07.08.2014

Roman um einen jungen Geistlichen

Glück und Eis, wie leicht bricht das

Der Roman heißt „Eis“ – und steckt voller Wärme. Er erzählt vom ereignisarmen Alltag auf einem unbedeutenden Inselchen – und zugleich von sinnerfülltem Leben. Und von Gewohnheitschristen, die doch herzliche Nächstenliebe praktizieren. Von Hubertus Büker

Das Postschiff hat den neuen Pastor samt Familie an Bord: Petter Leonard Kummel, seine Frau Mona und die 14 Monate alte Sanna. Wir schreiben das Jahr 1946 und der 28 Jahre junge lutherische Geistliche, der sein Pfarrerexamen noch vor sich hat, tritt, erstmal auf Probe, seine Stelle auf den Örar-Inseln an. Wer sie im Atlas sucht, findet sie (mit der Lupe) als Åland-Inseln vor der Südwestspitze Finnlands in der Ostsee – eine selbstständige finnische Provinz, in der Schwedisch gesprochen wird.
 

"Eis" Titelbild
Das erste Buch der finnischen
Autorin, das auf Deutsch erscheint.

In dieser entlegenen Gegend erwartet den idealistischen Petter und die bienenfleißige Mona ein karges und arbeitsreiches Dasein. Vor allem Mona: Zwei Kühe, drei Schafe und fünf Lämmer hat sie zu versorgen, kochen muss sie, putzen, waschen, flicken, Gäste bewirten – und sich um Sanna kümmern, bald auch um Lillus, die zweite Tochter. Für all das hat Petter so gut wie keine Zeit. Er ist bis spätabends zu Sitzungen oder Hausbesuchen in seiner weitläufigen Gemeinde unterwegs, zu Fuß oder mit dem Fahrrad, im Winter mit dem Tretschlitten; Verwaltungskram, Predigten schreiben, fürs Examen büffeln ... Für beide hat der Tag nicht genug Stunden, um alles Notwendige zu erledigen. Ein Telefon gibt es, meistens funktioniert es sogar, doch Waschmaschine, Zentralheizung, Auto und derlei Annehmlichkeiten muss man entbehren.

 

Ein Vermittler und Versöhner

Aber der Pfarrer und seine Familie klagen nicht über ihr Los, im Gegenteil; ihr Dienst macht ihnen Freude und sie fühlen sich mit jedem Tag zufriedener. Und auch die Gemeinde blüht auf; seit alters her existieren zwei Fraktionen, die einander das Schwarze unter den Fingernägeln nicht gönnen, doch der Pfarrer, ein wenig naiv mag er zwar schon noch sein, bewährt sich als Vermittler und Versöhner. So sind alle miteinander froh, als Petter nach bestandenem Examen endgültig zum Pfarrer bestellt wird.Das klingt nach einer altmodischen und allzu idyllischen Geschichte. Aber die wunderbare Erzählerin Ulla-Lena Lundberg schafft von den ersten Seiten an eine Atmosphäre leisen, ganz leisen Unbehagens. Die Leser ahnen, dass irgendwann irgendetwas geschehen wird. Aber was?

Mit dem wichtigsten Literaturpreis Finnlands ausgezeichnet

„Eis“ ist der erste Roman Lundbergs, der in deutscher Übersetzung erscheint. Die 67 Jahre alte Schriftstellerin, die selbst als Kind einer Pfarrersfamilie auf der Åland-Insel Kökar aufwuchs und daher bestens kennt, was sie beschreibt, wurde für „Eis“ im vorletzten Jahr mit dem wichtigsten Literaturpreis Finnlands ausgezeichnet. Dadurch interessieren sich nun endlich auch internationale Verlage für die in ihrer Heimat erfolgreiche und hoch geachtete Autorin.

Erfreulicherweise. Denn „Eis“ ist große Kunst. Das Buch schildert das gewöhnliche Leben gewöhnlicher Leute irgendwann vor 60 Jahren oder so auf einem Fleckchen Erde abseits des Weltgeschehens – und erzählt zeitlos und allgemeingültig vom Wesen des Menschen. Eine finnische Kirchenzeitung formulierte: „Über die Inseln scheinen sich die ganze Größe, das ganze Elend, das Schwierige und das Reizvolle des menschlichen Daseins zu wölben.“ So ist es.

Ulla-Lena Lundberg: Eis. Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig. Mare Verlag, 528 Seiten, 24 Euro