06.07.2016

Wie Menschen an Filmen reifen können

Kino für die Seele

Lieben Sie Filme? Mit Tiefgang, Drama, Humor, Emotionen? Durch Filme-Gucken können Sie Ihre Persönlichkeit entwickeln. Das schätzt die katholische Erwachsenenbildung im Bistum und nutzt das Medium für ihre Arbeit.  Von Anja Weiffen

 

 

 

 

 

 

 

 

Filme               Foto: Anja Weiffen
Ausgewählte Filme mit Niveau kommen bei den „Jakobsberger Filmsonntagen“
zum Einsatz.                                                                            Foto: Anja Weiffen

Im Saal geht das Licht aus. Über die Leinwand flimmern die ersten Bilder, die Titelmelodie erklingt und los geht’s – eintauchen in die Filmwelt.

Doch der „Kinosaal“ befindet sich nicht im Kino, sondern in einem Kloster. Auf dem Jakobsberg bei Ockenheim. Dort veranstaltet das katholische Bildungswerk Rheinhessen zusammen mit den Missionsbenediktinern und der Betriebsseelsorge regelmäßig die „Jakobsberger Filmsonntage“.

Sein Leben sortieren, ohne es offenlegen zu müssen

Das Medium Film hält Annette Reithmeier-Schmitt für ein ideales Mittel, um in der heutigen Zeit mit Menschen über ihren Glauben, über Religion und gesellschaftspolitische Themen zu sprechen. „Filme sind bewusst inszeniert, sie sind nah dran an der Gefühlswelt der Menschen“, erklärt die Pädagogische Leiterin des Katholischen Bildungswerks Rheinhessen. „Die Zuschauer identifizieren sich mit einer Rolle, werden mit Themen konfrontiert, von Gefühlen berührt. Anders als bei einem klassischen Vortrag sind die Zuschauer schnell mitten im Gesprächsstoff.“
Statt Popcorn wie im Kino gibt es beim Jakobsberger Filmsonntag nach dem Film einen Imbiss. Statt Film-Konsum ein Kontrastprogramm: Film gucken – plus gemeinschaftliches Nachdenken über das Gesehene und Gehörte. Dazu trägt eine Einführung bei sowie der lockere Austausch in der Pause und eine Diskussionsrunde.

Die Filme sind gut gewählt, die Genres genauso wie die Themen vielfältig: von der Literaturverfilmung über Dokumentarfilme bis zum niveauvollen Kinostreifen.
„Der Zuschauer oder die Zuschauerin kann sich fragen: Was hätte ich anstelle der Protagonistin getan? Welche Meinung habe ich dazu? Sie können so innerlich ihr Leben sortieren, brauchen aber nichts aus ihrem Leben offenzulegen“, erläutert Reithmeier-Schmitt. So entstehe im Menschen ein Wachstums- und Reifungsprozess. „Und jeder Zuschauer kann entscheiden, inwieweit er an der Gesprächsrunde teilnimmt.“

Die Organisatoren lassen die Zuschauer mit ihrer Entwicklungsarbeit jedoch nicht allein. Annette Reithmeier-Schmitt sowie auch Pater Rochus Wiedemann von den Missionsbenediktinern und Hans-Georg Orthlauf-Blooß von der katholischen Betriebsseelsorge bereiten die Filmsonntage genauestens vor. Sie schauen sich die Filme vorher an, damit sie auf die Besonderheiten hinweisen können. Aber auch damit sie wissen, was auf sie und die Zuschauer zukommt und sie „Dynamiken, die sich im Gespräch entwickeln können“ im Blick behalten können.

Kultur und Bildungsarbeit an einem „Kraftort“

Bei den Zuschauern kommt das Format gut an, vor allem auch durch den Veranstaltungsort, das Kloster Jakobsberg. Vor dem Film den Gottesdienst besuchen, spazierengehen oder den herrlichen Blick auf die Weinberge genießen – dass die Veranstaltung an so einem „Kraftort“ stattfindet, wie Annette Reithmeier-Schmitt den Jakobsberg bezeichnet, wissen die Teilnehmer zu schätzen.
„Für unser Kloster sind die Filmsonntage zudem eine Möglichkeit, Menschen nicht nur durch gebuchte Kurse, sondern auch spontan in unserem Haus zu Gast zu haben“, sagt Pater Rochus Wiedemann von den Missionsbenediktinern. „Wir Benediktiner verstehen uns als Kulturträger.“ Bildungsarbeit haben sich die Ordensleute auf dem Jakobsberg zur Aufgabe gemacht, aber nicht nur durch Meditation oder Bibelarbeit, gerne auch durch Zeitgemäßes wie eben die Filmsonntage.
Für ihren 40. Film am Sonntag erwarten Annette Reithmeier-Schmitt und Pater Rochus Wiedemann ihr treues Publikum – auch wenn sie mit dem Finale der Fußball-Europameisterschaft ein prominentes Konkurrenzprogramm haben.