14.07.2016

Sommerserie der Kirchenzeitung sucht märchenhafte Orte

Gott an der Wäscheleine finden

Märchen mit allen Sinnen entdecken: Diesen Sommer führt die Kirchenzeitung Sie an zauberhafte Orte. Sie können die Märchen und Sagen beim Zeitungslesen auf dem Sofa genießen und Ideen für Ausflüge im Sommer bekommen. Zum Auftakt hat sich Sara Mierzwa im Odenwald verzaubern lassen.

 

Das Logo zur Sommerserie

Schloss Reichenberg liegt nicht hinter verwunschenen Rosen versteckt, sondern ist offen für Besucher. Wie kann man Gott dort in der Waldkirche näher kommen, in der man nicht nur zuhört, sondern selbst aktiv wird? Was passiert, wenn ich mich beim Schlossbesuch in Dornröschen hineinversetze?
In der Waldkirche am Schloss sind Hängematten statt Kirchenbänke für die Besucher aufgehängt. In der Nähe steht ein Kreuz und eine Tafel mit der Aufschrift: „Jesus trägt mich.“ Ohne Füße auf dem Boden ist Vertrauen nötig, dass die Hängematte nicht reißt und die Verbindung zu Gott trägt. Im Märchen Dornröschen waren die guten Wünsche der Feen tragend für die Prinzessin – bis auf den Fluch der siebten Fee. Schwierigkeiten gehören zum Leben.
Station Nummer zwei: „Lasten ablegen – Jesus befreit“. In einem Korb liegen schwere Sandsteine. Sie riechen nach altem Kellergewölbe. So hat es bestimmt in dem Schloss von Dornröschen nach 100 Jahren gerochen. Oder nach verbranntem Essen, das der schlafende Koch nicht retten konnte.

Lasten ablegen und Klagemauer besuchen

Ich nehme einen der Steine in der Waldkirche in die Hand und trage ihn 15 Meter über die nasse Wiese zu dem Holzkreuz. Wo habe ich im Leben verantwortungslos gehandelt? Der Weg ist zu kurz für eine vollständige Antwort auf die Frage. Nicht nur ich war ungerecht, sondern auch das Leben mit mir. An der Klagemauer-Station können die Besucher auf Zettel schreiben, was ihnen das Leben schwer gemacht hat. Zusammengerollt zwischen den großen Steinen bleiben die Klagen in der Waldkirche. Dornröschen hätte sich bestimmt über den Fluch der Fee beklagt, und die Fee war verärgert, nicht eingeladen worden zu sein.
„Wenn die Steinritzen voll sind, verbrennen wir die Zettel“, erklärt Ute Paul (54). Sie ist Erlebnispädagogin und begleitet Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen bei ihrer Entdeckungstour durch das Schloss Reichenberg. „Glaube und Leben“ heißt eine der Führungen.

„Schloss als Ort der Ermutigung und Schönheit“

Gott zuwinken: Dankwimpel an der Wäscheleine

Nach dem Klagen ist Zeit für Ermutigung. „Auf ein Wort – Gott redet“: Station Nummer vier. Auf einem 300 Jahre alten Eichenpult liegt ein Buch mit Bibelstellen. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, Liebe und Besonnenheit.“ Mit China-Tinte und Holzspieß schreibe ich die Worte auf Pergamentpapier. Der Tintengeruch brennt in der Nase. Kulis riechen süßlicher. Tastaturen riechen nach nichts. Vor dem Betreten der Waldkirche sind die Besucher eingeladen, ihre Smartphones und Handys abzugeben. Es soll ein Ort außerhalb der digitalen Welt sein, an dem die Menschen aufmerksamer für ihre Umwelt und Mitmenschen werden, sagt Ute Paul. „Die Besucher sind nach der Führung viel klarer und aufmerksamer im Umgang miteinander“, berichtet die Pädagogin.
Auch der Dornröschen-Prinz brauchte viel Glaube und Mut: 100 Jahre warten und dann durch eine Dornenhecke gehen. Der Weg zum Schloss Reichenberg 100 Meter über der Stadt ist steil. Oben angekommen gibt es ein Café, mit selbst gebackenen Kuchen für die Besucher an WOchenenden und Feiertagen. Im Mai riecht es nach Rhabarberkuchen. Das Dornröschenschloss roch bestimmt im Sommer nach Rosen und im Winter nach Schnee.
Selten ist Gott im Alltag mit so vielen Sinnen erfahrbar. „Danken – Gott beschenkt“: die sechste Station in der Waldkirche. Auf bunte Stoffstücke kann jeder schreiben, wofür er oder sie Gott loben und danken möchte. Es hängen bunte Stoffe mit ungarischen Danksagungen von den letzten Besuchern aus Osteuropa an der Wäscheleine.

Wasser als Zeichen für Leben

An der siebten Station riecht es nach Honig. Dort steht ein Brunnen und es liegt bunte Knetmasse aus Bienenwachs bereit. Die Besucher können kleine Gefäße formen und das Wasser umleiten, sodass ein bunter Brunnen mit Verzweigungen entsteht, an denen das Wasser von der einen Schale in die andere fließt.

Wo sind meine Quellen, nach was dürstet es mich? Dornröschen hätte geantwortet: „Ich will spinnen lernen“. Ihre Eltern: „Sie soll sich nicht an einer Spindel verletzen.“ Schlossbesucher können der Frage nach Lebensquellen auch im Licht der roten und blauen Glasfenster in der Michaelskapelle auf dem Schloss nachgehen – sitzend auf Kirchenbänken. Ob dort oder zwischen Hängematte und Bienenwachsknete kann Gott auf neue Weise begegnet werden.

Dem neugierigen Dornröschen hätte es auf dem Schloss bestimmt gut gefallen und statt mit der Spindel zu spielen, hätte sie einen Dankewimpel für die zwölf guten Feen schreiben können.

 

Bildergalerie zur Waldkirche: http://www.kirchenzeitung.de/content/schloss-reichenberg