03.02.2017

Kommentar zum Thema Inklusion an Schulen

Mehr Vielfalt und Mut zu Schwächen

Immer mehr Kinder mit Behinderung gehen auf die Regelschule. Immer mehr Kinder besuchen aber auch die Förderschule. Wie kann das sein? Von Sara Mierzwa.

Eltern, Lehrer und Mediziner schauen heutzutage viel öfter auf die Schwächen statt auf die Stärken der Kinder. Der Konkurrenzdruck beginnt schon im frühen Kindesalter. Hier sagt das Kind zu wenig Wörter: Ergotherapie. Dort krabbelt ein Kind zu spät: Physiotherapie. Mal ist ein Kind unruhig: Medikamente. Dann wieder zu ruhig: Verhaltenstherapie. Zeit für Entwicklung ist für viele zu einem Fremdwort geworden. Entwicklung steht für den individuellen körperlichen und seelischen Werdegang eines Menschen – und der ist unterschiedlich. Überbesorgte Eltern und genervte Lehrer versuchen die Kinder an Normen zu messen, die Ratgeber und Ärzte vorgeben.

Sara Mierzwa Foto: Julia Hoffmann
Sara Mierzwa      Foto: Julia Hoffmann

Ein weiterer Grund für das Phänomen „verhaltensauffällige Kinder“: Wenn ein Kind als förderbedürftig gilt, bekommt es zusätzliche Sonderpädagogen-Stunden. Das heißt, an den Schulen gibt es dann mehr Gelder für Lehrer, und die Therapiestunden bezahlt die Krankenkasse. Besser wäre es, unser Schulsystem wäre gut finanziert und mit genug Lehrern ausgestattet, die nach den unterschiedlichen Bedürfnissen aller Kinder in der Klasse schauen können. Menschlicher wäre es, wir würden mehr Vielfalt und Schwächen zulassen und nicht uns selbst und andere Menschen im Konkurrenzkampf zu immer mehr Perfektion anstacheln. Wenn alle Klassen offen wären, dann könnten Kinder mit Behinderung und ohne Behinderung gemeinsam lernen. Wenn alle Menschen mit ihren Stärken und Schwächen respektiert würden, dann wäre unsere Gesellschaft vielfältiger und verständnisvoller. Wenn es genug Lehrer gäbe, dann wäre inklusiver Unterricht nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Realität.
 

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