13.03.2015

Leviathan

Leviathan – der Filmtitel ist Programm. Während sich der eher ärmliche Automechaniker Kolia noch wehrt, hat der Bürgermeister seines Ortes es schon auf sein Haus abgesehen, will ihn enteignen. Je mehr sich Kolia widersetzt, desto schlimmer wird es für ihn. Ein aussichtsloser Kampf? Gesehen von Julia Hoffmann.

 

Wellen zerschellen tosend an den steilen Klippen. Am Strand türmt sich ein riesiges Wahlgerippe auf, umsäumt von Schiffswracks. In dieser düsteren Kulisse spielt der Film von Regisseur Andrey Zvyagintsev, für den er in Russland als Vaterlandsverräter beschimpft und in den USA für einen Oscar nominiert wurde. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Zvyagintsev mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet, und sein Film erhielt den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film. Viel Glanz für eine Gesellschaftskritik voller Schatten.

Am Ufer der Barentssee im rauen Norden Russlands steht ein schäbiges Haus mit einer wunderschönen Aussicht. Der Automechaniker Kolia führt dort ein einfaches Leben mit seiner Frau und seinem Sohn. Die schöne Aussicht gefällt auch dem Bürgermeister, er will Kolia das Grundstück zu einem lächerlich niedrigen Preis abkaufen. Als sich Kolia widersetzt, wird er kurzerhand enteignet. Der Alptraum beginnt.

Es klingt wie die Salve eines Maschinengewehrs, als die Richterin das Urteil verliest. Ein befreundeter Anwalt aus Moskau reist an, um Kolja zu helfen. Er hat eine Akte im Gepäck, in der die dunkle Seite des Bürgermeisters niedergeschrieben steht. Auf Details wird im Film nicht eingegangen. „Er watet knietief im Blut. Das weiß jeder“, sagt Kolia nur. Jetzt hat er eine Chance, mag der Zuschauer denken. Doch weit gefehlt. Nicht nur der so genannte Rechtsstaat steht dem Bürgermeister zur Seite, auch die Kirche deckt seine Machenschaften. Außerdem hat der Bürgermeister eine schlagkräftige Truppe hinter sich, die er auch gegen Anwälte aus Moskau ins Feld schickt.

"Du bist Abschaum"

Je länger der Film dauert, desto klarer wird: Ein Netz aus Korruption und Vetternwirtschaft macht es Kolia unmöglich, seinen Kampf zu gewinnen. Hinzu kommen die Demütigungen des Bürgermeisters, der nachts betrunken vor Kolias Haus auftaucht und ihm klar macht: „Du bist Abschaum. Du hattest nie Macht und du wirst nie welche haben.“

Es ist ein Film voller Symbolik. Das korrupte Machtsystem, verkörpert durch den Bürgermeister und seine Schergen, ist wie der biblische Leviathan: „Wer begegnete ihm und bliebe heil? Unter dem ganzen Himmel gibt es so einen nicht.“ (Hiob 41,3). Je mehr sich Kolia wehrt, desto fester zieht sich die Schlinge um seinen Kopf zu.

Auch Thomas Hobbes behält im Film Recht mit seinem „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Schließlich wendet sich nicht nur die staatliche Macht gegen Kolia, auch privat wendet sich das Schicksal gegen ihn. Ein Alptraum vor finsterer Kulisse. Beklemmend, entmutigend, sehenswert!

 

Leviathan, Russland 2014
Kinostart: 12. März 2015
Länge: 140 Minuten

 

Schnell-Check (maximal 5 Punkte)

Humor        
Romantik        
Spannung    
Spiritueller Tiefgang U-Boot U-Boot U-Boot U-Boot  
Insgesamt empfehlenswert Sternchen Sternchen