07.02.2015

Kommentar

Krank an der Seele

Von Hubertus Büker

Manche Experten behaupten, es sei eine gute Nachricht, dass immer mehr Arbeitnehmer wegen chronischer Depressionen krankgeschrieben und immer mehr Antidepressiva verordnet werden. Das zeige nämlich, dass man diese Krankheit endlich gebührend ernst nehme.

Spontan fällt es freilich schwer, die gute Nachricht zu erkennen. Wenn Depressionen über 30 Millionen Fehltage verursachen und – nach Erkältungen! – der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen sind, wirkt das erst einmal erschreckend. Sechs Prozent aller Erwerbstätigen schlucken Pillen gegen Depressionen – ein ebenfalls beunruhigender Wert.

Zudem ist diese Krankheit nicht einfach zu erkennen, sie kann viele Ursachen haben, tritt in zahlreichen verschiedenen Spielarten auf, kann unkalkulierbar lange andauern. Man hat sie nicht „im Griff“. Und eine wirksame Vorbeugung ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht möglich. Im Prinzip können Depressionen jeden jederzeit heimsuchen.

Und auch wenn diese Volkskrankheit als gut behandelbar gilt, scheint das Gesundheitssys-tem nur begrenzt darauf eingestellt zu sein. Beklagt wird etwa, dass Patienten viel zu lange auf einen Termin beim qualifizierten Therapeuten warten müssen.

Trotzdem mögen die Steigerungsraten in Sachen Krankschreibungen und Antidepressiva-Konsum tatsächlich positiv zu deuten sein. Ohne Frage hat sich das „Image“ der Krankheit in den letzten Jahren gewandelt. Nur noch Ignoranten tönen, wer sich am Riemen reiße, könne seine düsteren Stimmungen schon verscheuchen. Spätestens seit dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke im November 2009 wissen die meisten, dass sich diese schwere psychische Störung durch reine Willenskraft nicht überwinden lässt.

Dass sich mehr Betroffene in ärztliche Behandlung begeben, heißt zunächst: Sie unternehmen aktiv etwas gegen ihre Krankheit. Gut so, denn früher haben das allzu viele versäumt. 

Aber deuten die steigenden Behandlungszahlen außerdem darauf hin, dass auch die Zahl der Menschen wächst, die unter Depressionen leiden? Eine seelische Krankheit, die sich massenhaft ausbreitet, wäre schließlich ein schrilles Alarmsignal.

In diesem Punkt sind sich die Gelehrten uneinig. Drum sollte niemand voreilig über eine seelisch kranke Gesellschaft oder dergleichen schwadronieren. Die Entwicklung wach zu verfolgen, empfiehlt sich immerhin. Endgültig steht nicht fest, wie gut oder schlecht die Nachrichten wirklich sind.