10.11.2014

Berthold Dücker floh als Jugendlicher aus der DDR

Freiheit ist kein Naturgesetz

Wenn er über den Rasen geht, spürt er die Grenze noch. Am „Point Alpha“ bei Fulda wächst heute Gras, wo Deutschland bis vor 25 Jahren getrennt war. Das erste Mal hat Berthold Dücker die Grenze kriechend überquert. Damals war er ein Junge und die Minen zwischen den Grenzzäunen scharf. Text von Marie Eickhoff.

 

Berthold Dücker Foto: Marie Eickhoff
Fünfzig Jahre nach seiner Flucht ist Berthold Dücker wieder in seiner Heimat. Foto: Marie Eickhoff

Die Strecke zwischen den Stacheldrahtzäunen fühlte sich ewig lang an. Hastig schob er sich durch den Dreck. Den linken Arm vor dem Kopf, in der rechten Hand die Kneifzange. Mit dem Griff stocherte er vorsichtig in der Erde. Blind, ohne wirklich hinzugucken. Sechs Meter war das Minenfeld breit. Wäre eine Mine explodiert, hätte sie ihm den Kopf abgerissen. Das sichere Ende wäre dann „besser als etwa mit abgerissenen Beinen verrecken“. Mit 16 Jahren robbte Berthold Dücker über die Grenze.

Über die Grenze in die Welt der Erwachsenen

„In dem Moment bin ich aus meiner Kindheit und Jugend getreten.“ Am 24. August 1964 flieht Berthold Dücker aus der DDR in den Westen, verlässt seine Familie in Geismar. Er landet im Flüchtlingslager in Gießen und bekommt ein Zimmer im Fuldaer Kolpinghaus. An seine Flucht in den Westen erinnert er sich noch heute, 50 Jahre später, genau.

Gründlich hat er den Schritt vorbereitet. Denn er hat nur eine Chance. Wie geplant fährt er mit dem Fahrrad ein letztes Mal auf den Hof und holt die Kneifzange. In der Spülküche steht seine Mutter. Hoffentlich fragt sie nichts, er will sie nicht belügen. Plötzlich ist es, als packe ihn eine unsichtbare Hand an der Schulter. Er dreht sich um und blickt ein letztes Mal zurück. Seine Mutter ist über das Waschbrett gebeugt. Ein Bild von hinten. Ein Abschied für immer.

Wenn er heute von der Flucht erzählt, drückt er abwesend die Spitze des Kugelschreibers heraus. Bei jedem Drücken klickt es. Wahrscheinlich so eine Journalisten-Angewohnheit. Berthold Dücker war Chefredakteur unter anderem in München und Hildesheim, zuletzt bei der Südthüringer Zeitung. Wäre er in der DDR geblieben, hätte er aus der Kirche aus- und der SED beitreten müssen. Das kam für ihn nicht in Frage.

Stattdessen wird dem jugendlichen Dücker in Ostdeutschland klar: „Ich bin im falschen Land.“ Er fühlt sich missbraucht von einem „gottlosen System“. Im Kopf muss er immer zwei Antworten parat haben. Was Zuhause gesagt wird, ist in der Schule tabu. Sein Vater ist politisch informiert und schockiert, als er feststellt: „Was ist das für ein Land, in dem wir unsere Kinder zur Lüge erziehen müssen?“ Berthold Dücker will nur eine Wahrheit, deshalb will er Journalist werden. Die Perspektivlosigkeit beengt ihn, die Freiheit lockt. „Der Drang nach Freiheit war zu groß.“

Schweigen gegen den Schmerz

Doch Berthold Dücker ist ein Muttersöhnchen. Seine Eltern und die zwei älteren Brüder in der Sperrzone zurück zu lassen, verlangt seinen ganzen Mut. Vor dem Tod hat er wenig Angst, viel mehr fürchtet er sich vor Heimweh. „Meine Entscheidung zu fliehen, habe ich über den Verstand geregelt, sonst wäre ich nicht gegangen.“ Er geht mit Gottvertrauen. Im Herzen ist die Sehnsucht nach seiner Familie immer Thema, aber reden kann er darüber nicht. Schweigen ist sein Mechanismus gegen Heimweh.

Im Westen beginnt Berthold Dücker zuerst eine Schriftsetzerlehre. Die bringt ihm jedoch kaum Geld, deshalb wäscht er zusätzlich Teller, fegt Bahnweichen – schuftet sich kaputt und muss die Ausbildung abbrechen. Ein Tiefpunkt, aber überraschend bekommt er ein Volontariat und wird Journalist.

„Freiheit ist kein Naturgesetz“, das hat Berthold Dücker aus seiner Vergangenheit gelernt. Nach dem Mauerfall ist er mit Frau und Sohn in die Rhön zurückgekehrt. Dort hält er heute Vorträge als Zeitzeuge. Er erzählt Schulklassen, wie er durch das Minenfeld gekrochen ist, um über die Grenze zu kommen. Über den „Todesstreifen“, der heute nachgebaut und mit Moos bewachsen ist. An der Gedenkstätte „Point Alpha“ in Geisa schließt sich der Lebenskreis von Berthold Dücker. Mehr als 100.000 Besucher pro Jahr lesen und hören hier seine Fluchtgeschichte. Nur einen Hügel entfernt von dem Ort, an dem sie begann. „Regelmäßig erzählen mir Klassen, dass sie noch nie gehört haben, dass es eine Grenze in Deutschland gab.“ Das ist Berthold Dückers größte Befürchtung: Dass die Grenze irgendwann vergessen ist. Er wird sie immer spüren, nie vergessen.

Sperrmüll statt Geborgenheit

Als er zurück in die Rhön gekommen ist, hat er einige alte Möbel mitgebracht. Daraus hatte er sich im Westen ein Nest gebaut, ein zweites Zuhause. Im Sperrmüll sammelte Berthold Dücker die Geborgenheit, die ihm fehlte. Vielleicht ist sein Bedürfnis nach Harmonie eine Folge des brutalen DDR-Regimes. Er ist sich sicher: „Es hat die Seelen verbogen.“