30.05.2014

Inwiefern hat Thomas von Aquin Aristoteles „getauft“?

In einem Aufsatz las ich einmal, Thomas von Aquin habe die heidnische, vorchristliche Philosophie des Aristoteles für die Kirche fruchtbar gemacht, sozusagen „getauft“. Was ist damit gemeint?
M. G., Hannover

Der Satz fasst eine Glanzleistung euopäischer Geistesgeschichte zusammen. Oder – anders formuliert – eine verspätete Aufholjagd der westlichen Theologie. Der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225–1274) war einer der ersten Westeuropäer, der die Philosophie des Aristoteles (384–322 v. Chr.) wiederentdeckte und ins christliche Denken integrierte. Aristoteles war neben Platon (428–348 v. Chr.) der einflussreichste Philosoph der Antike.

Ab dem 3. Jahrhundert war die wachsende Christenheit zerstritten im Umgang mit den alten, nichtchristlichen Philosophen: War ihr Denken gottlos oder steckte auch darin Wahrheit? Einerseits befassten sich Theologen und Bischöfe intensiv mit Platon, Aristoteles & Co und suchten deren Denken in Einklang zu bringen mit der christlichen Offenbarung, sie – salopp gesprochen – „zu taufen“. 

Andererseits gingen ganze Bibliotheken antiker Philosophen und Schriftsteller in Flammen auf, angezündet von fanatischen christlichen Fundamentalisten. Während nun das Denken Platons durch neuplatonische Philosophen und auch christliche Theologen aufgegriffen und weitergegeben wurde, geriet Aristoteles in Vergessenheit.

Jahrhunderte später entdeckten aufgeschlossene islamische Gelehrte Aristoteles‘ Schriften. Bis zum 10. Jahrhundert übersetzten sie die Texte komplett ins Arabische und machten sie für ihr Denken fruchtbar. Über diese arabischen Gelehrten gelangte nun – nach 1500 Jahren – das Denken des Aristoteles nach Westeuropa. Dessen Denker brannten damals darauf, die Welt rational zu erfassen. Dafür schienen zum Beispiel Aristoteles’ Denkkategorien wie Materie und Form, Möglichkeit und Handlung, Wesen und Äußerlichkeit geeignet.

Auch Thomas von Aquin, einer der intellektuellen Superstars Westeuropas, studierte Aristoteles und versuchte, mit dessen Logik die christliche Glaubenswahrheit und das Verständnis der Welt begrifflich, systematisch und argumentativ zu klären, etwa: Was kann der Mensch durch seine Vernunft erkennen, was ist ihm geoffenbart? Wie verhält sich die Welt zu Gott? Bekannt ist der Versuch, das Geheimnis der Eucharistie denkerisch zu begreifen mit der sogenannten Transsubstantiationslehre: Die innere wesenhafte Bedeutung des Brotes (Substanz) wandelt sich in Jesu Leib, während die äußere Form (Akzidens) gleich bleibt.

Roland Juchem