30.03.2016

Mit Malteserteam: Dr. Tobias Angert brachte Rettungswagen auf die griechische Ferieninsel Lesbos

Helfen mit Urlaub verbinden

Mit einem Malteser-Team brachte Dr. Tobias Angert aus Hanau zwei Rettungswagen nach Griechenland, einen davon auf die Insel Lesbos.

Ein bedrückender Ort: Malteserhelfer Alexander Zippel auf einem Lagerplatz für Schwimmwesten. Foto: privat
Ein bedrückender Ort: Malteserhelfer Alexander Zippel auf einem Lagerplatz für Schwimmwesten. Foto: privat

Frage: Welche Situation haben Sie dort angetroffen? Wie ist die Versorgung der Flüchtlinge?

Angert: Die Lage auf der Insel Lesbos ist stabil, Unterbringungs- und Transitmöglichkeiten für Flüchtlinge sind vorhanden. Eine medizinische (ärztliche) und sonstige Versorgung der Flüchtlinge durch Freiwilligenorganisationen und durch professionelle Hilfsorganisationen ist gegeben.
Politische Entscheidungen beeinflussen die Situation auf Lesbos entscheidend. Die weitestgehende Schließung der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien führte aufgrund der wenigen Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge in Griechenland schnell zu einer Überbelegung der Camps und einem „Rückstau“ auf Lesbos.

Was war besonders beeindruckend?
 

Fahrzeugsegnung durch den orthodoxen Bischof von Lesbos. Zweiter von links in der Malteseruniform ist Dr. Tobias Angert. Foto: privat
Fahrzeugsegnung durch den orthodoxen Bischof von Lesbos. Zweiter von
links in der Malteseruniform ist Dr. Tobias Angert. Foto: privat

Beindruckend waren die Gastfreundschaft, mit der wir aufgenommen wurden, die würdigen Übergabefeierlichkeiten und das professionelle, engagierte und aus einer christlichen Überzeugung heraus kommende Engagement der griechischen Politiker. Die gregorianischen Gesänge der orthodoxen Popen und des griechischen Metropoliten, der als Bischof von Lesbos persönlich die Fahrzeugsegnung vornahm, sowie der Austausch von Christ zu Christ haben mich aus theologischer Sicht sehr gefreut.
Besonders beindruckt haben mich auch die vielen professionellen Helfer des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) und der griechischen Caritas, die einen geschützten Raum mit Übernachtungsmöglichkeiten für alte Menschen, allein reisende Frauen, Kranke und Familien bieten und dabei auch im größten Chaos versuchen, Flüchtlinge als Gäste und nicht als unwillkommene Bittsteller zu behandeln.

Was fanden Sie beklemmend?

Den „Wildwuchs“ unter den – mehr oder minder professionellen – Rettungs- und Hilfsorganisationen. Wenn auf einer Insel wie Lesbos plötzlich 60 unterschiedliche Organisationen auftauchen und ohne Absprache mit der Regierung und anderen einfach mal irgendetwas machen, dann ist das weder professionell noch effektiv und hilfreich für die Flüchtlinge. Bei einigen drängt sich sehr schnell der Eindruck auf, dass sie versuchen, vom Elend der Menschen zu profitieren und sich nur ein möglichst großes Stück vom Spendenkuchen holen wollen.

Beklemmend war auch die Professionalität, mit der die Menschen nach Deutschland „durchgewunken“ werden. Und die eiskalte Professionalität, mit der einige am Elend der Flüchtlinge verdienen. Bei 1000 Euro pro Person für die Fahrt auf einem für 35 Personen zugelassenen Schlauchboot nach Griechenland, auf dem sich etwa 65 Personen befinden, kommt schnell eine gewaltige Summe zusammen. Die unzähligen Schwimmwesten, die wir an einer Lagerstätte bei Mytilini gesehen haben und die das Ausmaß der Flucht deutlich machen, haben mich nachhaltig beeindruckt.

Konnten Sie auch Kontakt zu den Christen aufnehmen?

Eines unserer schönsten Erlebnisse war die zufällige Bekanntschaft mit Elsa und Maria, zwei Deutschen, die mit griechischen Männern verheiratet sind und seit Jahrzehnten auf Lesbos leben. Sie bilden dort mit wenigen anderen die deutschsprachige katholische Gemeinde. Der dortige Priester, Pater Leon, hat uns viel über das Leben als katholischer Christ und das Engagement vieler Gemeindemitglieder für ihr Gotteshaus und für die Flüchtlinge erzählt.

Was benötigt die Bevölkerung der Insel?

Urlauber. Die Buchungen auf Lesbos, einer Insel, die bisher vom Tourismus lebte, betragen in diesem Jahr gerade noch 20 Prozent, Man kann auf Lesbos wunderbar Urlaub machen, ohne überhaupt einen Flüchtling zu Gesicht zu bekommen. Und wenn man den Flüchtlingen und auch den Menschen vor Ort helfen möchte, so lässt sich dies sehr gut mit einem Urlaub auf einer der wunderschönen ägäischen Inseln verbinden. Ich verstehe nicht, warum die Menschen für ihre geografische Nähe zur Türkei und die ankommenden Flüchtlinge jetzt auch noch durch massiv zurückgehende Einnahmen gestraft werden.

Sie waren an der Außengrenzen der EU in Griechenland. Engagieren Sie sich auch in der „Nachbarschaft“?

In den chaotischen Zeiten des vergangenen Jahres, als in Hanau die August-Schärttner-Halle mit über 1000 Flüchtlingen belegt war, habe ich dort den Sanitätsdienst unterstützt. Die Stadt Hanau hat dieses Engagement mit der Verleihung der Bürgerplakette gewürdigt. Danach konnte ich eine mehrmonatige Fortbildung zum ehrenamtlichen „Willkommenslotsen“ absolvieren. Neben dem Einsatz als Willkommenslotse in der hiesigen Gemeinschaftsunterkunft erteile ich auch noch Deutschunterricht für Flüchtlinge im Auftrag der Caritas.
Interview: Hans-Joachim Stoehr

 

Hintergrund: Helferteam war ein Querschnitt durch die Diözese

Frage: Wie kam es zu der Fahrt?

Angert: Malteser-Präsident Constantin von Brandenstein-Zeppelin suchte auf der Beauftragtentagung der Diözese Fulda im Januar freiwillige Helfer. Sie sollten zwei Rettungstransportwagen (RTWs) nach Griechenland bringen. Beide Wagen der Malteser wurden durch Spenden finanziert.
Den einen Rettungswagen haben wir auf dem Peleponnes in einer Gebirgsregion an den Bürgermeister von Kalavryta übergeben. Auf Lesbos ging das zweite Fahrzeug an die Gouverneurin der Region Nordägäis. Sie ist unter anderem verantwortlich für neun Inseln, die fast alle aufgrund ihrer geografischen Nähe zur Türkei von der Flüchtlingsnot betroffen sind.

Wer war alles bei der Fahrt mit dabei?

Alexander Zippel (Petersberg), Pfarrer Stefan Krönung und Willy Jakobs (Kassel) und ich als Teamleiter. Somit war ein Querschnitt durch die Diözese von Nord nach Süd gegeben.

Wie ist die medizinische Versorgung auf Lesbos?

Die begrenzt vorhandene medizinische Infrastruktur auf den Inseln wird derzeit durch die Flüchtlinge verstärkt gebunden. Das geht insbesondere auf Lesbos zu Lasten der ohnehin schlechten medizinischen Versorgung – insbesondere der Ersten Hilfe – der Bevölkerung in den abgelegenen Regionen der Insel. (st)

 

Tipp: Vortrag in Petersberg

Dr. Tobias Angert wird am Mittwoch, den 20.04.2016 um 19 Uhr, im Nikolaus-von-der-Flüe-Haus, Pfarrheim der Kirchengemeinde St. Peter, Petersberg von seinen Eindrücken erzählen.

Welche Orte hat Papst Franziskus besucht? Woher stammen die Flüchtlinge, die er mit seinem Flugzeug mit nach Rom genommen hat? Wird Lesbos auch im Jahr 2016 noch das Haupttor zu Europa sein? Welche Auswirkungen haben politische Entscheidungen auf die Lage in Lesbos? Wie leben die Menschen auf einer von Tourismus geprägten Insel, wenn - wie im Jahr 2015 - plötzlich über 540.000 Flüchtlinge dort ankommen?

Um diese Fragen soll es dabei gehen. Alle Interessierten sind eingeladen.