26.06.2011

Pilgerreise der Kirchenzeitung: 22 Teilnehmer erfahren Volksfrömmigkeit im portugiesischen Fátima

Frau, die den Himmel öffnet

Eben noch Betrachter gut inszenierter religiöser Rituale, fühlt sich der Pilger im nächs-ten Moment ganz ergriffen von der Atmosphäre an der Marienwallfahrtsstätte. Gefühl und Vernunft – in Fátima sind die Grenzen fließend.

Ein Tag Lissabon stand auf dem Programm der Fátima-Pilgerreise. Die Teilnehmer aus den Bistümern Limburg, Fulda, Mainz und Freiburg genossen den Blick über die Dächer des Stadtviertels Alfama. Dieses war noch vom Fest zu Ehren des Antonius von Padua geschmückt. Der Heilige wurde in Lissabon geboren und ist Volkspatron der portugiesischen Hauptstadt.

Von Anja Weiffen

Drei junge Leute helfen einander beim Anlegen der Knieschoner. In Jeans und T-Shirt stehen sie startklar auf dem Hügel, um einen besonderen Weg zum Pilgerziel zu nehmen. Noch ein Kreuzzeichen. Dann rutschen sie auf Knien über den insgesamt 700 Meter großen Platz in die Mulde, hin zu dem Ort, wo die Jungfrau Maria den drei Hirtenkindern Lucia, Francisco und Jacinta in einer Steineiche erschienen sein soll.

„Rutschbahn“ vermeidet blutige Pilgerknie

Pfingstprozession in Fátima: Männer tragen die „Pilger-Madonna“ vom Erscheinungsort zur Basilika.  Die erste Marienstatue von 1920 befindet sich hinter Glas in der Erscheinungskapelle und wird selten hinausgetragen. Sie wurde nach den Angaben von Lucia gestaltet, dem Ältesten der drei Seher-Kinder. Fotos:  Anja Weiffen

Was in diesem Fall sportlich wirkt, nimmt bei anderen Pilgern flehende Züge an. Vielfach sind es Frauen, die auf Knien diesen Weg zum Heiligtum absolvieren. An ihrer Seite gehen manchmal Ehemann, Sohn oder Tochter und halten die Hand der Knieenden.

„Sie haben Versprechen abgelegt, und wenn ihre Bitten an die Jungfrau Maria erfüllt wurden, kommen sie nach Fátima zurück, um ihr Versprechen einzulösen“, sagt Carla Ribeiro, die portugiesische Reiseleiterin der Pilgergruppe der Kirchenzeitung. Sie erzählt, dass irgendwann jene „Rutschbahn“ mit glatten Steinen geschaffen wurde, um blutige Knie auf dem Asphalt zu vermeiden. Auch Knieschoner werden heute den Pilgern empfohlen.

Das Auf-den-Knien-Rutschen ist nur eines der Rituale, die Fátima ausmachen. Beeindruckt ist die Reisegruppe der Kirchenzeitung auch von den abendlichen Lichterprozessionen.

„Hier wird spürbar, dass wir leib-geistig Menschen sind“

Nach dem Rosenkranzgebet wird eine beleuchtete Madonnenfigur um den Platz getragen, Tausende von Pilgern folgen ihr. Ihre Kerzen zeichnen in der Dunkelheit ein Lichtermeer auf den weiten Platz, der größer als der Petersplatz in Rom ist. „Man meint, der Himmel steht offen, wenn die Marienfigur durch die Menge getragen wird“, sagt Pfarrer Klaus Greef, geistlicher Leiter der Pilgerreise. Marienerscheinungen betrachtet er mit Skepsis, dennoch hat Fátima für ihn eine Botschaft: „Hier wird spürbar, dass wir leib-geistige Menschen sind. Es ist wichtig, über die leiblichen Frömmigkeitsformen nachzudenken.“ Als „erfüllt von ihrem Glauben“ empfinden Jürgen und Gertraud Hess aus Frankfurt die Menschen, die singend und betend der Muttergottes folgen.

Arabische Einflüsse: „Azulejos“, bunte Fliesen

Im Gegensatz zur Internationalität von Lourdes ist Fátima eher portugiesisch geprägt. Die Frömmigkeit der Einheimischen fasziniert Clemens Hühn aus Kirchhain, der spontan sagt: „Hierher möchte ich noch einmal kommen.“ Die Marienverehrung in Portugal hat einiges mit der Geschichte des Landes zu tun. Die Jungfrau Maria wurde angerufen im Kampf um die Unabhängigkeit Portugals, das sich von arabischer und spanischer Herrschaft befreit hat. Ironie der Geschichte, dass Portugals bedeutendster Marienwallfahrtsort den Namen einer arabischen Prinzessin trägt.