23.04.2014

Spirituelle Erlebnisräume sind eine Mischung von Mitmach-Ausstellung und Wortgottesdienst

Facetten der Liebe entdecken

L.O.V.E. steht in großen Buchstaben an der Eingangstüre. Wer sie öffnet, wird von gedämpftem, warmem Licht und leiser Musik empfangen. Wer weiter in den Raum hineingeht, kann dort Überraschendes über die Liebe erfahren …

Eine Station zur Liebe: Eine Gedankenkette hilft, die eigenen Gedanken zu sortieren. Foto: Kubik e.V.

In der Mitte des gut wohnzimmergroßen Raumes steht ein beleuchteter Grill mit Holzscheiten, an einer Wand hängt ein Spiegel, über ein Seil verbunden hängen drei seitlich geöffnete Kugeln aus Pappmaché von der Decke. Auf einem Tisch eine Schatzkiste mit Schokotalern; rechts davon eine Pinwand mit Sprechblasen aus Zetteln, Stifte dazu.

In die gedämpfte Atmosphäre hinein begrüßt jemand die Anwesenden. Er erklärt kurz das Thema „L.O.V.E.“ und dass es hier um das wichtigste Gebot der Bibel gehen soll: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben … Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Eine Stunde lang haben die Besucher Zeit, sich an den Stationen mit dem Thema Liebe zu befassen. Ausgehängte Texte geben Impulse.

 

Nimm eine Münze – gibt es zu deinen
Schwächen eine Kehrseite? Foto: Kubik e.V.

An die Pinwand heften Teilnehmer Zettel mit ihren Gedanken über die Liebe zu Gott, ordnen vor-
handene Zettel neu. So entsteht ein Eindruck davon, was in ihnen vor sich geht, wenn sie von Gottesliebe hören oder lesen. Atmosphärische Musik dämpft das Geflüster einzelner Besucher.
Über der Schatzkiste ist zu lesen: „Nimm eine Münze. Schreibe auf die Minusseite Schwächen, die dich an deinem Nächsten oft stören. Nun überlege, ob es dazu ein Kehrseite geben könnte …“ Eine Besucherin denkt an eine Kollegin und schreibt „chaotisch“ neben das Minus der Münze. Und die andere Seite der Medaille bzw. Kollegin? „Na ja, tolle Ideen hat sie oft auch“, sagt sie nach einer Weile und schreibt auf die andere Seite „kreativ“.

„Solche spirituellen Erlebnisräume, die wir viermal im Jahr machen, können auch ganz anders aussehen“, sagt Hannegret Lindner von der „Soziokulturellen Initiative Kubik“. Der Verein versteht sich als eine christliche Gemeinschaft und betreibt ein Kulturcafé in Karlsruhe.
Die Mitglieder von Kubik nennen ihre derartigen Erlebnisräume „Gottesdienst“, da sie eine „Zusammenkunft sind mit dem Zweck, mit Gott in Verbindung zu treten und gemeinsam Nachfolge zu leben“. Viele Mitglieder von Kubik kommen aus dem evangelisch-freikirchlichen Raum. Vor allem wollen sie Menschen ansprechen, die keinen Kontakt zu einer Kirche haben. „Dafür dürfen die Texte nicht zu kirchlich klingen“, sagt Lindner.

Auch die nächste Station bedarf keiner liturgischen Vorbildung: Hinter einem schweren, kreisförmigen Vorhang steht ein Stuhl, dazu ein Hörschutz für die Ohren. „An dieser Station darfst du dich zurückziehen. Hier bist nur du und Gott. Lass deinen Akku wieder aufladen.“ Eine Station weiter kann der Besucher Steine beschriften: Womit will ich meine Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir zeigen? Die Steine legt er in die drei verbundenen Kugeln, bis sie ausbalanciert sind.

 

Notiere die Fehler, die dich an deinem Nächsten
stören. Schreibt vielleicht auch gerade jemand
über dich? Foto: Kubik e.V.

30 bis 100 junge Erwachsene kommen meist zu einem solchen Angebot. Je nachdem, wie es konzipiert ist, kann es wie ein Meditationsgottesdienst gestaltet werden oder wie eine interaktive Ausstellung. Und die könnte auch an ein, zwei Wochenenden etwa in einem Pfarr- oder Jugendheim aufgebaut bleiben. „Aufwendig ist das schon“, sagt Hannegret Lindner, „aber es macht auch Spaß. Und es ergeben sich oft tolle Gespräche.“ Etwa am Scheiterhaufen. „Nimm dir einen Holzscheit“, heißt es da. „Mit dem Messer kannst du vorsichtig Späne abschneiden. Notiere darauf all die
Fehler die dich an deinem Nächsten stören. Macken, Eigenheiten, Unarten. Während du die beschriebenen Späne zurück auf den Scheiterhaufen legst, denke darüber nach, ob wohl gerade jemand einen Span mit deinen Unarten auf den Scheiterhaufen legt …“

 

Zur Sache

Zur Vorbereitung eines Erlebnisraumes trifft sich ein Team von fünf bis sieben Personen etwa vier Wochen vorher. Es gibt zwei Planungstreffen und eines zum Aufbau. Das erste dient einem Brainstorming, um das Thema zu finden und seine Aspekte auszuleuchten; beim zweiten Treffen werden Ideen geordnet und Stationen entworfen. Die werden in den folgenden Tagen von einzelnen Teammitgliedern ausgearbeitet und vorbereitet.

Leitfragen für die Planung:
1. Wie viel Zeit, Geld und Mitarbeiter haben wir?
2. Wie viel Platz haben wir?
3. Welche Art von Besuchern erwarten wir und wie viele?

Internet: www.pulsierende-spiritualitaet.de

Buch: M. Holzmüller, H. Lindner, D. Holzmüller, D. Ehniss: Pulsierende Spiritualität. Kreative Gottesdienstformen und geistlicher Rhythmus, Verlag Francke, 95 Seiten, 5,95 Euro

Kontakt: Soziokulturelle Initiative Kubik e.V., Gottesauer Str. 35, 76131 Karlsruhe,
hallo@kubik-karlsruhe.de

 

Von Roland Juchem