31.05.2017

Jahresserie 2017: "Skandal egal? – Die Sache mit der Ökumene" Teil 5

„Weg von öligen Formeln“

Was können die christlichen Konfessionen beim Feiern ihrer Gottesdienste voneinander lernen? Antworten von Helmut Wöllenstein. Er ist Vorsitzender der Liturgischen Kammer der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck und Propst des Sprengels Waldeck und Marburg.

Sind Katholiken die Liturgie-Experten? Brauchen Protestanten Gestaltungshilfen für den Gottesdienst? Der Karikaturist Thomas Plaßmann hat sich des Themas angenommen.
Sind Katholiken die Liturgie-Experten? Brauchen Protestanten Gestaltungshilfen für den Gottesdienst? Der Karikaturist Thomas Plaßmann hat sich des Themas angenommen.

Protestanten können nicht Liturgie feiern! Was erwidern Sie auf ein solches Vorurteil?

Wenn Liturgie bedeutet, dass nur Männer am Altar zelebrieren und dass Menschen, die geschieden sind oder eine andere Konfession haben, nicht am Mahl teilnehmen dürfen, können wir in der Tat nicht mithalten. Das machen wir anders und wollen an dieser Stelle auch nichts dazulernen. – Aber ich höre die Einschätzung auch selbstkritisch: Durch die hohe Wertschätzung der Predigt in unserem Gottesdienst passiert es, dass andere Teile als „Beiwerk“ behandelt werden. Predigerin oder Prediger treten häufig noch als Solisten im ganzen Gottesdienst auf. Sie prägen alles, so oder so. Der Umgang mit Raum, Kleidung und Gegenständen kann dabei beliebig wirken. Jede Landeskirche hat eigene Varianten, die von den Gemeinden noch einmal variiert werden. Das kann kreativ aber auch anstrengend sein. Die Kreationen werden oft wortreich erklärt. Schließlich sollen alle alles verstehen. Man fühlt sich eher in eine Schulstunde versetzt als zu einer lebendigen Begegnung mit Gott eingeladen.

Was können Katholiken im evangelischen Gottesdienst lernen?

Sich über Frauen am Altar zu freuen. Vielfalt und Freiheit in der Gestaltung zuzulassen. Eine reiche Predigtkultur zu pflegen. Das Bemühen um zeitgemäße, alltagsnahe Sprache, weg von öligen Formeln und rituellem Automatismus. Innigkeit. Brot und Wein für alle. Die Liebe zur Kirchenmusik: Posaunen, Kantorei, Gospelchor, alte Choräle und peppige neue Lieder. Die volle Verantwortung des Kirchenvorstands für die Gottesdienste der Gemeinde. Die Lust zum Experimentieren mit anderen Orten, anderen Zeiten und anderen Formaten: Gottesdienste mit Künstlern, Kantatengottesdienste, Politikerinnen auf der Kanzel, Literaturgottesdienste,  Feierabendmahl wie beim Kirchentag.  Das Zugehen auf besondere Milieus und Zielgruppen. Die aktive Beteiligung zivilgesellschaftlicher Bewegungen wie Greenpeace oder Amnestie international.

Und umgekehrt: Was können Protestanten von den Katholiken lernen?

Dass sie überhaupt den Gottesdienst besuchen! Die vielgerühmte Freiheit des Glaubens (von Kirche und religiöser Pflicht) überlebt bei uns Protestanten auf Dauer nur, wenn dieser Glaube auch öffentlich dargestellt und weitergegeben wird. Gottesdienst als zentrale Lebensäußerung der Kirche will nicht nur von uns hochgehalten, sondern auch gelebt werden in der Realität – in der realen Anwesenheit Christi in Wort und Sakrament. Das Mahl sollten wir öfter feiern. Überhaupt können wir im katholischen Gottesdienst das Feiern lernen mit dem Körper und mit allen Sinnen: Da ist Farbe, Glanz, Duft, Bewegung, es gibt immer schöne Blumen und mehr als zwei Kerzen. Viele ziehen zusammen ein und aus, verneigen und bekreuzigen sich. Ich beneide die katholische Kirche um die „Messdiener“: Jugendliche finden einen Zugang zum Gottesdienst, weil sie gebraucht werden. Im katholischen Gottesdienst wird nicht nur erinnert oder erklärt, es geschieht etwas. Achtsamkeit für Details verbindet sich mit dem Vertrauen in die große Form.

Fließen Ihre Erkenntnisse ein in die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern?

Propst Helmut Wöllenstein Foto: privat
Propst Helmut Wöllenstein
Foto: privat

Sicher wird hier zuerst die Fähigkeit zur Verkündigung ausgebildet, also diskursive, hermeneutische und kommunikative Kompetenz. Nicht umsonst hieß die Einrichtung bis vor kurzem „Predigerseminar“.
Doch ebenso geht es um spirituelle Erfahrungen durch aktive Beteiligung am geistlichen Leben des Hauses: Beten kann man nur durch beten lernen. Seit Jahren gehört die Arbeit an der eigenen Sprache in nicht kognitiven Bereichen zum Kurrikulum wie auch praktische Übungen in „Liturgischer Präsenz“: alle Teile des Gottesdienstes werden mit Originaltexten in liturgischen Räumen bühnentechnisch durchgeprobt und unter wirkungsästhetischen Kriterien im Blick auf ihre Stimmigkeit hin optimiert.

Wie sieht denn ein liturgisch harmonischer ökumenischer Gottesdienst der Zukunft aus?

Er basiert auf der Freundschaft der Kirchen ohne sie stets neu demonstrieren zu müssen. Christus wird gefeiert. Die Partner muten sich etwas zu, überfordern sich aber nicht. Vielleicht kommen eines Tages alle zusammen an einen Tisch. Bis dahin hören sie nicht auf, sich den Frieden zuzusagen mit Worten und Zeichen. Sie singen Lieder, die alle kennen. Sie verstecken aber nicht voreinander, was die einen oder die anderen lieben: Evangelische singen auch ein Marienlied mit und es wird auch Lutherbibel gelesen. Es sollte nur eine Predigt geben. In der Mitte steht das Evangelium in aktueller Zuspitzung auf das, was Menschen wirklich brauchen.

Beide Kirchen zeigen, dass sie in einem viel weiteren Horizont stehen, der größeren Ökumene verbunden sind, dass sie dem friedlichen Miteinander der Religionen dienen und der Versöhnung in einer Welt voller Zerstörung. Ein schönes Zeichen ist, wenn am Ende zwei nebeneinander  und doch zusammen den Segen sprechen.

Interview: Johannes Becher