11.08.2015

Sommerserie (4): Auf der Insel Kühkopf

(K)ein Ruheplatz am Wasser

Wollen Sie einen Biergarten eröffnen? „Dann pflanzen Sie Walnussbäume. Die vertreiben die Mücken“, weiß Geopark-Ranger Lutz Lelgemann. Bei der Entdeckungstour auf der Altrheinarm-Insel Kühkopf können sogar „Landeier“ noch etwas über die Natur lernen. Von Anja Weiffen

Lutz Lelgemann auf der Insel Kühkopf, Foto: Anja Weiffen
Auf dem Kühkopf findet Ranger Lutz Lelgemann Ruhe. Zugleich ist er
fasziniert von der Dynamik der Altrhein-Insel. Fotos: Anja Weiffen

Kaum ist das letzte Haus außer Sicht, geht’s ins Gestrüpp. Lutz Lelgemann guckt auf die Schuhe: zeckendicht. Ein Trampelpfad ins Unbekannte. Was Spaziergänger auf dem geteerten Weg nebenan nicht ahnen: Nur wenige Meter hinter Büschen und Schilfgras tobt das Leben. Lutz Lelgemann ist Zoologe und Museums-
pädagoge. Für den Geopark Bergstraße/Odenwald arbeitet er als Ranger auf der Altrheinarm
-Insel Kühkopf. Hessens größtes Naturschutzgebiet mit einer Fläche von 2370 Hektar.

Eine Spur im Matsch: „Hier war ein Wildschwein.“

„Plitsch“ – Das war ein Frosch. Ein Tümpel verbirgt sich unter einer dicken Schicht grüner Wasserlinsen. Lutz Lelgemann hockt sich hin. Er zeigt in den Matsch vor sich. Dort ist ein keilförmiger Huf-Abdruck zu sehen. „Hier war ein Wildschwein“, sagt er und späht in das Wirrwarr von Zweigen und Gräsern. „Vielleicht ist es hier noch irgendwo.“ Ein kurzes Schaudern. Wildschweine – sind die nicht gefährlich?

Die Gefahr kommt von ganz anderer Seite. Mückenalarm. Weniges klingt so bedrohlich wie dieses „Ssssiiii“ um den Kopf. Es piekt. Aber viel weniger als befürchtet. Plötzlich saust eine Libelle vorbei. Das sind doch die Tiere, die rückwärts fliegen können. „Genau“, sagt Lutz Lelgemann. „Dafür können sie nicht laufen. Ihre Füße haben sich zu Fangkörben entwickelt“, erklärt er. Hier gibt es einige Tiere, die Mücken fressen. Zum Beispiel der Kleine Wasserfrosch, der gerade knapp einen Meter vor unseren Füßen entfernt im Schlamm sitzt. Auch Wildschweine mögen Insekten. Walnussbäume vertreiben Mücken übrigens durch den aromatischen Duft ihrer Blätter“, erklärt der Ranger.


So klingt es am Kühkopf


 

Alles altert: Auch Wasser

Kleiner Wasserfrosch auf der Insel Kühkopf, Foto: Anja Weiffen
Der „Kleine Wasserfrosch“ ist nicht nur im Tümpel zu sehen:
Ranger Lutz Lelgemann hat ihn in Buchform parat.

Der Tümpel ist randvoll mit Leben. Aber er kann irgendwann „umkippen“. Das heißt, es ist kein Sauerstoff mehr im Wasser und Leben ist kaum möglich. Dann sieht so ein Gewässer alt aus. Für den Ranger ist auch ein Tümpel eine Art Lebewesen. „Jede Wasserpfütze, jeder See, jeder Wald, alles altert“, sagt Lutz Lelgemann. Seen und Flussarme können verlanden und zu Mooren werden. Auch der Kühkopf hat sich aus einem alten Rheinarm zu einer Insel entwickelt. Für den Ranger bedeutet diese Insel Dynamik. „Das Wasser sucht sich hier immer neue Wege.“ Den Biologen fasziniert vor allem die „Stufe Null“, wenn aus einer simplen Kiesmulde Leben entsteht. „Wenn etwa Regenpfeifer zwischen Kieselsteinen ihre Eier legen.“

Zeilen von Johann Wolfgang von Goethe kommen einem in den Sinn: „Und so lang du das nicht hast, dieses: Stirb und Werde.“ Das war dem Dichter wohl schon klar, dass Leben ohne Veränderung nicht erstrebenswert ist, als er weiterschrieb: „Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“
Auf der Erde, mitten auf dem Weg liegt eine plattgefahrene Erdkröte, wie ein Schatten ihrer selbst. Nach dem Besuch des Tümpels führt die Tour nun durch lichten Laubwald. Immer wieder liegt „Totholz“ herum, „das so tot ist, dass es schon wieder lebendig wird“, sagt Lutz Lelgemann. Niemand räumt es weg, stattdessen siedeln sich dort Tiere an. „Hier darf alles einfach sein. Eine Außnahme gibt’s, wenn ein Baum auf den Weg fällt.“ Der wird weggeräumt. „Bis zu 400 Tierarten können übrigens auf einem Baum leben.“ Lelgemann ist überzeugt: „Viele Tiere mögen es eher unordentlich. Unsere Ordnungsliebe, unser heutiges ästhetisches Bewusstsein – zumindest in Deutschland – passt nicht zum Chaos und zur Vielfalt der Natur.“

„Die Natur ist kein Entweder-oder“

Sommerserie 2015: Wasser marsch!
In der vierten Folge der Sommerserie geht es auf die Insel:
Auf die Altrheinarm-Insel Kühkopf.

Jetzt wird Lutz Lelgemann philosophisch. „Ein Dualismus, wie ihn einige Religionen pflegen, ist mir in meiner Arbeit als Biologe nie untergekommen“, sagt der 46-jährige gebürtige Mannheimer. Er sei Katholik, erwähnt er. Früher wollte er mal Philosophie studieren. „Die Natur ist nicht schwarz-weiß, kein Entweder-oder.“ Vielmehr sei alles miteinander verwoben.

Der Wald lichtet sich. Apfelbäume säumen den Weg. Der Blick schweift über Wiesen. Früher wurde auf dem Kühkopf Erdöl abgebaut. Ein alter Förderturm zeugt noch davon. Heute nutzen Radfahrer und Jogger die weitverzweigten Wege im Naturschutzgebiet. Ein Gasthaus ist in Sicht. „Nichts wird mir fehlen“, heißt es doch im Psalm 23 über die grünen Auen und den Ruheplatz am Wasser. Hoffentlich ist es ein Gasthaus mit Walnussbäumen – gegen die Mücken.