08.07.2016

Kommentar

Gewicht in der Politik

Auch wenn die Kirchenbänke leerer werden - die Christen bleiben eine moralische Instanz in der Gesellschaft. Ein Kommentar über den Einfluss der Kirchen auf die Politik von Andreas Kaiser.

Ja, die Kirchenbänke leeren sich, die Zahl der Kirchenmitglieder schrumpft. Doch das heißt längst nicht, dass Christen als moralische und ethische Instanz bedeutungslos geworden sind. Im Gegenteil: Dank der unermüdlichen Beratungsarbeit vom Büro des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie vom Katholischen Kommissariat der deutschen Bischöfe konnten im Bundestag zuletzt eine ganze Reihe wichtiger Gesetze auf den Weg gebracht werden.

Nach dem Verbot der selbsternannten Sterbehilfevereine und dem Beschluss zum Ausbau der palliativmedizinischen Versorgung todkranker Menschen im vergangenen Jahr wurde in diesen Tagen die von vielen Forschern gewünschte Legalisierung von Arzneitests an demenzkranken Menschen verhindert. Für etliche Politiker ist die Kirche nach wie vor – oder besser gesagt: wieder – die wichtigste Lobby für all jene, die keine oder nur eine sehr leise Stimme haben: für alte, kranke und behinderte Menschen, für Flüchtlinge, für Ungeborene. 

Dass der Einfluss von katholischen Bischöfen und Geistlichen nach dem gigantischen Vertrauensverlust durch die Skandale in den Jahren 2010 (Missbrauch) und 2013 (Limburg) nicht gen Null geschrumpft ist, hat einerseits etwas damit zu tun, dass sich die katholische Kirche – anders als andere Organisationen – den dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte gestellt hat. Und die Misshandlungen in ihren Kinder- und Behindertenheimen sowie den Missbrauch Minderjähriger durch Priester und Ordensleute inzwischen recht ordentlich aufgearbeitet hat, beziehungswiese weiterhin aufarbeitet. Vor allem aber hängt der zumindest gefühlte politische Bedeutungszuwachs mit Papst Franziskus zusammen. Viele, gerade auch junge Abgeordnete, nehmen die katholische Kirche wieder ernst, wie sie in Hintergrundgesprächen einräumen, weil sich immer mehr Bischöfe, deren Berater sowie der Vatikan heute – anders als früher – nicht mehr so oft hinter ihren Traditionen und Glaubenswahrheiten verschanzen, sondern sich geöffnet haben und sich kompromissfähig zeigen.

Und ähnlich wie schon bei unserem „Religionsstifter“ Jesus Christus, sind es bei Papst Franziskus längst nicht nur dessen Reden und Interviews, die gut ankommen. Es ist vielmehr der Mensch, dessen konsequente, aber bescheidene und vor allem immer der Nächstenliebe verpflichtete Lebensweise überzeugt. Ja, wir sind kleiner geworden, aber – Franziskus sei Dank – sind wir auch bedeutend feiner geworden.

Von Andreas Kaiser