27.06.2014

Jahresserie Ü 50 – mittendrin! (6) - Oma und Opa werden

Junge Omas

Woran denken Sie, wenn Sie an Ihre eigene Großmutter denken? Wie ist es für Sie, Großmutter zu sein? Welche Erfahrungen in diesem Lebensabschnitt möchten Sie nicht missen? Beim „Omacafé“ der Kirchenzeitung gaben Anneli Baum-Resch und Gabriele Vonderheit-Schwüppe Auskunft. Von Ruth Lehnen.

Zwei Omas beim Omacafe Foto: Marie Eickhoff
Meine Enkel – ein Lieblingsthema von Großmüttern. Auch beim „Omacafé“
wurden Fotos gezeigt. Von links: Anneli Baum-Resch und Gabriele Vonderheit-
Schwüppe. Foto: Marie Eickhoff

Zwetschenkuchen, Streuselkuchen ...hmmm, im Backen waren die eigenen Großmütter Meisterinnen. Als Anneli Baum-Resch (64) und Gabriele Vonderheit-Schwüppe (61) Kinder waren, haben sie viel Zeit mit ihren Großmüttern verbracht. Großmütter gehörten in ihrer Kindheit zum Haushalt. Anneli Baum-Resch heißt nach ihren Großmüttern Anna-Elisabeth. „Die Anneli hat zwei Mütter“ sagte ihr Cousin – die Großmutter war Miterzieherin.  Gabriele Vonderheit-Schwüppe dagegen war ein „Opakind“. Der Opa hat mit ihr Scherze gemacht, sie auf sich rumklettern lassen, mit ihr, als sie in der Pubertät war,  Fernsehen geguckt, sogar  den „Beatclub“, der ihn sicher nicht interessiert hat.
Großeltern – prägend fürs Leben. Mittlerweile sind aus den kleinen Mädchen auf den winzigen schwarz-weißen Fotos selbst Großmütter geworden. Anneli Baum-Resch hat drei Enkel, zwei weitere werden erwartet; für Gabriele Vonderheit-Schwüppe ist die „Oma-Rolle“ noch neu, ihre Enkelin ist erst ein halbes Jahr alt.  Was unterscheidet sie von ihren eigenen Großmüttern?

„Wir stehen im Beruf, wir entscheiden selbst“

„Meine Omas hatten eine sehr begrenzte Welt“, stellt Baum-Resch fest. Die Großmütter früher waren oft nicht berufstätig, arbeiteten schwer, oft in Haus und Garten, waren mit 60 nicht so gesund, sahen ganz anders aus: „Früher durften Frauen ab 40 kein Rot mehr tragen“, erfahren wir verwundert, und heute: „Rot ist meine Lieblingsfarbe!“ sagt Gabriele Vonderheit-Schwüppe. „Wir stehen im Beruf, wir entscheiden selbst“, sagt Anneli Baum-Resch, die sich erinnert, dass das Kochen früher eine Hauptsache im Oma-Leben war: „Und dann nahm sie sich vom Fleisch das kleinste Stück.“ Der Zwang, unter dem Frauen damals gelebt haben, der Zwang, nicht aufzufallen, der ist geringer geworden. Haben heutige Omas, schick und bunt gekleidet, gut frisiert, das Alter besiegt? O nein, meint Anneli Baum-Resch: „Heutige Enkel finden ihre Oma auch alt!“ Und sie stellt nüchtern fest, wie es ist: Als Kind hatte sie noch drei Generationen vor sich, zwischen sich und dem großen Beender, dem Tod, und jetzt gehört sie zu der Generation, die am nächsten dran ist am Tod, „obwohl ich mich nicht so omahaft wahrnehme.“

Es ist ein Bewusstsein da beim „Omacafé“ der Kirchenzeitung, dass die Lebenszeit kostbar ist, dass gute Erfahrungen kostbar sind, dass die Zeit schnell vergeht.

Und dass die Zeit ein Geschenk bereithält, ein Riesengeschenk. Ein überwältigendes, überraschendes, ein belebendes und verjüngendes Geschenk: das Omasein. Wenn man die beiden Frauen so reden hört, muss es die reine Freude sein, Oma zu werden. Sie müssen nicht mehr die Erziehungsverantwortung tragen. Sie dürfen großzügig sein, ausgelassen. Sie dürfen warm und herzlich sein. Sie dürfen verwöhnen. Endlich ist die Zeit da oder sie nehmen sie sich, um Dinge mit den Augen ihrer Enkel zu sehen, mit Kinderaugen. Seifenblasen machen, in Phantasiespiele eintauchen, Geschichten erzählen, fasziniert Fortschritte beobachten, am Bett sitzen, den Schlaf bewachen. „So ungetrübte Liebe ist etwas Überwältigendes“, sagt Anneli Baum-Resch.

Omasein – A und O des Lebens? Nicht ganz, denn nicht immer wird die begeisterte Oma nur auf Begeisterung stoßen. Anneli Baum-Resch erinnert sich dann gern an die Lebensregeln, die der Theologe Karl Barth „für ältere Menschen im Verhältnis zu jüngeren“ in einem Brief an Carl Zuckmayer formuliert hat. Eine lautet: „Du sollst ihnen (den Jüngeren) ...weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit noch mit deiner Zuneigung, noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten.“
Den eigenen Kindern wollen die heutigen Omas nicht zu nahe treten. Die die ganze Erziehungsverantwortung, den ganzen Stress haben, die in Doppelrollen turnen, während die Oma die späte Freiheit genießt, ein wenig über die Stränge zu schlagen und die Dinge nicht so eng sehen zu müssen.

Großmütter – Garanten der religiösen Erziehung?

Häufig gelten Großmütter als Garanten der religiösen Erziehung. Sie, so die landläufige Meinung, verbindet noch etwas mit der Religion, sie kennen die Gebete und den kirchlichen Jahreslauf.
Bewusster als bei den eigenen Kindern ergreift Anneli Baum-Resch die Chance, mit den Enkeln ins religiöse Gespräch zu kommen. Und Gabriele Vonderheit-Schwüppe ist sich sicher, dass sie ihre Enkelin, die jetzt noch ein Säugling ist, „bestimmt mit in die Kirche nimmt“. Baum-Resch ist Expertin für altersgerechte Kinderbibeln, die sie gern mit ihren Enkelinnen anschaut. Aber wichtiger noch findet sie, den Enkeln ein grundlegendes Vertrauen ins Leben zu vermitteln. Sie sollen wissen, dass sie gewünscht und geliebt sind. Und dass ihre Oma gut zuhört, wenn etwas zu bereden ist, Krankheit zum Beispiel: „Der Gott ist ganz schön unfair!“ Den guten Moment erfassen, die spirituelle Erfahrung ins Spiel bringen: So beschreiben die Omas ihre Aufgabe als Christinnen. Sehr weit weg sind sie von der Angst- und Drohgebärde, die ihre eigene religiöse Erziehung noch stark geprägt hat. Liebe, Liebe, Liebe geben – das wird die Enkel befähigen, zu lieben.

„Das Kind lieben – das ist das Allerleichteste“, sagen beide Omas übereinstimmend. Aber: Je mehr Liebe in einem Leben ist, umso mehr Sorgen schleichen sich manchmal auch ein. Wenn die Enkel nicht gesund sind, sind die Großmütter mit im Boot, verletzlich und traurig. Wenn die Enkel weit weg wohnen, sind die Großmütter sehnsüchtig und traurig. Aber schlimmer als das alles, sind sich Baum-Resch und Vonderheit-Schwüppe einig, muss es sein, keine Enkel zu haben.

 

Zur Person: Großmütter

  • Anneli Baum-Resch ist 64 Jahre alt, Mutter von zwei Töchtern. Ihre Enkelinnen heißen Katharina, Charlotte und Henriette (7, 2 und 1 Jahr alt). Anneli Baum-Resch ist Referentin beim Institut für Lehrerfortbildung in Mainz.
  • Gabriele Vonderheit-Schwüppe ist 61 Jahre alt, Mutter eines Sohnes und einer Tochter, und hat eine Enkelin, Lotte, die ein halbes Jahr alt ist. Gabriele Vonderheit-Schwüppe ist Lehrerin an der IGS Anna Seghers in Mainz.