11.05.2016

Sachlich, einfühlsam, gründlich

Karl Lehmann – der Theologieprofessor

Wer ist Karl Lehmann? Unter anderem ganz Professor. 1968 begann er seine Laufbahn als Theologieprofessor in Mainz, später wurde er nach Freiburg berufen. Ulrich Ruh, bis 2014 Chefredakteur bei der Zeitschrift Herder Korrespondenz, hat bei Lehmann seinen Doktor gemacht.

Karl Lehmann als Professor Foto: kna-bild
Mit großer Sorgfalt verfasste Professor Karl Lehmann die Gutachten zu
Abschlussarbeiten seiner Prüflinge. Seine Seminare waren beliebt, vor seinem
Dienstzimmer reichten oft die Sitzplätze nicht aus.Foto: kna-bild

Ulrich Ruh schreibt über seinen früheren Professor:

„Karl Lehmann war nie nur einfach Theologieprofessor, sondern immer auch kirchenpolitischer Akteur in unterschiedlichen Rollen.
Gleichzeitig war er von 1968 bis 1983 aber ausgesprochen gern und mit erheblicher Breitenwirkung Theologieprofessor, erst drei Jahre an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Mainz, dann zwölf Jahre als Ordinarius für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Freiburger Theologischen Fakultät. Die Freiburger Zeit konnte ich zum größten Teil direkt miterleben.
Ich besuchte einige seiner Hauptseminare und schrieb bei ihm die Zulassungsarbeit; anschließend arbeitete ich als Wissenschaftlicher Assistent an seinem Lehrstuhl und verfasste dabei unter seiner Leitung meine theologische Dissertation.

Der damals noch junge Theologieprofessor Lehmann konnte sich über mangelnden studentischen Zuspruch nicht beklagen, ganz im Gegenteil: Die Seminare platzten vielfach aus allen Nähten, die Vorlesungen waren gut besetzt, als Prüfer war Karl Lehmann ebenso gefragt wie als Betreuer von Diplom- oder Zulassungsarbeiten. Entsprechend voll waren auch die angebotenen Sprechstunden; die Sitzgelegenheiten vor seinem Dienstzimmer reichten oft nicht aus. Die zahlreichen Prüflinge erlebten ihn als sachbezogenen und gleichzeitig einfühlsamen Examinator. Seine Gutachten zu Abschlussarbeiten hatten Hand und Fuß und waren mit großer Sorgfalt verfasst.  

Für die Lehre gab es im Fach Dogmatik klare Vorgaben. Karl Lehmann hatte klassische dogmatische „Traktate“ zu behandeln, also etwa Gotteslehre, Schöpfungslehre, Gnadenlehre oder Eschatologie. Dazu kam im Wechsel mit Kollegen die einführende Vorlesung zur „Theologischen Propädeutik“ für Studienanfänger. Außerdem bot der vielseitig interessierte und beschlagene Dogmatiker Lehmann auch Spezialvorlesungen an. Eine davon galt der seinerzeit in Deutschland noch wenig bekannten „Theologie der Befreiung“ (Karl Lehmann war gleichzeitig in der „Internationalen Theologenkommission“ mit diesem Thema beschäftigt), eine andere der Säkularisierungsproblematik, also dem so vielschichtigen wie strittigen Verhältnis von Christentum und Moderne. Auch die Geschichte der Ökumenischen Bewegung war Gegenstand einer Spezialvorlesung.

Karl Lehmanns dogmatische Hauptvorlesungen verzichteten ganz auf rhetorische Effekte; es dominierten vielmehr durchgehend enorme Gründlichkeit, gedankliche Genauigkeit und fast schon enzyklopädische Breite. Manchmal nahm der Stoff aus Exegese und Dogmengeschichte in seiner Differenziertheit so viel Vorlesungszeit in Anspruch, dass am Schluss des Semesters die gegenwartsbezogenen systematischen Perspektiven nur noch thesenartig abgehandelt werden konnten. Aber der aufgeschlossene Hörer konnte die jeweilige Vorlesung mit der Gewissheit verlassen, dass ihm das Thema auf der vollen Höhe des geschichtlichen und argumentativen Problemstands präsentiert worden war.

Lehmann schenkte den Seminarteilnehmern nichts
 

Dr. Ulrich Ruh Foto: Verlag Herder
Dr. Ulrich Ruh Foto: Verlag Herder

Karl Lehmann nahm sich gelegentlich aber auch die Zeit, in seiner Vorlesung aus aktuellem Anlass den Sachstand der Beratungen auf der Würzburger Synode darzustellen, bei der er bekanntlich eine wichtige Rolle spielte und deren Beschlüsse er mit herausgab.

Auch in seinen Seminaren schenkte Professor Lehmann den Teilnehmenden nichts. So befasste sich ein Hauptseminar zum Thema „Gott als Person“ im Verlauf eines einzigen Semesters mit den altkirchlichen Auseinandersetzungen über den trinitarischen Personbegriff, mit dem „Atheismusstreit“ im deutschen Idealismus und mit den personalistischen Ansätzen im Denken des 20. Jahrhunderts. Da kam man auch als gutwilliger und interessierter Studierender  schnell an seine Grenzen!

Insgesamt behandelten die Lehmann-Seminare teils mehr grundsätzliche, teils stärker aktualitätsbezogene Themen. Das Spektrum reichte von dem seinerzeit gerade erschienenen Buch „Der gekreuzigte Gott“ von Jürgen Moltmann mit seinen zugespitzten christologischen beziehungsweise trinitätstheo-logischen Thesen über eine Frage wie „Menschliches Wohl und christliches Heil“ bis zum Thema des „allgemeinen Pries-tertums“, das sehr breit und in den verschiedensten Aspekten angegangen wurde. Einzelne Seminare waren auch interdisziplinär angelegt, so eine Veranstaltung mit dem Psychologen Johannes Mischo über Besessenheit und Exorzismus.

Viel Zeit beanspruchte für den Dogmatikprofessor Lehmann die Betreuung der zahlreichen Doktoranden, einer bunten Mischung aus Weltpriestern, Ordensleuten und Laien, Frauen und Männern, In- und Ausländern. Bei Karl Lehmann war auch im Blick auf die bei ihm angefertigten Dissertationen oder Habilitationsschriften große thematische Breite angesagt, weit über dogmatische Fragen im engeren Sinn hinaus.

Viele durch seine Art des Theologietreibens geprägt

Während seiner Zeit als theo-logischer Lehrer an der Universität hat Karl Lehmann keine größeren Monographien veröffentlicht. Es gab durchaus entsprechende Überlegungen und Pläne, aber sie konnten angesichts einer so intensiven wie breit angelegten Lehrtätigkeit und der vielen außer-
universitären Verpflichtungen nicht verwirklicht werden. Es blieb bei kleineren Publikationen und zahlreichen Aufsätzen.

Besonders gewichtig ist der 1974 erschienene Aufsatzband „Gegenwart des Glaubens“, der durchweg wegweisende Arbeiten enthält, sei es zur Interkommunion, zu Kurzformeln des christlichen Glaubens oder zur dogmatischen Denkform als hermeneutischem Problem.
Karl Lehmann hat in seiner Tätigkeit als Professor in Mainz und besonders in Freiburg viele Frauen und Männer durch seine Art des Theologietreibens und auch durch seine Verbindung von Sachlichkeit und persönlichem Einsatz entscheidend geprägt; dafür sind sie ihm immer noch dankbar."

 

Hier geht's zum Dossier "In Gedenken an Kardinal Lehmann".

 

Glaube und Leben Extra TitelbildDieser Artikel ist entnommen aus einer Extra-Ausgabe, die "Glaube und Leben" zum 80. Geburtstag von Kardinal Lehmann veröffentlicht hat. Diese können Sie kostenlos hier herunterladen.