27.01.2012

Jahresserie (1) – Hierarchie der Werte

Leitstern zwischen Sollen und Sein

Gar nicht so einfach. Die Frage. Was sind Werte? Und gibt es eine Rangfolge unter ihnen? Von Johannes Becher.

Wichtige Werte für Kinder
Was Kindern wichtig ist. Foto: Julia Hoffmann

„Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe.“ So definiert der Schriftsteller Salman Rushdie die „westlichen Werte“. Es gibt also auch „östliche Werte“? Nördliche und südliche? Alte und junge?

Gewiss. Wenn man die Diskussion der Kinder in der Fuldaer Grundschule verfolgt (Artikel) , dann ist die Frage, was jemand als Wert schätzt, sehr persönlich. „Werte sind das, was einem etwas wert ist“: So könnte man von den Kindern lernen. Übrigens hat eine große Kinder-Werte-Studie von Bundesregierung und Unicef vor einigen Jahren denselben Spitzen-Wert erbracht wie das kleine Experiment der Kirchenzeitung: Familie und Freunde stehen ganz oben auf der Liste. Auch, wenn „Familie“ ja eine Lebensform ist, von der man erwartet, dass sie ein Leben mit bestimmten Werten garantiert: Wärme, Nähe, Vertrauen, Sicherheit, Zuneigung… In der Hierarchie der Kinder-Studie folgen „Ehrlichkeit“ und „Mut haben“.

Und bei den Erwachsenen? „Es wird auch in Zukunft im Kern um die immergleichen Werte gehen“, sagt der Autor und Philosoph Richard David Precht voraus: „Sicherheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Anerkennung, Sinn. Aber unsere Desorientierung ist mit den Möglichkeiten gestiegen, das individuelle Leben selbst zu bestimmen.“ Das heißt: Der Mensch kann sich leichter verirren im wertfreien Dschungel der Gesellschaft.

Auch Menschen, die sich beruflich darum kümmern, dass andere Menschen Sinn in ihrem Leben finden, sehen eine Notwendigkeit von Werten genau darin: Sie sollen für Orientierung sorgen. Werte weisen darauf hin, „was sein sollte“, und sind ein „Leitstern“ für ein Leben mit hohen Zielen und Idealen. Es gibt Persönlichkeitstrainer, die verschiedene Kategorien von Werten unterscheiden. Zum Beispiel Matthias Schwehm. Er nennt Kopf-Werte (der Mensch glaubt, dass ihm dieser Wert wichtig ist, lebt ihn aber nicht), Ist-Werte (der Mensch lebt diesen Wert wirklich) und Selbstverwirklichungs-Werte (der persönliche Ideal-Wert).

Andere Experten sehen die Möglichkeit, dass die verschiedenen Lebensbereiche der Menschen von jeweils anderen Werten bestimmt werden: Welche Werte bestimmen mein Leben als Mensch? Als Berufstätiger? Beim Einkaufen? Wenn’s ums Geld geht? „Je mehr sich die Werte in den verschiedenen Bereichen unseres Lebens gleichen, umso klarer und eindeutiger fühlt sich unser Leben an“, heißt es bei einem Anbieter von Tests zur Wertehierarchie. Klar: Wenn das persönliche Wertesystem stimmig ist, fällt es leichter, sich zu motivieren. Wer auf die Frage: „Ist es mir das wert“, mit „Ja“ antwortet, dem fällt es leichter, sich zu entscheiden. Und wenn die Werte in Familie und Beruf die gleichen sind, fällt auch die Antwort auf die Frage vielleicht leichter, ob man lieber Überstunden macht (und sich so mehr leisten kann) oder ob man lieber früher Zeit für die Familie hat.

Noch komplizierter wird das mit den Werten, wenn sich verschiedene Generationen oder Milieus auf gemeinsame Werte verständigen sollen. Pünktlichkeit, Sauberkeit, Gehorsam, Treue – alles Werte, die früher anders mit Leben gefüllt wurden als heute. Und Professor Carsten Wippermann hat untersucht, wie verschiedene Milieus die Werte durchbuchstabieren: „Man kann eben nicht sagen, für ein Milieu wie die Konservativen sind Werte wie Pflicht, Leistung und Anpassung wichtig und andere Werte wie Freiheit und Selbstverwirklichung unwichtig. Alle Werte, die wir in unserer Gesellschaft haben, fi nden wir in jedem Milieu. Nur: Diese Werte haben eine unterschiedliche inhaltliche Bedeutung für die Milieus, und sie stehen in einer anderen Wertearchitektur.“ Sprich: Nicht, was außen draufsteht, ist entscheidend, sondern, wie der Begriff gefüllt ist.

Und die Kirche? Nächste Folge.