02.02.2017

Fremd, aber nicht allein

Schwanger und fremd im Land – auf diese Situation stellt sich der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Wiesbaden ein: Ein neues Projekt, „Schwangerenbegleiterinnen für geflüchtete Frauen“, ist in den Startlöchern. Doch auch junge Familien und Alleinerziehende in Notlagen, darunter viele mit Fluchterfahrungen und Migrationshintergrund, sind auf die Unterstützung von Familienpatinnen angewiesen. Von Christa Kaddar.

Beziehung auf Augenhöhe (von links): Uta Geerling, Judith Brandt mit Sadiya Mohammed. Foto: C. Kaddar
Beziehung auf Augenhöhe (von links): Uta Geerling, Judith Brandt mit
Sadiya Mohammed. | Foto: C. Kaddar

Ohne Eltern, mit schwer verletzter Schwester

„Ich bin froh, dass Judith jede Woche zu uns kommt. Zu ihr konnte ich Vertrauen aufbauen“, sagt Sadiyo Mohammed, 33. Von ihrer Familienpatin fühlt sich die junge Somalierin angenommen und verstanden. Vor kurzem ist die alleinerziehende Mutter in eine größere Wohnung umgezogen, die ihr und ihren drei kleinen Töchtern genügend Platz bietet. Sadiyo Mohammed kam als 13-Jährige nach Deutschland, ohne Eltern, nur mit ihrer ein Jahr älteren Schwester, die im somalischen Bürgerkrieg schwer verletzt worden war.

Judith Brandt, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, ist zum ersten Mal als Familienpatin tätig. „Wir waren uns sofort sympathisch, und wir begegnen uns auf gleicher Augenhöhe“, beschreibt sie ihre Beziehung zu Sadiyo Mohammed. „Wir können über alles sprechen.“ Die beiden ältesten Mädchen, zweieinhalb und vier Jahre alt, sind aufgeweckt und neugierig, sprechen Somali und Deutsch. Ihre kleine Schwester ist gerade mal zehn Monate alt. „Ich möchte Sadiyo anregen, selbst mehr zu lesen und ihren Kindern vorzulesen“, sagt Judith Brandt. Darauf lässt sich Sadiyo Mohammed gerne ein. Sie spricht fließend Deutsch, doch mit dem Schreiben und Lesen hapert es, und daran sind auch zwei Ausbildungen im Bereich Hauswirtschaft und Gastronomie gescheitert. Für einen Abschluss hat es nicht gereicht. „Ich will Sadiyo dabei unterstützen, dass sie den jetzt schafft“, sagt die Familienpatin. Und sie will selbst auch etwas lernen: Somalisch zu kochen. „Das kann Sadiyo wirklich toll.“

Bis zur Zeit nach der Geburt

Ulla Geerlings freut sich, dass die Patenschaft sowohl Judith Brandt als auch der Familie Mohammed gut tut, ist sie als Koordinatorin doch zuständig für die Auswahl der Patinnen. Der SkF sucht mehr Ehrenamtliche wie Judith Brandt, die sich vor allem um schwangere Geflüchtete kümmern. Für einen Zeitraum von sechs bis sieben Monaten, bis in die erste Zeit nach der Geburt. In Frage kommen dafür dafür Studentinnen und junge Mütter ebenso wie Frauen nach der Familien- oder Berufsphase. „Sie werden vom SkF persönlich und fachlich beraten“, verspricht Geerlings.

Informationen: Telefon 0611 / 9528 719 oder 9528 712,
E-Mail: ulla.geerlings@skf-wiesbaden.de,
martina.oebels@skf-wiesbaden.de

Meinung: Aufgabe Integration

Heike Kaiser Foto: Marie Eickhoff
Heike Kaiser, Redakteurin

„Wir werden nicht nachlassen, geflüchteten Menschen mit allen Möglichkeiten, die wir haben, Unterstützung anzubieten“, versprach Bischof Georg Bätzing beim Neujahrsempfang. Integration bleibt eine Daueraufgabe im Bistum Limburg. Gute Ideen und Initiativen sind gefragt – wie das neue Projekt des Wiesbadener SkF „Schwangerenbegleiterinnen für geflüchtete Frauen“. Bleibt zu hoffen, dass sich dafür ebenso viele engagierte ehrenamtliche Frauen finden wie für das Projekt „Familienpatin“.

Manchmal wird der Kirche vorgeworfen, naiv zu sein im Umgang mit Flüchtlingen. Doch geflüchteten Menschen dabei zu helfen, hier eine menschenwürdige Unterkunft zu finden und sich zu integrieren, ist christliches Gedankengut: Der Nächste ist immer der, der an unsere Tür klopft.

Heike Kaiser, Redakteurin