03.01.2012

Kommentar

Hohle Schönrednerei

Von Daniel Gerber

Das sind gute Zahlen. Natürlich. Wer wollte das verneinen. 41,04 Millionen Menschen in Deutschland sind 2011 erwerbstätig gewesen. 540 000 mehr als 2010. Seit der Wiedervereinigung war die Arbeitslosenquote noch nie so niedrig wie in diesem Jahr. Trotz Euro-Schuldenkrise, trotz Konjunktureintrübung. Das darf, nein, das muss auch die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache erwähnen. Mit solchen Zahlen darf sich auch eine Arbeitsministerin schmücken.

Aber, und dieses kleine Wort „aber“ sollte an dieser Stelle in dicken großen Buchstaben daherkommen. In fetten Lettern, die sagen: Ja, diese schönen Zahlen, die so gut zum Beginn eines neuen Jahres passen, sind nur der eine Teil der Wahrheit. Das sind Zahlen, die nur genannt werden sollten, wenn im selben Atemzug auch vom anderen Teil der Wahrheit gesprochen wird. Diese dunkle Seite ist die Realität der Minijobber. In der Statistik werden sie als Erwerbstätige mitgezählt (übrigens ebenso wie die Ein-Euro-Jobber), aber von ihrer Hände Arbeit, ihren Hungerlöhnen können sie ohne staatliche Zuzahlungen nicht leben. Es ist auch die Realität der Leih- und Zeitarbeiter. Was von der Politik als wirtschaftliches Instrument für Krisenzeiten gedacht war, ist für viele Unternehmen zum Ausbeutungsinstrument verkommen. Gleiche Arbeit, deutlich weniger Gehalt und über einem immer, ständig das Damoklesschwert der Kündigung.

Diese Zahlen erzählen auch nichts von den Schicksalen der Menschen, die über 58 Jahre alt sind, schon seit mehr als einem Jahr Hartz IV erhalten und auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis stehen. Ausrangiert. Wahrscheinlich wurden diese älteren Menschen auch deshalb gar nicht mehr in der Statistik erfasst.

Dieser dunkle Teil der Wahrheit besteht dabei nicht aus einigen Tausenden Betroffenen. Es sind Hunderttausende. Hunderttausende für die diese vermeintlich guten Zahlen wie Hohn klingen müssen. Wie Hohn, wenn das Gehalt nicht reicht, um einmal im Monat ins Kino zu gehen. Wie Hohn bei denen, die nicht in den Supermarkt sondern in den Tafelladen gehen. Bei denen, bei denen es trotz Arbeit für nichts reicht.

Die Mittelschicht verabschiedet sich, die Kluft zwischen Arm und Reich wird auch in Deutschland immer größer. Eine OECD- Studie brachte dafür im Dezember die ernüchternden Zahlen. Der Jubel über die niedrige Arbeitslosenquote ist berechtigt, aber er wird zur hohlen Schönrednerei, wenn der andere Teil der Realität von den Politikern verschwiegen wird.