20.05.2014

… doch niemand will wirklich wissen, welche Hoffnung mich erfüllt

Gerne, wenn ich könnte …

In der zweiten Lesung werden wir heute vom Apostel Petrus aufgefordert, jedem „Rede und Antwort zu stehen“, der uns nach unserem Glauben fragt. Doch so einfach ist das gar nicht, in diesen oft religionsfernen Zeiten.

 

„Sag mal, bist du nicht katholisch?“ Viele gehen in „Verteidigungsstellung“, wenn sie in geselliger Runde so gefragt werden. Zu Recht, denn der Vorwurf schwingt in der Frage oft schon mit. Foto: Clever Worx/photocase

Die Situation kennen viele: Mitten auf einer Party werden wir plötzlich angesprochen. „Sag mal, bist du nicht katholisch?“ Abrupt herrscht eisiges Schweigen. Alle Blicke sind auf uns gerichtet. Unwillkürlich gehen wir in Verteidigungsposition. Gerade die Bewohner großer Städte, wo fast niemand mehr zur Kirche geht, wissen, was jetzt kommt.

Irgendwer hat irgendwo mal wieder etwas gehört oder gelesen, was ihm an unserer Kirche nicht passt. Zuletzt war es das Finanzgebaren von Limburgs Bischof Tebartz van Elst, für das wir Rede und Antwort stehen sollten. Davor der Missbrauchsskandal, davor die rüden Erziehungsmethoden in staatlichen und leider auch christlichen Kinderheimen. Der Zölibat sowieso. Und wenn gar nichts mehr ging, sollten wir die roten Schuhe von Papst Benedikt begründen.

Natürlich hat der Missbrauchsskandal die Glaubwürdigkeit unserer Kirche erschüttert. Doch um den Glauben, „die Hoffnung, die uns trotzdem erfüllt“, geht es fast nie. Das innere Wesen unserer Kirche bleibt unabgefragt. Dabei würde ich darüber ja gerne mal sprechen. Zum Beispiel über jenen wundersamen Anflug von göttlicher Ewigkeit, der für mich in fast jeder heiligen Messe durchscheint. Doch nur das Äußere wird abgetastet. Der Skandal ist interessant, Und weil verbale Seitenhiebe auf die Kirche längst auch international zum guten Gesellschaftston gehören, hat jetzt ein englischer Buchverlag einen Gesprächsleitfaden herausgegeben. In „Catholic Voices“ wird erklärt, wie wir  am besten „in frischer Weise“ etwa die Haltung Roms zur Verhütung oder zur Homosexualität erklären könnten.

Eindreschen auf den angeschlagenen Boxer

 

Würde gerne Rede und Antwort
stehen: Andreas Kaiser

Doch so gut gemeint solche Ratgeber auch sind, im Ernstfall helfen sie nicht wirklich weiter. Vielen Kritikern, die da mit uns zu nächtlicher Stunde gerne die mittelalterlichen Kreuzzüge neu aufrollen möchten, geht es doch gar nicht ums Detail. Eher ums Grobe, Grundsätzliche. Ums Eindreschen auf jemanden, der ohnehin schon angeschlagen durch den Boxring taumelt. So wurde mir tatsächlich auf einer Party schon vorgehalten, unsere Geistlichen trügen „Frauenkleidung“. Ruhe hätte man bei solchen Gesprächsverläufen wahrscheinlich erst dann, wenn man demütig sämtliche Fehler der vergangenen 2000 Jahre bekennt und vor versammelter Menge eine Austrittserklärung unterschreibt.

Spätestens jedoch, nachdem sich ein langjähriger Freund wegen der „verlogenen Sexualmoral der katholischen Kirche“ von mir lossagte, und ich später aber erfuhr, wie kreuzunglücklich dieser Freund mit seinem Eheleben war, beschlich mich ein Verdacht: Es gibt Menschen, die reagieren offenbar eifersüchtig auf (m)eine innere Beheimatung.

Denn mit anderen Gläubigen, und seien es Muslime, komme ich meist prächtig ins Glaubensgespräch. Ein Arzt, der hier in Berlin ein buddhistisches Zentrum leitet, konnte von meinen Erfahrungen etwa mit dem Herzensgebet und der Spiritualität von Ordensleuten gar nicht genug bekommen. Irgendwann gestand er mir sogar, dass er vielleicht noch heute Christ wäre, wenn er solche Menschen, wie ich sie offenbar kenne, früher getroffen hätte.

Ja, lieber Petrus, da hast du Recht: Wir sollten uns mehr auf unsere Kernkompetenz konzentrieren, auf den „Geist, der lebendig macht“. Mit unseren Pfunden wuchern und erzählen, wie uns das Geheimnis einer Messe oder die gegenseitige Fürsorge, die wir vielleicht in unserer Gemeinde gefunden haben, über Dürrezeiten hinweghilft. Warum das „Du“, das uns das Christentum bietet, mehr tröstet als jene namenlose Energie, von der uns Buddhisten berichten. Oder wir sprechen von der Liebe, jener tätigen Nächstenliebe, die in keiner anderen Religion so wunderschön im Vordergrund steht.

In Umbruchzeiten werden die Fragen ernsthafter

Denn die Gelegenheiten, bei denen Menschen ans Eigentliche vorstoßen, gibt es noch. Oft sind es Umbruchzeiten, Übergangstellen, wo Leben und Tod aufeinandertreffen. Eine gute (katholische) Freundin, die ähnlich wie ich einen großen säkularen Freundeskreis hat, ist zum Beispiel in ihrem Umfeld als Taufpatin sehr gefragt. Vor kurzem hat sich sogar eine Frau wieder bei mir gemeldet, die mich nach meiner Konversion mal eine Weile gemieden hatte wie der Teufel das Weihwasser. Nach dem Tod ihres Vaters, und dem anschließenden Suizid ihres besten Freundes tastete sie sich vorsichtig wieder an den Glauben heran. Der Komiker Harald Schmidt hat dafür mal eine recht griffige Erklärung gefunden: Auf den letzten Lebensmetern werden viele wieder religiös, hat er sinngemäß gesagt. Und liegt wahrscheinlich nicht ganz falsch.

Von Andreas Kaiser