07.06.2016

Filmkritik zu „Hannas schlafende Hunde“

Fromme Fassade

Augen zu und durch. So hätte es Katharina Berger gern. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre neunjährige Tochter Johanna gemacht. Der Film „Hannas schlafende Hunde“, der nächste Woche in die Kinos kommt, erzählt davon, wie ein Mädchen den Mantel des Schweigens lüftet. Des Schweigens über die Nazizeit. Gesehen von Hubertus Büker. Am Ende der Kritik geht's zum Gewinnspiel!

Hannas schlafende Hunde Foto: Alpenrepublik
Johanna (Nike Seitz) ersetzt der geliebten Oma Ruth (Hannelore Elsner)
das Augenlicht. Foto: Alpenrepublik

„Meine Mutter hat schon recht: besser, man hat mit euch nichts zu tun.“ Diese verächtliche Bemerkung eines Mitschülers verstört Johanna. Zwei Jahrzehnte nach Kriegsende wächst sie in der oberösterreichischen Stadt Wels auf. Wo die Welt wohlgeordnet katholisch ist; jeden Sonntag geht die Familie Berger geschlossen zur Messe, jede Woche trägt Johanna das Kirchenblatt aus, und so fromm, wie sie ist, steuert sie womöglich auf ein Dasein als Ordensfrau hin.

Doch offensichtlich sind da Risse in der frommen Fassade. Johanna rätselt: Was bedeutet der gehässige Satz des Mitschülers? Wieso behandelt die Religionslehrerin sie so gemein? Warum droht der versoffene und übergriffige Hausmeister damit, dass er „auspacken“ könnte über Johannas Großmutter Ruth?
Nach und nach kommt Johanna der Lebensgeschichte ihrer geliebten blinden Oma auf die Spur. Ruth war mit einem jüdischen Schauspieler verheiratet, was sie und ihre Tochter Katharina während der Nazizeit in Lebensgefahr brachte. Die beiden hatten Glück, einerseits: Sie endeten nicht im Konzentrationslager. Andererseits leben sie 20 Jahre danach unter Dorfbewohnern, von denen sie damals im Stich gelassen wurden. Schlimmer noch: „Es gibt viele hier, die uns immer noch vergasen würden“, stellt Ruth fest.

Die Devise der Mutter: „Wir fallen nicht auf“

Während die blinde Großmutter die Dinge beim Namen nennt, aber ihrer Behinderung wegen wenig ausrichten kann, verschließt Johannas Mutter lieber die Augen. „Wir fallen nicht auf“, heißt Katharinas Devise; sich anpassen, nicht darüber reden, sich einrichten in der Opferrolle. Doch Johanna macht da nicht mit. Sie ist zwar ein Kind, aber ein kluges und letzten Endes auch durchsetzungsfähiges …
Ruhig, ja, gemächlich erzählt der Film, wie unterschiedlich seine drei weiblichen Hauptfiguren mit ihren Erlebnissen und Gefühlen zurechtkommen – oder eben auch nicht. Zwischendurch wünscht man sich durchaus ein klein wenig mehr Tempo, weil es doch arg lange dauert, bis sich die Zusammenhänge klären. Wobei: Es sind auch nach Ende des Films ein paar offene Fragen übrig; die Zuschauer erfahren das Wesentliche, doch nicht alles.

Aber so ist das im Leben natürlich auch: Es bleiben immer Leerstellen, Deutungsspielräume, Irritationen. Deshalb darf es sehr wohl als eine Stärke dieses Films gelten, dass er seine Geschichte eben nicht glatt und rund poliert. Und den Zuschauern einen gebremsten – aber stimmigen – Erzählrhythmus zumutet.
Die Botschaft jedenfalls kommt rüber: Augen zu und durch, nicht auffallen, den Mund halten – das war vor einem halben Jahrhundert irgendwo in der oberösterreichischen Provinz die falsche Strategie; sie ist es hier und heute ebenso.

 

Gewinnspiel

Die Kirchenzeitung verlost 3 x 2 Kinokarten für den Film.

Hier geht's zum Gewinnspiel.

 

Hannas schlafende Hunde. Deutschland/Österreich 2016.
Regie: Andreas Gruber.
Mit Nike Seitz, Hannelore Elsner, Franziska Weisz, Rainer Egger.
119 Minuten.
Kinostart: 9. Juni
www.hannasschlafendehunde.de