19.03.2014

Sollen Christen Organe spenden, oder nicht?

Keine Pflicht, kein Recht – ein Geschenk

Johannes Reiter ist Moraltheologe und hat an dem Papier der Deutschen Bischofskonferenz zu Organtransplantationen mitgearbeitet. Fragen an den emeritierten Mainzer Universitätsprofessor.

Johannes Reiter
Professor Johannes
Reiter Foto: Archiv

Frage: Wie lautet die Position der Kirche zur Organspende?

Reiter: „Die Organspende nach dem Tod ist eine edle und verdienstvolle Tat, sie soll als Ausdruck großherziger Solidarität gefördert werden.“ So steht es im Katechismus der katholischen Kirche (Nr. 2296).

Es gibt ein Papier der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) von 1990 zum Thema. Was hat sich seitdem in den ethischen Diskussionen getan?

Die dort getroffenen ethischen Aussagen sind nach wie vor gültig. Ein Kernsatz des Papiers lautet: „Aus christlicher Sicht gibt es keinen grundsätzlichen Einwand gegen eine freiwillige Organspende. Bedenken ergeben sich nur aus der Möglichkeit des Missbrauchs, zum Beispiel Organhandel.“

Wenn das Sterben ein Prozess ist, der auch nach dem diagnostizierten Tod noch andauert, ist eine Organtransplantation nicht ein massiver Eingriff in diesen Prozess?

Das Sterben ist ein Prozess, an dessen Ende der Tod steht. Bevor eine Organentnahme vorgenommen wird, muss der Tod des Organspenders definitiv feststehen, ansonsten wäre die Organentnahme eine strafbare Tötungshandlung.

Wenn man vom „Tod als Prozess“ spricht, meint man damit den Tod des Organismus bis zur letzten Zelle, dieser Prozess kann Tage dauern und die Verwesung hat längst eingesetzt. Davon zu unterscheiden ist der „Tod als Ereignis“, damit ist der Zerfall der Einheit und Ganzheit des Organismus gemeint, theologisch und philosophisch gesprochen, die Trennung von Leib und Seele. Dies ist, nach allem, was wir heute wissen, mit dem Hirntod, also dem endgültigen Ausfall von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm, der Fall. Das Gehirn steuert nämlich alle Funktionen des menschlichen Körpers und integriert sie zu einem Ganzen. Daher gilt der Hirntod auch als Entnahme-Kriterium für die Organe.

Organspende-Ausweis
So sieht er aus, der Organspendeausweis. Er passt in jedes Portmonnaie,
und Sie können ihn sogar selbst ausdrucken. Und zwar hier.
Foto: Marie Eickhoff

Eine kleine Minderheit von Wissenschaftlern erkennt allerdings das Hirntodkriterium nicht an. Ein isolierter Untergang nur eines Organs, sei es auch des Gehirns, so argumentieren sie, reiche nicht als Kriterium für den Tod des gesamten Menschen aus. Dagegen spricht, dass das Hirntodkriterium medizinisch und ethisch gut begründet ist. Ich meine daher, solange es kein verlässlicheres Todeskriterium als das des Hirntodes gibt, gilt es daran festzuhalten.

Warum haben Menschen so ein Unbehagen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und gar eine Entscheidung zu treffen?

Grundsätzlich haben Menschen Angst, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Manche haben auch Angst davor, dass sie als Organspender von den Medizinern vorschnell aufgegeben werden, obwohl es möglicherweise noch Chancen zur Rettung gäbe.

Manche haben auch Angst davor, dass sie bei der Organentnahme irgendetwas mitbekommen oder im Sterbeprozess gestört werden. Solche Ängste sind unbegründet, denn mit dem Hirntod ist das irdische Leben eines Menschen unumkehrbar zu Ende. Eine Rückkehr ins Leben ist nicht mehr möglich. Ein hirntoter Mensch kann nie mehr etwas wahrnehmen, verarbeiten, beantworten, nie mehr eine Gefühlsregung empfinden und zeigen.

Wie können Christen ihre Entscheidung rechtfertigen, wenn sie sich gegen einen Organspendeausweis entscheiden?

Wer seine Organe nicht spendet, ist kein schlechter Mensch oder schlechter Christ. Eine Pflicht zur Organspende gibt es genauso wenig wie ein Recht auf ein Spenderorgan. Bei der Organspende handelt es sich um ein Geschenk, und von daher besteht kein moralischer Zwang zur Spende.

Auch ist das Gebot der Nächstenliebe kein moralischer Zeigefinger, der mich zu einem bestimmten Verhalten ermahnen oder gar zwingen will. Die Nächstenliebe ist kreativ, sie kann sich in unterschiedlichen Formen zeigen. Es gibt persönliche Gründe und Lebenssituationen, in denen man sich nicht entscheiden kann, obwohl man sich viele Gedanken macht. Man kann sagen: Jemand handelt ethisch verantwortlich, wenn er sich mit dem Thema auseinandersetzt, das gilt auch, wenn er sich dabei für ein Nein entscheidet.

Was sind Argumente für einen Organspendeausweis?

Wer einen Organspende-Ausweis ausfüllt, drückt dadurch in der Regel aus, dass er nach seinem Tod ein oder mehrere Organe spenden möchte. Der Statistik nach stirbt in Deutschland alle acht Stunden ein Mensch, den ein Spenderorgan hätte retten können. Durch Organspenden können also in vielen Fällen Leben gerettet, Leiden gemindert und Beeinträchtigungen verbessert werden. Christen sehen in der Organspende auch einen Akt gelebter Nächstenliebe und Solidarität.

Interview: Anja Weiffen

Das DBK-Papier unter: www.dbk.de, Veröffentlichungen, Gemeinsame Texte Nr. 1