26.08.2014

Die "Catholic Workers" setzen sich weltweit für Arme ein. Ein Besuch in New York

"Hier stimmt was nicht!"

Sie hat abgetrieben, hatte drei Männer, war Kommunistin – und begründete in New York die weltweite Bewegung der „Catholic Workers“: Dorothy Day. Bis heute bringt ihre Vision Menschen dazu, ihr Leben komplett zu ändern. Wie Joanne im Eastvillage in New York.

 

Die Gründerin immer vor Augen: ein Foto von Dorothy Day (li.) hängt im Gemeinschaftsraum des Maryhouses, wo sowohl Gottesdienste als auch Feste stattfinden. Foto: M. Nolte

Sie hat es nicht anders gewollt. Joanne könnte als schicke Anwältin in irgendeiner schicken Kanzlei sitzen und schick Karriere machen, irgendwo zwischen Kalifornien und Massachu­setts. Jetzt steht sie in Schlabberhose, Shirt und Sportschuhen am Maryhouse in New York Eastvillage, genauer: im Bowery-Viertel, dessen schlechter Ruf nur allmählich trendigen Shops und überteuerten Lofts weicht. Joanne hält die Tür des rot getünchten Gebäudes auf und strahlt: „Herzlich willkommen!“ Das ist ihr Job: Menschen im Maryhouse empfangen. Sie macht das in Vollzeit, von morgens bis abends, jeden Tag – aber ohne Bezahlung. Dafür hat sie ihr Jura-Studium geschmissen, doch davon später.

 

Keine Sozialstation, sondern ein Haus mit offenen Türen

Rund 40 obdachlose Frauen kommen jeden Tag in die Suppenküche, um die 20 können hier für einige Zeit wohnen. „Viele haben keine ordentlichen Papiere“, erzählt Joanne, „dafür umso mehr Probleme, auch psychische“. Das Maryhouse ist keine Sozialstation, kein Beratungsbüro. Es ist einfach ein Haus mit offenen Türen, zum Essen, zum Reden, zur Begegnung, für eine Dusche, für Klamotten aus der Kleiderkammer – „kurzum“, sagt Joanne, „ein Ort der Würde“.

Ein kleiner, großer Ort mit einem Bruder ein paar Straßen weiter: das Josephhouse für 120 obdachlose Männer. Joanne erzählt, 56 000 Menschen in New York hätten kein Dach überm Kopf, Tendenz steigend und zunehmend ganze Familien, „aber sehen werden Sie als Tourist kaum einen, weil die Polizei sie von den prominentesten Plätzen der Stadt fernhält. Betteln ist verboten. Wer sich nicht dran hält, riskiert eine Geldbuße.“

Joanne, 45 Jahre alt, verheiratet, zweifache Mutter, gehört wie das Mary- und das Josephhouse zu den „Catholic Workers“. Kein Verband mit Ämtern und Posten, sondern „viel anarchistischer“, sagt Joanne verschmitzt lächelnd – eine Bewegung mit 200 Stützpunkten weltweit, darunter auch Dortmund und Hamburg. Mit katholischen Wurzeln, aber mit Anhängern und Mitarbeitern aller Konfessionen, Religionen, Weltanschauungen. Bibelrunden und Eucharistiefeiern finden regelmäßig im Gemeinschaftsraum des Maryhouses statt. Doch Joanne erklärt: „Als Catholic Worker geht es uns nicht als Erstes ums Katholischsein, sondern ums Arbeiten am Reich Gottes, um den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Man muss als Erstes mitessen mit unseren Gästen, nicht mitbeten.“

 

Die Gründerin ging krumme Wege, auch persönlich

 

Rund um den "Time Square" ist New York City so,
wie man sich die größte Stadt der USA vorstellt:
Wolkenkratzer, Werbung, gelbe Taxis. Obdachlose
werden von diesen touristischen Plätzen ferngehalten.
Foto: M. Nolte

Gewissermaßen „Vorarbeiterin“ war eine Frau namens Dorothy Day, 1897 als Tochter eines anglikanischen Ehepaars in New York geboren. Der Vater arbeitete als Sport­reporter, sie selbst wurde ebenfalls Journalistin, war Sozialistin, Kommunistin. Mit 20 Jahren kam sie zum ersten Mal ins Gefängnis, weil sie den Kampf für das Frauenwahlrecht unterstützt hatte. Sie zog mit einem Mann zusammen, wurde schwanger. Ihm zuliebe ließ sie das Kind abtreiben – er verließ sie trotzdem.

 

Dorothy Day heiratete einen wesentlich älteren Mann, schon nach einem Jahr wurde die Ehe geschieden. Als sie mit ihrem dritten Mann Forster Batterham ein Kind bekam, obwohl Ärzte eine Schwangerschaft ausgeschlossen hatten, führte sie dieses große Glück zur katholischen Kirche.
1928 konvertierte sie. Ihr Lebensgefährte, ein bekannter Anarchist, lehnte diesen Weg entschieden ab und trennte sich von ihr. Es folgten einsame Jahre als alleinerziehende Mutter mit wechselnden Jobs in New York, Hollywood und Mexiko.

Mit dem ehemaligen Ordensmann Peter Maurin gründete sie 1933 die Zeitung „The Catholic Worker“. Darin prangerten sie die sozialen Ungerechtigkeiten der Weltwirtschaftskrise in den 1930er an. Sie schrieben radikal – und biblisch begründet. Bewusst auf die Praxis urchristlicher Gastfreundschaft aufbauend, mieteten sie ab 1934 Wohnungen, später Häuser, um notleidende Menschen aufzunehmen.

Aus dem Blatt wurde eine Bewegung, ein Abo der Zeitung begründet bis heute die Zugehörigkeit und bringt Geld. Auf eigenen Farmen auf dem Land bauen sie das an, was sie in den Suppenküchen brauchen. Aus tiefem Glauben entwickelte Dorothy Day eine enge Verbundenheit mit Christus – und daraus eine kompromisslos gewaltfreie Haltung. Mehrfach wanderte sie dafür ins Gefängnis, zuletzt mit 75 Jahren, als sie sich für Farmarbeiter in Kalifornien einsetzte.

Zurück zu Joanne ins Maryhouse. „Weil die Catholic Workers von einem ungerechten, Krieg führenden System keine Unterstützung wollen“, erzählt sie, „verzichten wir auf die Anerkennung als wohltätige Organisation, obwohl wir durch die Steuernachlässe mehr Menschen helfen könnten“.
Joanne hat sich selbst für ein Leben in Armut entschieden. Schon vor ihrem Jura-Studium in Kansas City hatte sie die Catholic Workers in Los Angeles kennen gelernt, hatte bei ihnen auch den Mann fürs Leben gefunden. Bei einer der Hausmessen sprang ihr das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ins Ohr und wollte da nicht wieder hinaus. Als später eine Prostituierte zu ihr sagte: „Was sehne ich mich nach einem Leben wie dem deinen!“, da wusste sie: „Hier stimmt was nicht!“

 

„In Armut zu leben ist meine Berufung“

 

Joanne (3.v.l.) und weitere "Catholic Workers"
im Maryhouse von New York City. Foto: M. Nolte

Natürlich sei ihr die Liebe zu ihren Kindern und ihrem Mann heilig, sagt Joanne, „aber als Catholic Worker und in freiwilliger Armut zu leben – das ist meine Berufung“. Sie brach ihr Studium ab. Seitdem ist sie dabei, wohnte zeitweise mit ihrer Familie im Maryhouse. „Natürlich habe ich das große Glück, dass mein Mann arbeitet und unsere Kinder abgesichert sind.“ Sie selber aber verdient nichts.

Dorothy Day war davon angetrieben, Nächstenliebe nicht um der Nächstenliebe willen zu tun oder „weil uns diese Leute an Christus erinnern. Sondern weil sie Christus sind, der uns bittet, Raum für ihn zu finden.“ Für Joanne ist darum klar: „Jede Gemeinde sollte ihren Christus-Raum haben, sollte jeden als Christus empfangen.“ Dorothy Day starb 1980 in New York. Im Jahr 2000 wurde ihr Seligsprechungsprozess eröffnet.

 

Von Markus Nolte