18.12.2014

Inhaftierte grüßen ihre Familien zu Weihnachten mit einer selbst aufgenommenen CD

Frohe Botschaft aus dem Knast

Was schenkt ein Strafgefangener seiner Familie zu Weihnachten? Viele Möglichkeiten gibt es nicht. In der Justizvollzugsanstalt Darmstadt schicken Gefangene ihren Lieben ihre Stimme per Post. Von Thomas Zelinger.

Michi liest aus einem Weihnachtsbuch vor, Seelsorger Werner Gerz nimmt es auf. Foto: Thomas Zelinger
„Ich war sofort dabei“, beschreibt Michi (links) seine Begeisterung über das
CD-Projekt von Seelsorger Werner Gerz (rechts).Foto: Thomas Zelinger

Ein bisschen zögerlich betritt der junge Mann den Raum. Rotes Sweatshirt, blaue Hose, schwarze Arbeitsschuhe. Der Händedruck ist fest. „Hallo.“ Er stellt sich vor: „Nennen Sie mich Michi.“ 26 Jahre ist er alt, die Haare sind auf Stoppellänge gekürzt. Draußen hat der erste Schnee die Baumwipfel leicht gepudert. Drinnen sieht es aus wie in einem Pfarrhaus oder dem Büro eines Lehrers. Schreibtisch, Computer, an der Wand lehnt eine Gitarre, viele Bücher, auf der Fensterbank stehen eine Kaffeemaschine und eine kleine Krippe aus Papier.

Die Welt ist in Vierecke aufgeteilt

Inmitten des Zimmers ist Platz für einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen. Eigentlich wirkt alles sehr gewöhnlich. Doch vor den Fenstern sind Gitter. Keine kunstvoll geschmiedeten, sondern massive Stäbe, längs und quer. Wer durch die Fenster schaut, bekommt die Welt in Vierecke aufgeteilt zu sehen. Der Raum ist das Büro von Pastoralreferent Werner Gerz, dem katholischen Gefängnisseelsorger der Justizvollzugsanstalt (JVA) Darmstadt.

Michi sitzt seit Sommer seine Strafe ab. Wegen schweren Raubs wurde er verurteilt. Seine Haftstrafe hatte er zunächst auf Bewährung bekommen. Weil er seine Sozialstunden nicht abgeleistet und sich nicht ordnungsgemäß beim Bewährungshelfer gemeldet hat, musste er hinter Gitter. Michi erzählt seine Geschichte, antwortet auf Nachfragen. „Ich habe Zeit“, ein Satz, der von ihm immer wieder zu hören ist.
Wenn alles gut geht, kann er im April die vergitterten Fenster hinter sich lassen. Und wenn nicht? Dann, so sagt er, müsse er noch vier Monate länger warten, bis er zurück in seinen Beruf als Techniker und vor allem zu seiner Familie kann. Seine Familie, das sind seine Frau und seine kleine Tochter, sie ist im Sommer dieses Jahres geboren. Die Familie sind aber auch Nichten und Neffen. Der junge Mann ist ein Familienmensch. Jetzt ist Weihnachten, die Verwandten werden ihm fehlen.

Jener Tag mit dem ersten Schnee ist für ihn kein Tag wie jeder andere in der JVA. Michi wird die Weihnachtsgeschichte lesen und auf CD aufnehmen. Es ist ein ganz persönlicher Gruß an die Menschen daheim. Neun Mithäftlinge produzieren in der selben Woche ebenfalls eine CD. Werner Gerz ist erstaunt über den Zuspruch. 400 Männer sitzen derzeit in dem Gefängnis ein, da ist die Quote gar nicht schlecht. Mit dem Projekt möchte der Seelsorger die Sozialbindung der Strafgefangenen stärken.
Gerz hat ein Mikrofon auf ein Stativ aufgesteckt. Auf dem Tisch liegt ein Aufnahmegerät, das der Seelsorger genau im Auge hat, der Ton soll schließlich richtig ausgesteuert sein. Anfangs hatte Michi gesagt, dass er kein Lampenfieber hat. Nun gesteht er, „jetzt kommt ein bisschen Aufregung“. Er meistert seinen Part bestens. Vielleicht ist es hilfreich, dass er früher Theater gespielt hat. Der Strafgefangene sitzt aufrecht vor dem Mikrofon, hält das Blatt mit dem Text ruhig in der Hand, mit sonorer Stimme liest er, was sich vor mehr als 2000 Jahren in Betlehem ereignet hat. „Trauen Sie sich ruhig, ein bisschen lebendig zu erzählen“, ermuntert ihn Werner Gerz. Alles läuft gut. Einmal verliest sich Michi. Kein Problem, das wird geschnitten.

Dass der junge Mann am Mikrofon Muslim ist, mag irritieren. Doch seine Familie sei größtenteils katholisch, seine Mutter evangelisch, sagt Michi. Ihnen allen will er mit der Aufnahme eine Freude machen. Deshalb liest er nicht nur die Weihnachtsgeschichte, sondern auch zwei weitere Geschichten. Die CD soll eine Überraschung sein, einzig seine Frau ist eingeweiht.

Statt Spielzeug gibt es diesmal ein Unikat für alle

In den vergangenen Jahren habe er die Wunschzettel der Neffen und Nichten abgearbeitet, habe Spielzeug gekauft. Diesmal also gibt es eine CD für alle, ein Unikat. Michi ist mit dem Lesen fertig, sorgfältig faltet er das Blatt mit der Weihnachtsgeschichte zusammen. Dann hören er und Werner Gerz nochmal in die Aufnahme. Alles prima. Werner Gerz fragt: „Was soll ich auf die CD schreiben?“ Viel Platz ist da nicht. „Frohe Weihnachten 2014 für die ganze Familie von Michi“ wird draufstehen.

 

Zur Sache: Eine ganz persönliche CD

Die Idee zur Aufnahme einer Weihnachts-CD hat Werner Gerz, der katholische Seelsorger in der JVA Darmstadt, von einem Kollegen in Schwalmstadt im Bistum Fulda übernommen. Im vergangenen Jahr wurde dort das Projekt erstmals aufgelegt. Die Technik zur Aufnahme hat Gerz von der Rundfunkabteilung des Bischöflichen Ordinariats in Mainz bekommen. Dort wurden die Tonaufzeichnungen auch final bearbeitet und auf CD gebrannt. Strafgefangene hatten die Möglichkeit, neben der Weihnachtsgeschichte weitere Texte, allesamt frei von Rechten, zu lesen oder auch persönliche Worte zu sprechen. Zudem konnten Gitarrenklänge beigemischt werden. Am Ende sollte es für die Angehörigen eines jeden Strafgefangenen, der am Projekt teilnahm, eine ganz persönliche CD sein. (zet)