15.11.2016

Regina Groot Bramel über ihr Gottesbild

„Das Wort Gottes gehört nicht ins Museum“

„Regina Groot Bramel, Jahrgang 1960, ist Mutter vieler Kinder und Pflegekinder, Sozialpädagogin, Religionslehrerin und Reittherapeutin. Sie lebt mit ihrer großen Familie und vielen Tieren in der ländlichen Idylle des hessischen Mittelgebirges. Dort verwirklicht sich ihr Kindheitstraum von einem Haus, indem Platz ist für Alt und Jung, Verwandte und Freunde.“ So stellt sie der Verlag Patmos in ihrem neuen Buch „Blickkontakt“ vor.

Neugierig geworden auf diese Frau? – Diese Frau ist ein Geschenk vom Himmel. Geschickt als Engel in den Alltag der kleinen Leute. Alltagsszene. Am Mittagstisch. Regina Groot Bramel, fünf ihrer Kinder trudeln nach und nach ein, die Oma sitzt mit am Tisch, zwei Freundinnen, die beim Kochen helfen, bei den Hausaufgaben, ein älterer Mitbewohner, der sich um Pferde und Stall kümmert. Das Tischgebet spricht Regina Groot Bramel selbstverständlich frei. Der Dank für jene, die das Essen bereitet haben, ein Gedanke daran, dass es nicht selbstverständlich ist, etwas Warmes auf dem Tisch zu haben … Zum Nachtisch gibt es selbstgebackenen Kuchen – der war schon im Ofen, als die Welt noch schlief. In den Gesprächen ist dann so mehr nebenbei die Rede von den Alltagspflichten der Kinder: Wäsche zusammenlegen, Hausaufgaben machen, sich um die Pferde kümmern … Keine Hektik trotz engem Zeitplan. Aber Konzentration auf Wesentliches. Muße und Disziplin tanzen miteinander. Alles hat seine Zeit …

 

Abgründe und Auferstehungsmomente

Als junge Mutter musste sie Abschied nehmen von ihrem toten Sohn. 20 Jahre später soll sie sein kleines Kindergrab abräumen. Gänsehaut – wenn sie in einem ihrer Texte an die Tage der Tränen erinnert: „Ich habe zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, was gemeint sein kann, wenn es im Glaubensbekenntnis heißt, dass du hinabgestiegen bist in das Reich des Todes. Du hast mich da ganz unten gefunden und besucht, als ich in der Welt der Lebenden mit niemandem reden konnte, hast mir zugehört, obwohl ich immer nur das Gleiche gedreht und gewendet habe. Du hast meine ersten Schritte gestützt, als ich mich langsam nach oben traute.“

Da ist nichts Blauäugiges. Dieser Glaube ist zuerst durchwacht. Dann durchbetet. Zuletzt gewiss auch durchdacht.

Warum sie so voller Gottvertrauen lebt? Was sie dazu motiviert?

„Ich habe schon als Kind gewusst, dass Gott nicht der ist, der seinen Sohn opfert. Der das blutige Kreuzesopfer braucht. Damit er sich wieder mit uns vertragen kann­. Sondern: dass er uns als Söhne und Töchter angenommen hat. Das Versöhnung mit Gott so gemeint ist: als Adoption. Mein Gott ist menschlich. Das ist der Gott, der gerne im Stall ist; der schon im Stall geboren ist. Ein Gott, der kein geschädigtes Leben wegwirft; der die Dinge nicht richtet, sondern herrichtet und heilt. Mein großer Bruder Jesus. Das ist mein Gott. Und der Gott, der die ganze Welt erschaffen hat – vor allen Dingen die Pferde.“

Im Glauben an diesen Gott hat sie gemeinsam mit ihrem Mann vor vielen Jahren entschieden, anderen Geschöpfen, „die niemand wollte“, ein Zuhause zu geben. Sie und ihr Mann als „Beiköche Gottes!“ Sie erleben, wie verletzt die Seelen von Kindern sein können. Wie unendlich viel Liebe, Zuwendung und Geduld es braucht, bis zusammenwächst, was fortan zusammengehören soll: „Man muss warten können, ruhig bleiben, liebevoll und empfindlich, egal was auf dem Boden landet; vom Löffel tropft vorsichtiges Vertrauen.“ So schreibt sie diese allmähliche Menschwerdung in ihrem neuen Buch.

Teilen. Zeit haben. Platz anbieten.

Ohne Disziplin, sagt Regina Groot Bramel, ist ein so getaktetes Leben nicht zu führen. Als Ehefrau, Mutter, Therapeutin, Autorin …

Groot Bramel Foto: Julia Hoffmann
 

Regina Groot Bramel ist pragmatisch, nicht dogmatisch. Und voller Glauben.
Foto: Julia Hoffmann

Wie lebt sie inmitten von all dem Trubel zwischen Pferden, Therapien, Haushalt und Kindern ihre Beziehung im Paar? „Wir versuchen, einen Text am Tag gemeinsam zu lesen.“ Derzeit gerade die „Freuden der Liebe“ von Papst Franziskus. „Wir versuchen, uns Zeit zu reservieren, in denen wir ohne Kind und Kegel unterwegs sind miteinander.“

Eine halbe Stunde am Tag („morgens und abends jeweils eine Tasse Kaffee miteinander trinken“); einen Abend in der Woche; einen Tag im Monat … „Das muss man diszipliniert verteidigen, sonst ist es sofort weg.“

Wer Regina Groot Bramel zwei Stunden lang begegnet – beim Interview, beim Spaziergang, beim gemeinsamen Essen, der hört Sätze, die voller Glauben sind. Im Dutzend. Mal spontan ausgesprochen, mal nachdenklich formuliert, zuweilen zugespitzt, tiefsinnig, hintersinnig, stets mit einem Lächeln, das einlädt: Komm, mach es doch auch so … Sätze voller Himmel. Und zugleich zutiefst geerdet. Verwurzelt im Leben.

„Reich ist man, wenn man etwas zu verschenken hat.“  – „Es macht Spaß, für andere da zu sein.“  – Es geht darum, mit wenig auszukommen, aus Nix was zu machen und enger zusammenzurücken.“ – „Man kann lernen, sich zu überwinden, auch wenn es gerade schwerfällt.“  – „Nie ist einer nur der Geber, man bekommt auch.“ – „Dankbarkeit ist die beste Ausstattung für ein glückliches Leben.“

Wann sie ihre Texte schreibt? „Morgens ganz früh und abends sehr spät.“ Vor dem Schlafengehen liest sie, lässt es nachts sacken – „den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ – und schreibt es morgens auf. Geschichten mit Tiefgang und mit Alltagstauglichkeit. Geerdet und himmelsnah.

„Mein Gott liebt den Stall. Er wurde schon dort geboren“

Und wie geht das, „den Glauben weitergeben“ an die Kinder?

Rituale sind wichtig, sagt sie. „Na klar beten wir! Sonst wäre es ja schlecht.“ Selbstverständlicher kann es nicht klingen. Und überzeugter. Natürlich gebe es Phasen, in denen der Zugang bei den heranwachsenden Kindern nicht so leicht da sei. Dann helfen die Rituale: Vor oder nach dem Sonntagsgottesdienst wird am Tisch über die Bibeltexte des Sonntags gesprochen. Biblische Geschichten begleiten das Nachtgebet der Kinder. Die „Gute Nachricht“, sagt Regina Groot Bramel, „ist eine Geschichte in Fortsetzungen.“ Wie alles Wichtige im Leben sei sie davon bedroht, durch Dringlichkeiten, vermeintlich Unvermeidliches und Geschäftigkeit verdrängt zu werden, immer aufgeschoben, „auf dem Regal für Unerledigtes beim Abstauben hin- und hergeschoben“. Letztlich, davon ist sie überzeugt, geht es aber gar nicht um große und viele Worte: „Ja, es ist gut, dass man einer Sache Worte gibt. Aber in erster Linie geht es ja ums Tun. Ums Mitleben. Seite an Seite etwas tun. Und den Kindern zeigen, wie es geht.“ Und wenn die Kinder etwas angestellt haben? Kommt dann der Gott, der alles sieht … „Einen strafenden Gott? So einen haben wir hier nicht. Den hat es hier noch nie gegeben.“

Wo begegnen sie und ihre Kinder ihrem Gott – außerhalb der Geschichten? Im Leben.

Da gibt es viele Gelegenheiten. Groot Bramel erzählt von einer Hochzeit, wo der Catering-Service ausblieb: „Gott ist dabei – manchmal sieht er aus wie drei Pizzabäcker!“

Vor allem aber erfährt sie den Schöpfer in seiner Schöpfung: „Natur ist ein Ort von Gott.“

Klar, dass dann für ihre Gottesbeziehung auch die Liebe zu den Tieren eine wesentliche Rolle spielt: „Mein Gott liebt den Stall. Er ist schon dort geboren.“ Weihnachten kann alle Tage sein. Die Therapeutin hat schon oft erfahren, dass wenn tröstende Worte fehlen, der warme Atem eines Tieres, das Streicheln seines Fells … helfen können. Schicksal? Greift Gott ein? „Er schickt ein Pferd vorbei“, sagt sie lachend.

Die Großfamilie als Modell für die Kirche

Warum eine wie sie nicht wie eine ihrer Tanten ins Kloster ging?  „Gott nur als Gott zu lieben, das ist mir zu schwierig. Das finde ich zu abstrakt.“ Und: „Alles meinem Gott zu Ehren – ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll – ohne die Menschen und ohne das pralle Leben.“

Das Modell Großfamilie, das sie seit Jahren mit allen Wogen und Wellen lebt, kann sie sich auch für die Glaubensgemeinschaft gut vorstellen. Anonymität in den Kirchenbänken ist ihr zuwider. Es ärgert sie, wenn in Gottesdiensten keine bereichernde Begegnung geschieht. Es ärgert sie, wenn Laien nur als Lückenbüßer agieren sollen, wenn gerade mal kein Kleriker da ist. „Ich glaube, Jesus war auch ein Laie!“ Da ist er wieder, so ein Satz. Entlarvend alle aufgeladene Theologensprache. Mitten im Leben. Aus dem Glauben. Vielleicht müsse die Not noch größer werden, vermutet sie. Dann passiere ja manchmal Neues.

Ihr Glaube ist pragmatisch, nicht dogmatisch. Viel zu wichtig ist es ihr, von ihrem Gott zu sprechen, als dass sie ihn in Konfessionskisten einsperrt. Ja, sie ist gerne katholisch. Hat das Katholischsein „mit der Muttermilch aufgesogen.“ Aber: „Dem lieben Gott ist es sicher egal, ob wir katholisch oder evangelisch oder freikirchlich sind. Wenn wir es nicht schaffen, uns zusammenzutun, dann können wir bald alle unsere schönen Häuser zumachen. Das wäre traurig!“

Wie die Kirche wieder attraktiv werden kann? „Wir Christen haben für alle Fragen des Lebens gute Antworten. Wir haben ja längst alles, was die Coaches heute mühsam den Menschen beibringen wollen.“ Entscheidend sei, „glaubwürdig zu sein“: Was gepredigt wird, „muss dadurch gedeckt sein, was der Mensch lebt“. Den Menschen nichts vorzumachen. Die wollten „Antworten, die man leben kann, die einen Weg zeigen – auch durch Situationen, die schwierig sind. Wenn es eng wird, dann braucht man ein Angebot und jemanden, der mitgeht. Das haben wir alles. Es käme darauf an, dass junge Leute spüren: Das hilft mir zum Leben.“

Sie braucht keinen Katechismus und keine Dogmatik, um von ihrem Gott zu erzählen. Dreifaltigkeit? „Ich habe keine Probleme mit der Dreifaltigkeit: Für mich ist Gott der Schöpfer überall um mich herum. Gott ist als Mensch – Jesus – sowieso an meiner Seite. Und es ist auch nicht schwer mit dem Heiligen Geist: Das sind ja all die guten Gedanken, die wir bekommen. Und die uns sagen, was nötig ist.“

Sie hat die Lizenz zum Predigen. Sie braucht keine vatikanische Erlaubnis dazu. Sie erzählt einfach – von dem Gott, der ihr zur Seite stand, als sie durch den Tränen-Vorhang die Sonne nicht mehr sehen konnte. Und weil sie zutiefst daran glaubt, dass dieser Gott mit den Menschen unterwegs ist und ihnen auch heute etwas zu sagen hat, sagt sie: „Das Wort Gottes gehört nicht ins Museum. Bringen wir es in unsere Herzen, auf unsere Lippen und unter die Leute!“

 

Lesetipps:

 

Regina Groot Bramel: „Blickkontakt mit dem Unsichtbaren. Biblische Auszeiten für jeden Tag des Jahrs“, Patmos, 2016, 24,99 Euro

Regina Groot Bramel: „Sieben Sinne für das Leben: Mein Fastenzeit-Begleiter“, Patmos, 2017, 12,99 Euro

Regina Groot Bramel: „Der guten Nachricht glauben: Ein Kompass für die Fastenzeit“, Katholisches Bibelwerk, 2015, 9,95 Euro

Regina Groot Bramel: „Überraschungen inklusive. Was man mit Pflegekindern alles erleben kann“, Münstermann, 2012, 17,50 Euro