24.11.2011

Erneut Diskussion über Betreuungsgeld

Krippe oder Kinderzimmer?

Erneut gibt es heftige Diskussionen über die Betreuung von Kleinkindern. Die Debatte um das geplante Betreuungsgeld entwickelt sich zu einem Glaubenskrieg über die Frage: Krippe oder Kinderzimmer – was ist der richtige Ort für Kleinkinder?


Mit müden Augen, einer vollen Windel und einem leeren Magen kommt der zweijährige David am Montagmorgen in die Kinderkrippe. „Das Wochenende hat David wahrscheinlich fast komplett mit seinen zwei Geschwistern vor dem Fernseher verbracht“, ahnt Erzieherin Roswitha als sie den Jungen begrüßt. Sie arbeitet seit fast neun Jahren in dem Brennpunktkindergarten am Rande einer rheinland-pfälzischen Großstadt und hat sich an solche Situationen gewöhnt. „Wir erinnern die Eltern immer wieder an das Frühstückspaket – oft leider ohne Erfolg“, sagt sie. Am Anfang des Monats bringen die Kinder sogar teure Teilchen vom Bäcker mit, zum Monatsende gibt es dann eher hartes Brot. „Leider investieren viele unserer Eltern ihr Geld lieber in Zigaretten als in ein ordentliches Frühstück“, sagt sie.

Roswitha und ihre Kolleginnen bezweifeln, dass David in der Einrichtung wäre, wenn seine Mutter stattdessen monatlich 100 Euro Betreuungsgeld bekommen würde. Dieser Betrag soll künftig pro Kind an Familien gehen, die ihre Kinder nach den ersten zwölf Monaten nicht in einer Krippe, sondern zu Hause betreuen oder betreuen lassen – so jedenfalls hat es die Regierungskoalition Anfang November beschlossen. Seitdem rührt sich Widerstand von verschiedenen Seiten. Von „familienpolitischem Irr- und Unsinn“, „Herdprämie“ und einem „bildungspolitisch falschem Signal“ ist die Rede.

Eine Anerkennung für die Erziehungsleistung

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) dagegen verteidigt das geplante Betreuungsgeld als eine „Anerkennung für die Erziehungsleistung“, die zudem noch mehr Wahlfreiheit biete. Auch Familienbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst lobt das Betreuungsgeld als „Schritt in die richtige Richtung“. Bei aller Wertschätzung institutioneller Betreuung müsse das Bewusstsein dafür gefördert werden, „dass eine verlässliche Eltern-Kind-Beziehung gerade in den ersten Lebensjahren nicht einfach institutionell ersetzt werden kann“.

„Natürlich wäre es auch für David schön, wenn er seine ersten drei Lebensjahren zu Hause in einer intakten Familie verbringen würde“, sagt Erzieherin Roswitha. Damit meine sie zum Beispiel eine Familie, in der Mutter und Vater zusammenleben, vielleicht sogar in einer lebenslangen Ehe. Bestenfalls sind auch noch ein bis zwei Geschwister zum Spielen da. Das dies ein erstrebenswertes Idealbild ist, sind sich auch die meisten diskutierenden Parteien und Interessenvertretungen einig. Wie das Beispiel von David zeigt, sieht die Realität oft anders aus. Seine Mutter erzieht ihre drei Kinder alleine. Mit dem launischen David ist sie überfordert. „Wir merken am Entwicklungsstand einiger Kinder, dass zu Hause nur wenig mit ihnen gesprochen und gespielt wird“, sagt Roswitha. „Wenn diese Kinder schon vor dem dritten Lebensjahr bei uns wären, hätten wir auch früher mit der Sprach- und Sozialförderung anfangen können.“

Von Fehlanreizen des Betreuungsgeldes wie es bei David der Fall sein könnte, ist laut Bundesfamilienministerin Schröder nur eine Minderheit betroffen. Die genaue Anzahl kann das Ministerium auf Anfrage nicht beziffern. Kritiker wie der ehemalige Hamburger Senator Jörg Dräger sind der Meinung, das Betreuungsgeld verringere die Bildungschancen von allen Kindern. Betroffen seien alle Schichten, insbesondere aber Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern und Kinder mit Migrationshintergrund. Der Nachwuchs von gut situierten Familien könne zu Hause auch nicht immer altersgerecht gefördert werden. Im kinderarmen Deutschland fehlen im Alltag oft soziale Kontakte zu Geschwistern, Nachbarskindern oder Verwandten.

Ausbau von Krippenplätzen geht nur langsam voran

Zudem haben viele Eltern nicht die Wahl, auf den Beruf zu verzichten oder ihre Erwerbstätigkeit einzuschränken – wollen oder müssen Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Zudem dürften die geplanten 100 Euro den wenigsten Eltern einen Verzicht auf Erwerbsarbeit ermöglichen. Solange also der Ausbau von Betreuungsplätzen für unter Dreijährige weiter so schleppend vorrangeht und nicht ausreichend Plätze zur Verfügung stehen, ist keine echte Wahlfreiheit vorhanden, mahnen die Kritiker.
„Die Krippe kann und soll die Familie nicht ersetzen. Bestenfalls ergänzen wir die familiäre Erziehungsarbeit, entlasten die Eltern und erkennen frühzeitig Defizite bei den Kindern“, sagt Erzieherin Roswitha. Ist nun die Krippe oder das Kinderzimmer der richtige Ort für Kleinkinder? Die Antwort der Erzieherin: „Ein gesunder Mix wäre ideal und würde auch verhindern, dass diejenigen, die von der Betreuung in der Krippe profitieren auf der Stecke bleiben.“

Lisa Koch