12.02.2013

Pater Wilhelm Sytko ist Gefängnisseelsorger in Frankfurt

Klartext in der JVA

Muskulöser Oberkörper, kurzgeschorenes Haar, klare Ansage. Pater Wilhelm Sytko genießt Respekt und Vertrauen als Gefängnisseelsorger. Mal verteilt er Tabak, mal die Bibel, Rosenkränze und Ikonen. Die Sehnsucht nach Religiösem ist groß hinter Gittern.
Von Nicolas Schnall.

Stählerne Stabgitter vor den Scheiben versperren die Sicht, das Blatt der Grünpflanze auf der Fensterbank hängt braun und welk nach unten, von Kaffeeduft geschwängerte Luft. In einem rund neun Quadratmeter großen Büro arbeitet der katholische Gefängnisseelsorger Pater Wilhelm Sytko, im Haus 5 der Justizvollzugsanstalt JVA IV im Frankfurter Stadtteil Preungesheim. Sytko hat die verschiedensten Bilder an der Wand: Papst Johannes Paul II., ein Drei-Monatskalender, eine Marien-Ikone, ein Hungertuch und die Bundesliga-Stecktabelle.

Wilhelm Sytko
„In den Worten Jesu über Sünde und Schuld, Vergebung und
Versöhnung, Erbarmen und Erlösung liegt ein direkter Auftrag für die
Kirche“, sagt Pallottinerpater Wilhelm Sytko. Foto: Nicolas Schnall

„Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mitgefangen.“ Hebräer 13,3

Er ist nicht nur „Gefangenenseelsorger“, sondern „Gefängnisseelsorger“, fühlt sich auch für die Angestellten zuständig. Dabei geht es sowohl um private und persönliche Lebensprobleme als auch um Rat und Hilfe im Job. „Ich sehe mich nicht ausschließlich als Ratgeber, sondern mache mich gemeinsam mit denjenigen, die zu mir kommen, auf die Suche nach konkreten praktischen Lösungen“, erläutert er seine Tätigkeit.

Die weiß auch Anstaltsleiter Uwe Röhrig zu schätzen, der mit der Arbeit des Gefängnisseelsorgers mehr als zufrieden ist. „Unser Pater ist als Seelsorger anerkannt für das, was er tut“. Er sei weit mehr als ein besserer „Tabak- Verteiler“ mit Beichtgeheimnis. Das ist eine Anspielung auf die Möglichkeit der Gefangenen, ihre Konsumgüter auch über den Seelsorger zu beziehen.

Durch Grundgesetz, Strafvollzugsgesetz und Konkordat ist der Seelsorger mit einem Sonderstatus ausgestattet und wird so häufig zum wichtigen Ansprechpartner für die Gefangenen. Ein Grund dafür liegt für den Pallottiner Wilhelm Sytko auf der Hand: „Was hier besprochen wird, verlässt diesen Raum nicht.“

Viele Zettel mit Anliegen stapeln sich auf dem Schreibtisch des Gefängnisseelsorgers. Laut Pater Sytko so verschieden wie die Menschen, die sie verfasst haben. Sie stammen aus der Feder eines Arztes oder Sozialhilfe-Empfängers, eines Betrügers, Suchtkranken oder Mörders, eines jungen Erwachsenen im offenen Vollzug oder Vorruheständlers im geschlossenen. Vom Wunsch nach Tabak und Kaffee bis zu dem nach sakramentaler Beichte ist alles dabei.

„Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“ Lukas 25,20.45

Zumeist geht die Kontaktaufnahme vom Gefangenen aus. Die Gespräche fi nden mal im Büro statt, mal auf dem Gang oder im Vorübergehen auf dem Hof. Die Antworten, die der Pater seinen Gesprächspartnern gibt, sind auf jede einzelne Person zugeschnitten. Sprüche würde dem 40- Jährigen an diesem Ort niemand abnehmen.

Sytko ist mit seiner Familie kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs aus Polen gefl üchtet und nach Schule und Militärdienst in das Noviziat der Pallottiner eingetreten. Zur Gefängnisseelsorge kam er eher zufällig. „Die Stelle war frei, der Limburger Bischof suchte einen Priester, der Provinzial fragte mich und ich sagte gerne zu“, so der ehemalige Kaplan in Friedberg und Jugendseelsorger in Olpe.

Die wichtigste Quelle für seine tägliche Arbeit als Seelsorger ist für ihn die Heilige Schrift: „In den Worten Jesu über Sünde und Schuld, Vergebung und Versöhnung, Erbarmen und Erlösung liegt ein direkter Auftrag für die Kirche.“ Daraus ziehe er nicht nur wertvolle Anregungen für seine Predigten und Einzelgespräche, sondern er leiht die Bibel auch an die Häftlinge aus, die „sehr viel darin lesen“. Bei den Gefangenen stehen auch Rosenkränze („nur reißfest dürfen sie nicht sein“), Madonnenstatuen, Ikonen und Kreuze hoch im Kurs. „Die Sehnsucht nach Religiösem ist groß – selbst bei Männern“, stellt der gebürtige Danziger fest.

Mit seinem muskulösen Oberkörper und den kurzgeschorenen Haaren hat Pater Sytko auf den ersten Blick Ähnlichkeit mit manchem Mitglied seiner Gemeinde. „Hier wird immer wieder Klartext gesprochen und nichts schöngeredet“, lobt er das offene Klima im Umgang miteinander. Das gilt für ihn im Einzelgespräch ebenso wie in den gottesdienstlichen Formen innerhalb des Strafvollzugs. Regelmäßig feiert der Gefängnisseelsorger Gottesdienste in der JVA IV und in den beiden benachbarten Justizvollzugsanstalten für Frauen und Häftlinge in Untersuchungs- und Abschiebehaft.

„Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen.“ Lukas, 5,32

Den richtigen Ton treffen, im Gefangenen den Menschen sehen, sich gegenseitig vertrauen: Verhaltensweisen, die nicht nur über die Atmosphäre in der Haftsituation von heute entscheiden, sondern auch für den heiligen Vinzenz Pallotti bei seinen Gefängnisbesuchen wichtig waren. Gelebte Barmherzigkeit ist es, die Pallottinerpater Wilhelm leben will, wie sein Vorbild Pallotti vor mehr als 160 Jahren.

 

Zur Sache:

Die Pallottiner feiern gerade den 50. Jahrestag der Heiligsprechung ihres Gründers Vinzenz Pallotti. Mehr dazu im Internet: http://www.heute-heilig.de