24.03.2013

Jesus leidet nicht nur unter körperlicher Gewalt

Marterwerkzeug Spott

An diesem Sonntag wird die gesamte Passion Jesu vorgetragen. Der Evangelist Lukas schildert dabei nicht nur, wie Jesus körperlich gequält wird mit Schlägen, Geißelei und Dornenkrone, sondern auch seelisch: Spucke und Spott, Häme und Hohn sind ebenso Folterinstrumente wie Geißel, Stock und Dornenkrone.

Fast genüsslich schildert die britische Rockoper „Jesus Christ Superstar“ wie Jesus auch seelisch gefoltert wird: Nahezu legendär die Szene, in der Jesus von Herodes Antipas verspottet und verhöhnt wird: „Zeig’, dass du kein Trottel bist, lauf über meinen Swimmingpool. “, ätzt Herodes zu dem bereits durchgeprügelten Wundermann, der da vor ihm steht.

Lukas deutet sie nur an, den Spott und die Häme, die Herodes ausschüttet über Jesus. Der Herodes des Musicals kostet sie aus, wenn er sich vor versammeltem Hoftstaat aufplustert: „Jesus, bin ich froh, dich mal persönlich kennenzulernen. Du bist in letzter Zeit ja eine echt große Nummer geworden: Heilst Krüppel und weckst Tote auf. Und jetzt höre ich, du seist gar Gott – zumindest hast du das gesagt.“
Selten wird die ganze Bandbreite von Witz über Ironie und Spott hin zu Häme und Verachtung so anschaulich in Szene gesetzt wie dort. Als Zuschauer kann man sich dem kaum entziehen. Derweil hockt oder steht Jesus vor Herodes und weiß nicht recht, wie ihm geschieht. „So, du bist also der Messias, der große Messias Jesus? Beweise, dass du göttlich bist, und mach aus meinem Wasser Wein. Das reicht, dann weiß ich, dass das alles stimmt. Na los, du Judenkönig …“

Spott braucht die Bühne, verlangt nach Zuschauern, um seine Opfer vorzuführen. „Der Pausenhof ist oft so eine Gelegenheit“, sagt Daniela Sander. Als Psychologin, die an fünf Schulen im Ruhrgebiet tätig ist, hat sie mit Spott, Häme und Mobbing zu tun. „Meist fängt einer an, zwei oder drei ziehen mit und finden das lustig“, schildert sie den Beginn solcher Verspottungen.

Einmal Spott hält man aus, ständiger Spott zerstört

Viele Menschen wissen aus Erfahrung, wie das enden kann, was mit „Du fette Sau“, „Guck mal deine Nase an …“ oder „Wie läufst du denn rum …“ beginnt. Zumal, wenn es sich ständig wiederholt. Einmal beschimpft zu werden, können Jugendliche ganz gut wegstecken, vor allem wenn sie über ein einigermaßen gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Aber oft muss Sander Kindern erst erkären, was tatsächlich passiert, wenn sie sich über jemand anderen lustig machen: dass das eben nicht lustig ist. Dass sie einen Menschen verletzen, ihm wehtun – und das bestimmt nicht selber erleben möchten.

Gelächter der Mitläufer – Beifall im Ohr des Spötters

Bei Kindern und Jugendlichen, die andere verspotten, ist oft mehr Angst im Spiel als Bösartigkeit. Die Angst, selber zum Opfer zu werden, lässt Umstehende einstimmen in das boshafte Spiel. Das Gelächter der Mitläufer wird zum Beifall in den Ohren des Spötters. Und so treiben sie das Opfer aus ihrer Mitte. Der Verspottete fühlt sich beschämt, obwohl er sich nicht schämen müsste. Die Scham nagt am Selbstwertgefühl, treibt die Opfer in Verzweiflung, Depression – oder in die Hände radikaler Gruppen.
„Die Spötterei ist eine höchst schädliche und gefährliche Waffe, wenn sie in ungeschickte und täppische Hände gerät“, schrieb im 18. Jahrhundert der englische Staatsmann Philip Stanhope Earl of Chesterfield. Also gilt umgekehrt: In geschickten Händen, bei gebildetene Geistern kann Spott zu einer treffenden und auch legitimen Waffe werden – gegen hochgerüstete, mitunter einfältige Diktatoren.

Dann kann der Spott der Ohnmächtigen die Macht der Mächtigen relativieren. Dann durchschauen Spötter des Kaisers neue Kleider. Wenn der König stolpert, ist das lustiger, als wenn sein Diener stolpert. Doch die Grenzen zwischen fair und unfair sind fließend. „Menschen empfinden Ironie und Spott sehr unterschiedlich“, weiß der Mainzer Kirchenkabarettist Thomas Klumb aus Erfahrung. „Wenn aber bei Einzelnen der Gürtel um die Stirn sitzt, ist jeder Witz unterhalb der Gürtellinie.“ Für Klumb selber verläuft die Trennlinie dort, wo Spott ehrabschneidend wird, wo es gegen Außenseiter, behinderte Menschen, gegen Schwache geht. Als Kind haben ihn die Passionserzählungen der Evangelien sehr beeindruckt: „Da habe ich gespürt: Das mit der Dornenkrone, mit dem Mantel und dem Bespucken ist eine ganz üble Sache.“

„Spotten“ kommt von „spucken“. Im Grunde, so der Mönchengladbacher Psychologe und Lebensberater Ulrich Lüke, zeigt der Spötter, der mit Worten und Gesten auf Wehrlose eindrischt, seine eigene Schwäche. „Er will sich besser machen, indem er andere herabsetzt. Damit aber gibt er preis, dass er unsicher und kleiner ist, als er tut.“ Das aber durchschaut nur, wer selber charakterlich gefestigt ist, Lebenserfahrung und Menschenkenntnis gesammelt hat. Was aber hilft, wenn Spötter mich umgeben?
Am ehesten helfen Umstehende, die sich mit dem Verspotteten solidarisieren, mit ihm etwas machen, rät Ulrich Lüke. Das sei besser, als ihrerseits gegen den Anführer zu spotten. Und was tun, wenn keiner einschreitet? „Am besten“, sagt Schulpsychologin Daniela Sander, „ist es, wenn Schüler sofort klar sagen, dass der andere eine Grenze überschreitet, dass man das nicht will.“ „Das Schlimmste wäre es, sich in dem Moment zu rechtfertigen. Spott verdient keine sachliche Diskussion, er macht so etwas unmöglich.“

Im Evangelium heißt es nur: Jesus gab Herodes keine Antwort. „Wenn Spott nicht aufhört, ist es tatsächlich am besten, ihn zu ignorieren – obwohl das nicht leicht ist“, sagt Sander. Aber so erhält der Spötter nicht mehr die gewünschte Reaktion des Opfers.

Jesus gönnt Herodes den ersehnten Triumph nicht

Im Musical tanzt Herodes’ Hofstaat um ihn herum, lacht über seine Witze und schmeichelt seinem Ego. Herodes weiß, dass er keine wirkliche Macht hat, dass er sein Volk betrügt. Das muss er kompensieren. Jesus aber gewährt dem selbstverliebten Narziss nicht den Triumph, den dieser haben will. Und deshalb wird Herodes pampig und böse. Wie ein Kind, das seinen Willen nicht kriegt. „Angekratzte Selbstverliebtheit, gekränkte Eitelkeit des Möchtegernherrschers“, vermutet die Psychologin.

Säße ihm Pilatus nicht im Nacken, ließe er gerne selbst Jesus foltern und vernichten – „nur zum Spaß“. Und so wird Herodes immer böser und wütender: „Hey, hast du keine Angst vor mir, du Wunder-Messias. Du bist’n Witz, du bist nicht Gott. Du bist nichts als ein Schwindler. Schafft ihn weg hier; er hat ja nichts zu sagen. Hau ab und lass dich nie wieder seh’n …!“

Roland Juchem