05.07.2013

Kommentar

Gebrochener Damm

Von Ulrich Waschki

Der Damm ist längst gebrochen. Das belegen zwei Meldungen dieser Woche: In Großbritannien soll eine Form der künstlichen Befruchtung erlaubt werden, die das Erbmaterial zweier Frauen kombiniert, um bestimmten Erbkrankheiten vorzubeugen. Und in der Schweiz bietet eine Klinik an, das Geschlecht eines künstlich gezeugten Kindes vorher zu bestimmen. Weil es Erbkrankheiten gibt, die nur eins der beiden Geschlechter betreffen.

Hier wird kinderlosen Paaren geholfen, die sonst möglicherweise kranke und leidende Kinder in die Welt setzen würden. Die Medizin hilft, Leid zu vermeiden. So argumentieren die Befürworter. Doch was ist Leid? In Israel darf man bei der künstlichen Befruchtung das Geschlecht seines Kindes schon auswählen, wenn man etwa nach vier Mädchen endlich einen Jungen haben möchte. Die Grenzen sind fließend. Und es wird immer Mediziner geben, die das, was technisch möglich ist, auch ausreizen werden. Deshalb: Der Damm ist längst gebrochen. Der Mensch spielt Schöpfer. Irgendwann wird es irgendwo auf der Welt die ersten Designerbabys geben. Die totale elterliche Selbstverwirklichung.
Es ist schlimm, wenn Paare Kinder haben wollen, diesen aber möglicherweise schwere Krankheiten vererben. Wie schön wäre es, das verhindern zu können.

Aber hier geht es gar nicht um eine natürliche Befruchtung. Hier haben die Paare schon festgestellt, dass sie ein Risiko in sich tragen. Sie vermeiden die natürliche Zeugung und suchen Hilfe im Labor. Das Risiko, dass eine Krankheit vererbt würde, haben diese Paare für sich also schon verbannt. Jetzt geht es darum, das Wunschkind zu produzieren. Ein verständlicher Wunsch.

Aber muss alles, was verständlich und technisch möglich ist, auch in die Tat umgesetzt werden? Mit welchen Erwartungen, Hoffnungen und Ängsten werden solche Kinder überfrachtet? Die moderne Medizin kann ein Segen sein: Wie viele Kinder erblicken heute das Licht der Welt, die früher gestorben wären? Wie viele Mütter überleben schwierige Schwangerschaften und Geburten, die früher den Tod bedeutet hätten?

Doch wenn es so weit geht, dass wir diese Technik nutzen, um Leben nach lebenswert und nicht lebenswert zu unterscheiden, um bestimmte Merkmale bei unseren Kindern durchzusetzen, sind Grenzen überschritten. Diesen Damm werden wir nicht mehr flicken können. Wir können nur helfen, dass die Löcher nicht noch größer werden.