23.08.2014

In die Vergangenheit, in die Zukunft, nach Orten, nach Gott - wonach sich Menschen sehnen

Getrieben von Sehnsucht

Wonach sehnen Sie sich? Nach  einer Person? Einem Ort? Oder kennen Sie keine Sehnsucht? Die Sehnsucht ist ein seltsames Gefühl. Köstlich. Innig. Leidvoll.

 

Viele Menschen stillen ihre Sehnsucht im Urlaub in den Bergen. Foto: imago/blickwinkel

Die Heimatvertriebene hat Sehnsucht nach dem Ort ihrer Kindheit. In Gedanken geht sie häufig durch die Straßen ihrer Heimat. Vom Elternhaus bis zur Schule. Die Studentin sehnt sich nach ihrem Freund, weil er zurzeit in den USA ist, Auslandssemester. Dass sie sich bald wiedersehen. Dass er sie in den Armen hält. Sie seine Nähe spürt.

Über die Sehnsucht wurde schon viel geschrieben. In der Theologie, Philosophie, der Kunst. Johann Wolfgang Goethe schreibt in seinem Gedicht „Mignon“: „Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!“ Im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm wird die Sehnsucht gar als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“ bezeichnet. Wenn die Sehnsucht als ein Leiden, eine Krankheit bsechrieben wird, dann zeigt es, wie tief die Sehnsucht ins Innerste des Menschen geht. Tiefer als das Wünschen, als das Hoffen.

Was es mit der Sache der Sehnsucht zudem so schwierig macht: Das Ersehnte ist immer anderswo, oft in weiter, unbestimmter Ferne. Man sehnt sich in die Vergangenheit, man sehnt sich in die Zukunft. Man sehnt sich nach dem großen Glück, nach einem Herzen, dass einen versteht. Oder man sehnt sich nach Ruhe und Frieden.

 

„Wir sehnen uns nach Hause, und wissen nicht wohin“

Der Philosoph Thomas Hobbes meinte, dass die Sehnsucht – vollkommen unterschätzt – der elementare Antrieb allen menschlichen Handelns sei. Denn sie sorgt dafür, Kräfte zu entwickeln die Dinge zu verändern. Es war die Sehnsucht nach Freiheit und politischem Wandel, die die Menschen in der DDR vor 25 Jahren auf die Straße trieb und dafür sorgte, dass am 9. November die Mauer fiel. Welche Freude herrschte bei den Menschen, die auf der Mauer jubelten, als ihre Sehnsucht gestillt war!
 
An diesem Tag wurde Sehnsucht konkret erfüllt. Meistens ist sie aber diffuser. Sie treibt uns um, ohne das wir wissen, was wir eigentlich suchen. Der Protagonist  in Hermann Hesses „Siddharta“ ist solch ein Suchender. Das Unbestimmte der Sehnsucht wird auch wunderbar in einem Zitat des Romantikers Joseph von Eichendorff deutlich: „Wir sehnen uns nach Hause und wissen nicht wohin.“ Ja, nach was sehnen wir uns?

Christian Bernreiter ist Theologe und Unternehmensberater. Bei seiner Arbeit stellt er häufig fest, dass die Menschen „von einer Sehnsucht nach innerem Frieden getrieben sind, dass  ihre innere Unruhe aufhört.“ Doch was kann man da tun? Die Sehnsucht in die Gegenwart legen, meint Bernreiter. Also, schauen, wo sind die „Sehnsuchtsfelder“ in meinem alltäglichen Leben, die ich bestellen muss, damit ich zufrieden und glücklich bin. Die Sehnsucht im Hier und Jetzt entdecken, nicht an fernen Orten oder in anderen Zeiten. Bernreiter erinnert an die Bergpredigt, wo Jesus sagt: „Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“
Als gläubiger Christ weiß man ohnehin, wie man die Sehnsucht nach innerem Frieden stillen kann. Augustinus schreibt: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

Von Daniel Gerber