17.03.2015

Reise nach Neapel

Franziskus im "Afrika Italiens"

Die Fahrt von Rom nach Neapel im Schnellzug dauert heute nur noch eine gute Stunde. Trotzdem ist sie für echte Römer eine Kontinentalreise: Neapel, das ist für sie die nördlichste Großstadt Afrikas. Der Ruf von Krise, Korruption und Kriminalität lastet auf der Stadt. Die Armut ist bis ins Zentrum vorgekrochen. 

Am Samstag reist Papst Franziskus in die Mafia-Hochburg
Neapel. Foto: kna-bild

Fast jeder Dritte hat in Neapel keinen festen Job, unter Jugendlichen jeder Zweite. Profiteur ist die Camorra. Am Samstag nun fliegt Papst Franziskus zu einem zehnstündigen Besuch ins "Afrika Italiens". "Dieser Papst legt sich mit der Mafia an wie noch keiner. Die ist hier das Hauptproblem", sagt der Taxifahrer. "Hier investiert doch keiner, wenn die Clans überall mitverdienen wollen." Die Fahrt führt nach Scampia. Das völlig heruntergekommene Hochhausquartier im äußersten Norden Neapels ist Hoheitsgebiet der Camorra und einer der größten Drogenmärkte Süditaliens. "Hier dealen die Jungs schon mit zwölf, dreizehn. Die Bosse kontrollieren das Viertel." Nachts, so der Chauffeur, würde er Scampia gar nicht ansteuern. 

Am Samstag wird Franziskus im Hubschrauber zwischen den vergammelten Wohnburgen aus den 1970er und 1980er Jahren landen und zu den Menschen sprechen. An einem normalen Tag wie heute wirken die tristen Straßen fast ausgestorben. Zum Papstbesuch dürfte Scampia ausnahmsweise einmal Anziehungspunkt sein, wenn Franziskus das verängstigte Schweigen seiner Bewohner bricht. 

Schon bei seinen Reisen nach Caserta, nördlich von Neapel, und ins kalabrische Cassano all'Jonio hatte Franziskus dem Organisierten Verbrechen den Kampf angesagt. "Jene, die dieser Straße des Bösen folgen, wie die Mafiosi, sind nicht in Gemeinschaft mit Gott, sie sind exkommuniziert", sagte er damals. Jetzt könnte er seinen Bann mitten in der Höhle des Löwen wiederholen. Scharfe Worte von Johannes Paul II. quittierte die sizilianische Cosa Nostra 1993 mit einem Bombenanschlag vor der römischen Lateranbasilika. 

Hohe Sicherheitsmaßnahmen

Das heruntergekommene Wohnviertel Scampia in
Neapel wird Franziskus besuchen. Foto: kna-bild

"Die Sicherheitsmaßnahmen für den Besuch sind sehr hoch", heißt es von der Erzdiözese Neapel knapp. Franziskus hat eigene Schutzvorkehrungen getroffen: Noch vor Scampia besucht er am Morgen zunächst das rund 30 Kilometer südlich gelegene "Heiligtum Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz" in Pompeji nahe dem Ausgrabungsgelände. Dort will er vor dem Gnadenbild über dem Hochaltar beten. Die prunkvolle Basilika, dem Vatikan direkt unterstellt, wirkt hochbarock. Tatsächlich wurde sie 1891 fertiggestellt und noch in den 1930er Jahren im Stil des 17. Jahrhunderts erweitert. 

Der seliggesprochene Rechtsanwalt Bartolo Longo (1841-1926), Erbe eines großen Vermögens und verheiratet mit einer reichen Adligen, hatte den Bau zu seiner Lebensaufgabe gemacht und stieß dabei auf noch vermögendere Unterstützer. "Er war ein sehr guter Kommunikator", erzählt Marida D'Amora. Sie schreibt für das Monatsmagazin der Marienstätte, das inzwischen in vier Sprachen versandt wird. Denn Katholiken auf der ganzen Welt beten heute zur Rosenkranz-Madonna. Die Wände des angrenzenden Klosters schmücken unzählige Dankesgaben geheilter Gläubiger, die ihre Genesung diesem Ort zuschreiben. 

Am Mittag feiert der Papst eine Messe auf der Piazza del Plebiscito, nicht weit vom Hafen, von dem viel abhängt für die drittgrößte Stadt Italiens und ihre rund eine Million Einwohner. Mit Strafgefangenen will Franziskus danach zu Mittag essen. Die hätten auch ein Herz, predigte er vor kurzem in einer römischen Gemeinde, und bräuchten Nähe und Begleitung. "Sie sind der Mafia ins Netz gegangen." 

Vorher erweist Franziskus dem Stadtpatron die Ehre. Der Heilige Januarius starb um 305 als Märtyrer, seine Blutreliquie wird im Dom verehrt. Auch der Papst will davor beten. An drei festen Terminen im Jahr verflüssigt sich die Substanz bei Drehung der Ampullen durch den Bischof, unter enormer Anteilnahme des Volkes von Neapel - ein Wunder, dass sich jeder im Terminkalender vormerken kann. Bleibt es einmal aus, was durchaus vorkommt, wittert der Neapolitaner Gefahr für seine Stadt und schielt rüber zum Vesuv.

kna