Wenn aus den Schritten ein Rhythmus wird, wenn sich die Gedanken verselbstständigen. „Irgendwann wird das Laufen mechanisch“, sagt Karl-Josef Schäfer. Das Pilgern beginnt.

 

Nur der nächste Schritt zählt

Kein Telefon klingelt, das gefüllte E-Mail-Postfach ist vergessen. Im Wald fehlt jede Spur von Medien. Karl-Josef Schäfer ist unter anderem Pressesprecher der Bewegung „Wir sind Kirche“ in der Diözese Limburg. Ruhe ist für den freiberuflichen Journalisten und Reiseschriftsteller etwas Besonderes. Hier werden die Reize nicht überflutet. Hier jagt ihn kein Abgabetermin. „Ich denke nur an den nächsten Schritt.“

Der Boden ist feucht. Während die Sonne alle Register zieht, wird der Waldweg von einem dichten Blätterdach geschützt. Früher war diese Strecke ein Zubringer, der von der Handelsstraße Via Regia in die Marktstadt Weilburg führte. Karl-Josef Schäfer ist Experte für mittelalterliche Straßensysteme und kennt auch die religiöse Anziehungskraft des Taunus. In dem Gebiet „Pfannstiel“ beispielsweise stand im 15. Jahrhundert eine Wallfahrtskapelle. Sie war wichtiger Pilgerort für die Menschen in der Umgebung.

Zehn Ausbeulungen hat der kleine Metallring, die elfte ist geformt wie ein Kreuz. Der ungewöhnliche Rosenkranz liegt flach auf der Hand von Karl-Josef Schäfer. Er holt ihn aus der Tasche, wenn der Weg besonders mühevoll ist. Dann kann er seine Gedanken besser ordnen. Das Beten lenkt ihn von der Anstrengung ab.

Die Kirschen schmecken. Zwischen Blättern versteckt baumeln die roten Früchte über der Wiese. Karl-Josef Schäfer macht seinen Arm lang und biegt den behangenen Ast vorsichtig herunter. „Der Weg gibt den Menschen das, was sie brauchen“, hat er gelernt. Das kann beim Pilgern im Kleinen ein süßes Zeichen am Wegesrand sein. Auf langen Wegen zählen elementare Dinge. Schäfer erzählt, wie er einmal lief, bis seine Füße blutig waren. Da tauchte unerwartet eine Frau auf und half ihm. „Man braucht nicht nur Vertrauen“, weiß Karl-Josef Schäfer. Pilger sind mutig. Sie „geben sich Gott in die Hand“.

Pilgern ändert den Blickwinkel

Rasenspränger Foto: Marie Eickhoff
Rasenspränger bietet Erfrischung. Foto: Marie Eickhoff

Der Rasensprenkler schießt dünne Wasserstrahlen in die Luft. Wenige Meter jagen sie gen Himmel, bevor sie von der Schwerkraft angezogen zurück auf den Rasen fallen. Wie Regen, der von unten nach oben fällt. Lila, blau, grün, gelb, rot. Zwischen den fliegenden Wassertropfen entsteht ein Regenbogen. Die elektrische Gießanlage steht im Vorgarten eines gewöhnlichen Einfamilienhauses. Doch beim Pilgern ändert sich der Blick auf Gewöhnliches. Er zeigt Karl-Josef Schäfer, „wie schön die Schöpfung ist“.

Vom häuslichen Vorgarten geht es kurz bergab und bergauf in einen Festsaal aus Linden. Am Weilburger Schloss schmückt ein Lindenboskett die adelige Terrasse. Schmale Baumrücken bilden Linien wie mit dem Lineal gezogen. Der Anblick der akkuraten Arbeit will rein gar nicht zum wilden Wald auf der anderen Seite der Stadt passen. Der Lahn-Camino verbindet Welten. Er entführt in die Freiheit der Natur und zurück in die Norm des Schlossgartens.

Ankommen ist nicht das Ziel

Marie Eickhoff und Karl-Josef Schäfer.
Rosenduft empfängt Karl-Josef Schäfer und Volontärin Marie Eickhoff.

„Es ist eine Passion“, sagt Karl-Josef Schäfer. Im Pilgern schöpft er Kraft für den Alltag. Vor zwei Jahren brachte ihn eine Krankheit aus dem Tritt. Nun wieder gewohnten Schrittes laufen zu können, macht ihn froh. „Diesen Weg sind schon andere mit ihren Sorgen gegangen“, sagt der Weilburger. Unterwegs wird der Glauben für ihn greifbar.

Das gusseiserne Geländer begrenzt den Schlossgarten. Etwa 40 Meter tiefer rauscht die Lahn. „Ich kann die Zeit nicht aufhalten“, sinniert Karl-Josef Schäfer. Auf Pilgerwegen merkt er: „Alles ist in Bewegung, im Fluss.“ Die Beine laufen lassen, die Gedanken laufen lassen. Das geht in Spanien genauso wie in Weilburg.

„Man kehrt nie zum Ausgangspunkt zurück“, sagt Schäfer. Es gibt kein Zurück. Das fasziniert ihn und lässt ihn ruhig werden. Der Weg symbolisiert Ewigkeit. Ankommen ist nicht das Ziel. Das Ziel ist der Weg.

 

 

Emmaus-logo von Sybille TietzeZur Sache: Sommerserie

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